Gotha: So ein Theater!

0
358
Schloss Friedenstein in Gotha mit dem Denkmal "Herzog Ernst, der Fromme" davor.

Sie tun es im Bewusstsein, Bürger einer schönen Stadt zu sein. Guckt man vom Schlossberg auf den Häuserhaufen hinab, so liegt einem das historische Zentrum wie eine Puppenstube zu Füßen. Prachtvolle Bürgerhäuser aus dem 16. bis 19. Jahrhundert umrahmen den Hauptmarkt. In der Nr. 37, genau gegenüber dem barocken Schellenbrunnen, wurde Ernst Wilhelm Arnoldi (1778-1841) geboren, der „Erfinder“ der Feuer- und Lebensversicherung in Deutschland. In dem Haus am Hauptmarkt Nr. 17 erblickte die Ehefrau von Lucas Cranach das Licht der Welt. Nur zwei Querstraßen weiter kam Karl Joseph Meyer (1796-1856) zur Welt, der Begründer des berühmten Bibliographischen Instituts. Der Hauptmarkt selbst wird dominiert von dem dreigeschossigen Rathaus (1567-1574), das zu den schönsten in Deutschland zählt. Den glanzvollen Abschluss des Ensembles bildet die 1895 gestaltete „Wasserkunst“, die von einem 30 km langen, vielfach gewundenen Kanal gespeist wird. Er bringt seit 1369 Wasser aus dem Thüringer Wald in die Innenstadt von Gotha. Bis ins letzte Jahrhundert hinein sicherte er die Trinkwasserversorgung der Bevölkerung.

Aus welcher Richtung man auch immer sich der einstigen „Residents-Stadt“ nähert, stets wird man von Schloss Friedenstein begrüßt. Es thront wie ein Wahrzeichen über der Stadt. Das imposante Gebäude mit den zwei ungleichen Türmen ist das größte Barockschloss Deutschlands. Es wurde 1655 nach nur 12jähriger Bauzeit fertig gestellt. Bauherr war Herzog Ernst I. „der Fromme“; der von 1640 bis 1674 das Herzogtums Sachsen-Gotha regierte. Der fromme Ernst liebte nicht nur die schönen Künste, auch die Natur- und Geisteswissenschaften hatten es ihm angetan. Seine Leidenschaft bereitete den Boden, auf dem Wissensdurst, Neugier und Aufgeschlossenheit „wuchsen“. Viele berühmte Köpfe zog es in der Folgezeit an den Gothaer Hof, darunter Voltaire und Goethe. Über Jahrzehnte war die thüringische Provinz in Gotha ein wichtiges geistiges und kulturelles Zentrum Europas.

Ernst und seinen Nachfahren ist es zu danken, das Schloss Friedenstein (bei einem Grundriss von 140 mal 100 Metern) heute bis unters Dach voll gestopft ist mit schönen Dingen. Mit Gemälden von Peter Paul Rubens, Lucas Cranach oder Caspar David Friedrich, mit Grafiken, Skulpturen und wunderschönen sakralen Schnitzplastiken. 9000 Regalmeter verstaubter, alter Akten warten darauf, erforscht zu werden. Wer soll die 560 000 Bände in der Bibliothek nur alle lesen? Die Münzsammlung, die bereits im 18. Jahrhundert als Sensation galt, würde den bedeutendsten Museen der Welt zur Ehre gereichen. „Kaum jemand ahnt, was ihn hier so alles erwartet“, sagt Dr. Roland Krischke, Leiter der Öffentlichkeitsarbeit in der Stiftung Schloss Friedenstein. „Dass ein solcher Schatz quasi unentdeckt in der Mitte Deutschlands schlummert, macht uns traurig. Nicht mehr als 100 000 Zuschauer haben wir im vergangenen Jahr gezählt. Das wollen wir ändern. Wir werden das ’barocke Universum’ Gotha neu ordnen, attraktiver präsentieren und hoffen, mehr Menschen damit zu erreichen.“

Zu den ungehobenen Schätzen gehört beispielsweise der „Gothaer Altar“ (Anfang des 16. Jh.). Mit seinen 160 einzelnen Tafeln ist er der bildreichste Deutschlands. Ein Juwel ist das unschuldige „Gothaer Liebespaar“, gemalt um 1480/85. Es zeigt den Grafen Philipp von Hanau-Münzenberg mit seiner bürgerlichen Ehefrau Margarethe Weißkircher. Ein weißes Schriftband erklärt, dass diese Verbindung „unbyllich“ ist. Aber wahre Liebe wiegt schwerer als Standesdünkel. Die beiden Turteltäubchen gelten zu Recht als „das klassische Liebespaar der altdeutschen Kunst“.

Das riesige Schloss Friedenstein, das so viele Räume wie das Jahr Tage hat, beherbergt in seinem Westturm ein besonderes Kapitel deutscher Kulturgeschichte, das Ekhof-Theater. Benannt ist die Bühne nach Conrad Ekhof (1720-1778), der sich schon zu Lebzeiten seinen Ruf als „Vater der deutschen Schauspielkunst“ erwarb. Der Schauspieler gründete 1775 am Hofe von Herzog Ernst II. das erste deutsche stehende Theaterensemble von Bedeutung. Er legte die Fundamente eines Bühnenbetriebes, der bis heute in seinen Grundzügen erhalten ist. Nicht das Ensemble, jeder einzelne Schauspieler erhielt damals vom Herzog einen Vertrag, der ihn in den Rang eines Beamten erhob und ihm eine Altersversorgung sicherte.

Die Bühnentechnik im Ekhof-Theater ist original. Die Gothaer hüten diese Rarität wie ihren Augapfel. Nirgendwo sonst in Europa gibt es so ein Theater! Die älteste frühbarocke Bühne Deutschlands wird noch heute bespielt. Seit 1996 ist das Ekhof-Festival, das stets im Sommer stattfindet, nicht mehr aus dem Kulturleben Gothas weg zu denken. Das kleine Theater mit seinen 165 Plätzen versetzt die Zuschauer in die Zeit, in der Conrad Ekhof inszenierte und spielte. Aufgeführt werden Theaterstücke und Opern aus dem 18. Jh. Die Schauspieler stecken dazu in historischen Kostümen, selbst die Beleuchtung ist der Zeit von vor 300 Jahren nachempfunden. Clou des Ganzen ist die barocke Bühnenverwandlungsmaschine mit ihren 32 zweirädrigen Kulissenwagen, die der Italiener Giacomo Torelli im 17. Jahrhunderts erfand. Der Wechsel des Bühnenbildes bei offenem Vorhang ist stets ein kunstvolles Spektakel. Eines, das selbst im Computerzeitalter Beifall erhält.

* * *

Anmerkung:

Die Beitrag von Bernd Siegmund wurde in der „Märkischen Allgemeinen Zeitung“ vom 12./13. September 2009 erstveröffentlicht.

Anzeige