
Berlin, BRD (Weltexpress). Das kommunistische Magazin „Contropiano“ hat sich zur wachsenden Gefahr geäußert, die von dem Wahlsieg der AfD in Sachsen-Anhalt ausgeht. Dabei wurden Begriffe wie „Nationalsozialismus“ und „Nazis“ verwendet, die unserer marxistisch-leninistischen Einschätzung des Faschismus widersprechen. Wenn es um die Formierung einer antifaschistischen Einheitsfront oder ein dementsprechendes Bündnis geht, um dieser Gefahr Einhalt zu gebieten, wird man mit Kräften zusammen gehen müssen, die unseren Begriff nicht verwenden. Dabei wird man, bei gleichzeitiger Betonung unseres Standpunktes, Kompromisse schließen und Meinungsverschiedenheiten hintenan stellen müssen. Die Nichtverwendung unseres Begriffes war schon unter Antifaschisten Italiens verbreitet und schloss selbst Kommunisten nicht aus.
Ich lasse in solchen Fällen am Besten die Geschichte zu Wort kommen, um beispielsweise zu sehen, wie sich Marx und Engels in ähnlichen Situationen verhielten. Bei aller Schärfe, mit der Marx die politisch-ideologische Auseinandersetzung beispielsweise mit dem Begründer des Anarchismus, Michael Bakunin führte, hat er „dem alten Revolutionär seine freundschaftliche Gesinnung“ bewahrt und sich Angriffen, „die aus seiner näheren Umgebung gegen Bakunin gerichtet worden waren oder werden sollten“, widersetzt (nachzulesen in: Franz Mehring: Gesammelte Schriften, Bd. 3 „Karl Marx, Geschichte seines Lebens, Berlin/DDR, 1969, S. 416).
Ferdinand Lassalles reformistische Orientierung und sein Paktieren mit Bismarck und dem preußischen Staat verurteilten und bekämpften Marx und Engels ebenso entschieden, vergaßen aber nicht, dass er mit der Gründung des Allgemeinen Deutschen Arbeiterbildungsvereins einen historischen Beitrag zur selbständigen politischen Organisation des Proletariats leistete.
Obwohl auf der Zimmerwalder Anti-Kriegskonferenz in der Schweiz (5. bis 8. September 1915, auch als Zimmerwalder Konferenz bezeichnet) die Mehrheit der Teilnehmer aus „schwankenden Beinahe-Kautzkyanern“ bestand, scheute sich Lenin nicht, mit den revolutionären Linken an ihr teilzunehmen. Die Tagung beflügelte die europäische Antikriegsbewegung, Lenin und die revolutionäre Linke konnte ihre Abgrenzung von den Opportunisten verdeutlichen und sich zu revolutionären Marxisten zusammenschließen (Lenin, Werke Bd. 21, Berlin, DDR, 1969, S. 369, 396).
Ein Beispiel zur Kompromissbereitschaft lieferte auch Gramsci, der 1919/20 zunächst nicht sofort eine Kommunistische Partei gründen wollte, sondern versuchte, die Italienische Sozialistische Partei (ISP) in eine „Partei des revolutionären Proletariats“, die den Bruch mit dem Opportunismus vollzieht und der Kommunistischen Internationale beitritt, umzuwandeln. Dazu suchte er den Führer der Zentristen, Giacinto Menotti Serrati, dafür zu gewinnen, dass seine Fraktion für den Ausschluss der Reformisten aus der ISP stimmte. Lenin förderte das und wünschte Serrati und allen italienischen Kommunisten „viel Erfolg“ (Werke, Bd. 32, Berlin/DDR 1961, Rede zur Italienischen Frage, S.455 ff.). Erst als Serrati sich auf dem ISP-Parteitag, der am 15. Januar 1921 in Livorno zusammentrat, zum Ausschluss der Reformisten nicht durchsetzen konnte, gründete Gramsci mit den Kommunisten am 21. Januar die IKP. Gramscis Vorgehen trug Früchte. Serrati korrigierte später seine Haltung, wurde Führer der Terzinternationalisten, brach mit den Reformisten und trat 1924 mit einer Gruppe seiner Anhänger der IKP bei.
Gramsci hatte in seiner antifaschistischen Bündniskonzeption in seinem Historischen Block“ den katholischen Volksmassen einen entscheidenden Stellenwert beigemessen, was dazu führte, dass der IKP besonders während der Resistenza und nach dem Sieg über den Faschismus 1945 Hunderttausende Katholiken der Partei beitraten, deren Glauben respektiert wurde, obwohl er ein vorbehaltloses Bekenntnis zur materialistischen Weltanschauung beeinträchtigte.
Die ISP bezog nach dem Machtantritt des Faschismus 1922 unter Mussolini im Wesentlich auf antifaschistische Positionen, bleib aber nicht frei von reformistischen Abweichungen. Dennoch anerkannte die IKP unter Gramsci sie als eine Abteilung der Arbeiterbewegung, was 1934 ermöglichte, mit ihr ein Aktionseinheitsabkommen zu schließen. Im gemeinsamen Kampf zur Verteidigung der Spanischen Republik erneuerten sie es 1937 mit einem klaren antiimperialistischen Inhalt.
Höhepunkt der antifaschistischen Einheitspolitik der IKP war, dass die ISP zusammen mit der IKP mit den bürgerlichen antifaschistischen Parteien nach dem Überfall Hitlerdeutschlands auf Italien im September 1943 ein Nationales Befreiungskomitee bildeten und im April 1944 in die nach dem Sturz Mussolinis von dem Mussolini-Marschall Badoglio gebildete Regierung eintraten, die damit den Charakter einer Regierung des antifaschistischen Befreiungskampfes gegen die Besatzung Hitlerdeutschlands annahm. Zwei Monate später, im Juni 1944, zwang das Befreiungskomitee nach dem Einmarsch der Alliierten in Rom Badoglio zum Rücktritt und berief den Liberalen Bonomi zum Ministerpräsidenten der antifaschistischen Einheitsregierung.
Während das kommunistische Netzwerk „Contropiano“ in seinem Magazin von marxistisch-leninistischen Termini des Faschismus-Begriffs abweicht, steht es gleichzeitig zu diesem revolutionäre Erbe, wie es auch grundsätzlich antiimperialistische wie auch internationalistische Positionen bezieht, eine sozialistische Perspektive vertritt wie u.a. im „Weltexpress“ nachzulesen ist.
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