Es begann an der Weichsel – Mit der „Reporterin Alexandra“ auf königlicher Premierenfahrt

Hausboot "Alexandra" auf der Weichsel

Bange Frage: Wo ist sie? Man sieht den Wald vor lauter Masten nicht und ist erst mal ratlos. Bis sechs Räder sich aus dem Gewirr abheben. Das müsste sie sein, besser gesagt ihr Oberbau. Ein Fahrradständer nämlich überragt alles andere. Wenn auch nicht an Größe, so doch an Höhe. „Alexandra“ prangt in hellblauen Lettern auf ihrem makellos glänzenden Rumpf, der in vornehm-königlichem Dunkelblau gehalten ist.

Schließlich begeben wir uns auf einen majestätischen Wasserpfad, die Weichsel. Mit rund 1000 Kilometern Länge gilt sie als Königin der polnischen Flüsse.

Mottlau auf Höhe Null

Noch ist die zehn Meter lange Bootsdame „Alexandra“ eingeklemmt zwischen großen und kleinen, protzigen und bescheidenen Booten. Im Sommer ist das internationale Gedränge in der Mottlau-Marina beängstigend. Der Blick auf das gegenüberliegende Krantor, Wahrzeichen der altehrwürdigen Hansestadt Danzig, entschädigt dafür umso mehr.

Die Salonfenster sind beschlagen. Untrügliches Zeichen, dass es innen brutzelt. In der Luft liegt der Duft von Gebratenem. Die Tür fliegt auf: „Welcome on board, I am Bartek!“, stellt sich ein junger Mann vor. Hinter ihm hantiert eine junge Frau am Herd. „And I am Dominika“, strahlt sie den Gast aus Deutschland an. Ohne Umschweife bittet die schwarzhaarige Physiotherapie-Studentin mit italienischen Vorfahren zu Tisch und packt die Teller voll mit saftigen, goldgelben Schnitzeln und Tomatensalat. Nach fünf Stunden Bahnfahrt von Stettin durch Hinterpommern langt man umso lieber zu und lässt sich die freundliche Willkommensmahlzeit einfach nur schmecken.

„Wir sollten nach dem Essen ablegen“, kalkuliert der 25-jährige Bartek, Geschäftspartner von Lukasz. Vor sich hat der studierte Kartograf und Geodät eine Karte ausgebreitet. „Um 19 Uhr“, weiß er, „öffnet die Pontonbrücke von Sobiescewo heute zum letzten Mal. Danach können wir noch bis vor die Schleuse Pzegalina tuckern“.

Rathaus und Marienkirche wandern als Spitzen über die Bürgerhausdächer an der Mottlau, auf der unsere Motoryacht „Haber 33 Reporter“, so die offizielle Typenbezeichnung, den Danziger Hafen ansteuert. Aus Höhe Null wirkt der attraktive Mottlau-Kai noch beeindruckender. Die Premierenfahrt des jüngsten und größten Neubaus der Wislana-Cruises-Flotte beginnt. Aus diesem Grund mit einem Reporter auf der „Reporter“.

Ufer-Impressionen

Als schräg voraus der mächtige weiße Wasserbart eines Hochseeschleppers auf die „Alexandra“ zuschäumt, möchte man am liebsten stoppen oder abdrehen. „Keine Panik!“, beruhigt Bartek und bleibt lächelnd auf seinem Kurs, schließlich habe man ja Vorfahrt. Die Männer hoch oben auf der „Kambr“-Brücke stört das nicht im Geringsten. Im Gegenteil, sie winken freundlich nach unten und der rote Koloss dreht sich elegant wiegend nach Backbord. Uff! – das ist scheinbar knapp gewesen.

Die Kran- und Neubaukulisse der früheren Lenin-Werft, von der mit Lech Walesa 1980 die Solidarnoscz-Bewegung ausging, verliert sich im Kielwasser der Martwa Wisla, wie die Tote Weichsel polnisch heißt. Die Ufer sind gespickt mit sozialistisch anmutenden Zweckbauten. Die abstoßende Palette reicht von dröhnender Metallverarbeitung über flammende Petrochemie bis zu übelriechenden Klärbecken. Ätzend! Da muss man sich schon mal die Nase zuhalten.

Voraus die Pontonbrücke. Eine schwachbrüstige Barkasse zerrt an dem rostigen Mittelstück, das sich widerwillig knarzend öffnet. Bohnsack hieß bis 1945 der Ort an der Zatoka Gdanska, der Danziger Bucht. Auf beiden Seiten kreuzen wartende Boote. Doch hier gilt, wie Bartek sagt: „Wer zuerst kommt, mahlt zuerst!“ Mit dem Hebel auf dem Tisch, aber nur 13 spritsparenden PS, rauscht „Alexandra“ als erste durch die Lücke. An Steuerbord der „Kilimandscharo“ vom Weichselufer. Bartek grinst, als er nach dessen Bedeutung gefragt wird: „Eine frühere Abraumhalde, die zum Danziger Skiparadies umfunktionieren werden soll“.

Einlaufbier zum Wellengluckern

Bis Einlage, dem heutigen Przegalina, wird der Skipper von seinem Gast abgelöst. Vor Sonnenuntergang erreicht „Alexandra“ die erste Schleuse. „Theoretisch könnten wir zwar weiterfahren, aber wozu?“ Bartek erklärt, dass für Hausboote ein Nachtfahrverbot bestehe, die Schleusen gegen Aufpreis aber arbeiten. Ausserdem haben wir Zeit, wollen entschleunigen und alles bei Tageslicht sehen.

Der Schleusenwärter, den Bartek kennt, nimmt das Stromkabel entgegen. Über Nacht ist die Energieversorgung gesichert und die Batterie wird geschont. Plopp! Kronkorken fliegen zu Boden. Das traditionelle Einlaufbier ist jetzt fällig.

Beim Auspacken des Rucksacks bleibt die Tür der Achterkabine geöffnet, sonst kann man sich im Vorraum weder umdrehen, noch an- oder ausziehen. Für die Crew kein Problem, da man ja „unter sich“ ist. Das Größte daran: die den Raum einnehmende bequeme Doppelkoje. Ein Lämpchen verbreitet gemütliches Leselicht, die Schleusen-Nachtigall sorgt für eine passende Einschlafmelodie. Eintönig-beruhigend gluckern dazu die Weichselwellen an der Bordwand, während der Abendwind durch die geöffnete Luke säuselt

Unter Null im Weichsel-Werder

Winzig wirkt sie, die hübsche „Alexandra“, als sie am nächsten Morgen in die gewaltige Schleuse eindreht. Die wurde in erster Linie für dicke Dampfer konzipiert und ist entsprechend dimensioniert.

Freie Fahrt hinaus auf die „richtige“, weil „lebendige“ Weichsel. Gegen ihre Strömung boxt sich „Alexandra“ nach Süden. Problemlos. Der entgegenkommende Schleppzug mit einem holländischen Binnenschiff-Neubaukasko aus dem nordmasowischen Plock hat es da schon schwerer, das sperrige 135-Meter-Ding auf Kurs zu halten.

Nur sechs Kilometer stromabwärts öffnet sich die beidseitig eingedeichte Flusskönigin zur Ostsee, deren Wellen in den Mündungstrichter rollen. Erst der Weichseldurchstich von 1895 machte das möglich.

Nur einen Katzensprung weiter, bei Flusskilometer 931, nehmen wir Abschied von der Weichsel – bis später. Die Schleuse Skarpowo/Scharpau erwartet uns schon nach Barteks Anruf. Auf Polnisch natürlich. Ohne diese Sprachkenntnisse geht es allerdings auch. Lukasz übernimmt dann per Handy die Kommunikation.

Auf der Elbinger Weichsel führt der Generalkurs nach Osten. Durch das sattgrüne Tiefland der Zulawy, dem früheren Großen oder Weichsel-Werder. Scheinbar menschenleer, denn außer allerlei Wasservögeln sieht man keinen Menschen. Vielleicht weil das Land mit 1,8 Meter unter dem Meeresspiegel zu tief liegt und überflutungsgefährdet ist? Doch schon im 13. Jahrhundert begannen holländische Siedler, aus ihrer Heimat vertriebene Mennoniten, damit, ein Entwässerungssystem anzulegen. Polder und die Abtrennung aller übrigen Weichsel-Mündungsarme von der Ostsee durch Schleusen erinnern noch heute daran. Die Vielfalt dieses Wasserreservoirs begründete ein Naturparadies von europäischem Rang. 70 Prozent aller in Polen beheimateten Vögel nisten hier. Biber und sensible Pflanzen wie der Wasserfarn Salwinia zeigen an: Das Wasser ist wieder sauber.

Piroggen und Wodka

Mittagspause vor der in holländischem Stil gehaltenen Zugbrücke von Drewnica/Schönbaum.

„Heute bleibt die Küche kalt“, grinst Bartek verschmitzt. „Szkarpawianka“ lockt. So heißt die Kneipe am gegenüberliegenden Ufer. Sozialistisches Betongrau außen, passend dazu das rot-gelb-blaue Ambiente innen. Zwei polnische Arbeiten richten sich mit Wodka und Selbstgedrehten auf die Siesta ein. Die Wirtin blond, jung und freundlich: „Piroggen wollt ihr? Zum Mitnehmen? Nie ma problemu“, was so viel heißt wie „kein Problem“. Nach knapp 20 Minuten ziehen wir mit unserer preiswerten Fleischtaschen-Last ab. Der wettergegerbte Brückenwärter begleitet uns. 15 Minuten nach der offiziellen Zeit – in Deutschland undenkbar! – reckt sich die Fahrbahn in den Sommerhimmel. „Ein paar Wodka im Winter, dann klappt ´s immer“, erklärt der Skipper die Situation. Winken hin- und herüber, „do widzenia, auf Wiedersehen!“ Schon sind wir wieder allein unterwegs auf dem Strom nach Osten. Und das mitten in der Hochsaison!

Weitab hinter dem dichten Schilfkordon dämmern ehemals westpreußische Weiler vor sich hin. Einst hießen sie Kalteherberge, Fischerbabke, Groschenkampe oder Nogathaffkampen. Namen, die bei manch einem Erinnerungen wecken.

Bei Ostonka/Grenzdorf strömt die Elbinger Weichsel in die Nogat-Mündung. „Wollen wir aufs Frische Haff ´rausfahren?“, fragt Bartek und gibt dem am Ruder stehenden Gast auch schon die Antwort: „Halt ´ dich mal an den Tonnenstrich zum offenen Wasser!“

Ostpreussen-Fanal

Wir kreuzen tatsächlich eine Grenze: die zwischen dem früheren West- und Ostpreussen. Scheinbar unendlich streckt sich das vom Westwind aufgeraute Gewässer ins Blaue. Irgendwo hinter dem Horizont noch eine Grenze: die schwerbewachte zwischen den ehemaligen sozialistischen Brüdern Polen und Russland. Im Nordosten die Frische Nehrung. Aus ihrem Walddickicht blinkt im Nordosten der Badeort Krynica Morska/Kahlberg-Liep, im Südosten erheben sich die Elbinger Höhen des ostpreussischen Ermlandes. Man sieht sie förmlich vor Augen, die Flüchtlingstrecks, die im Winter 1945 das zugefrorene Haff überquerten. Wobei viele einbrachen und für immer in den eisigen Fluten versanken. Nachdenkliches im Sommer 2009.

Nogat-abwärts gleitet „Alexandra“ der Hansestadt Elblag/Elbing entgegen. Pause an der Kanaleinfahrt. Es ist schwül-heiß geworden. Ein Gewitter steht grummelnd im Westen. Der 20 Grad warme Fluss lockt zum Baden von der bequemen Plattform am Heck. Geradezu luxuriös die abschließende Dusche.

Stadteinwärts zeigt sich Elbing wie Danzig von seiner industrialisierten Seite. Doch plötzlich überragt der 95 Meter hohe Nikolaikirchturm die grauen Hallen. Aus der Wasserperspektive präsentiert sich eine mustergültig restaurierte Altstadt, 1945 bis auf sechs Häuser völlig zerstört, von ihrer ansehnlichsten Seite.

Der abendliche Himmel über dem geschichtsträchtigen Fluss glüht lange wie ein Fanal, bis die hereinbrechende Nacht zum Anlegen vor einer Schleuse zwingt.

Geheimtipp mit Verführung

Wir sind nach wie vor allein, umgeben von purer Natur und einem vielstimmigen Vogel-, Frosch- und Grillenkonzert. Staunend und genießend stehen wir an Deck.

Nach dem Frühstück wird uns an Backbord ein mittelalterliches Juwel präsentiert: die Marienburg. Der deutsche Ritterorden lässt grüßen. Scharen von Touristen belagern heute das rot in der Morgensonne leuchtende UNESCO-Welterbe, Europas größte Backsteinburg. Wir steuern statt dessen weiter durch die Stille von Auewäldern, Wiesen und Weiden unaufhaltsam der Weichsel zu. Nach drei weiteren Schleusen, zum Teil aus dem 19. Jahrhundert und immer noch per Handbetrieb zu bewegen, begrüßen wir wieder die majestätisch dahinströmende Flusskönigin. Mit fast 18 Kilometern pro Stunde und sieben Meter Hochwasser unter dem Kiel rauschen wir beflügelt an Tczew/Dirschau vorbei, unter den berühmten Weichselbrücken hindurch nach Norden. Danzig entgegen. Bilanz am Abend: Ende der eindrucksreichen Premierenfahrt mit Geheimtipp-Charakter. Bootsjungfer „Alexandra“ hat uns dazu verführt.

Infos:

Alexandras“ Bootsdaten: Baujahr 2009 in Ilawa/Deutsch-Eylau, Masuren; Typ: Haber 33 Reporter; 10,10 Meter Länge; 2,98 Meter Breite; 0,47 Meter Tiefgang; 2,01 Meter Stehhöhe in der Kabine; 13 PS-Diesel, sehr günstiger 2,0 Liter-Verbrauch/Stunde; 10 – 12 km/h pro Stunde; Bugstrahlruder; überdachter Aussenfahrstand; sechs Fahrräder (attraktive Routen sind in die an Bord vorhandenen Karten eingezeichnet); 4 Schlafplätze, maximal sechs; Küche, Dusche/WC; Handtücher sind mitzubringen; Schlafsäcke und Decken werden gestellt; preisgünstig einkaufen kann man vor der Abfahrt in Danzig nahe der Mottlau-Marina.

Neben der „Alexandra“ werden fünf zwei Meter kürzere Boote vom Typ „Weekend 820“ angeboten.

Literatur: Polyglott on tour: Polnische Ostseeküste – Danzig (mit Flipmap)

Weitere Informationen und Buchung: Lukasz Krajewski, PL-43-600 Jaworzno, Telefon: 0048-606-208154, 606-361704; www.vistulacruises.eu

Für einwöchige Chartertouren gibt es fünf Streckenverläufe von rund 200 Kilometern (Weichselwerder und Flussfahrten zwischen Danzig und Krakau und zurück);

Preis für sieben Tage (saisonabhängig) zwischen 900 und 1000 Euro; zusätzliche Kosten (Kraftstoff, Gas, Trinkwasser, Schleusen, Hafengebühren, PKW-Parkplatz, Rücktransport zum Ausgangsort): ca. 300 Euro pro Boot; Anmietung eines Skippers auf Anfrage (50 Euro/Tag).

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