Ein Engel aus Grünhainichen verführt zur Nachhaltigkeit – Serie: Erwartungsfrohe Tage der Frühjahrsmesse Ambiente 2011 (Teil 3/4)

Ein Grünhainichener Engel aus dem Engelskonzert

Und dieses Engelskonzert sehe ich jetzt am Stand der Grünhainichener Werkstätten auf der Ambiente! Wie kamen die Gestalterinnen bloß auf die Idee eines Engelkonzertes. Das haben wir nachgefragt und erst einmal von der alten Tradition „feiner deutscher Handwerkskunst aus dem Erzgebirge“ gehört. Schon am 1. Oktober 1915 haben Margarete Wendt und Margarete Kühn diese Firma gegründet, die in Grünhainichen in der Chemnitzer Straße zu Hause ist. Aha, also in der Nähe von Chemnitz und meine Figuren kommen aus Eibenstock im Erzgebirge, woher mein Vater stammte, der sicher schon die ersten Figuren als Kind besaß.

Wie kommt das, fragen wir Ilka Pittschaft, daß im Erzgebirge sich diese Volkskunst auf diesem Niveau verbreitete? Das war, nachdem sich der Bergbau (Silbererze) nicht mehr lohnte und die Leute nach neuen Beschäftigungen suchten, um Geld zu verdienen und da lag Holz nahe, das zu Spielzeug verarbeitet wurde und auch zu den Weihnachtsfiguren und vielen anderen sowie den Pyramiden und Nußknackern, die seither den Ruhm der Volkskunst des Erzgebirges verbreiten. Eine der bekanntesten Firmen ist dabei seit Gründung dieser Werkstätten durch die beiden Greten: Wendt & Kühn.

Andere kamen auf Bürsten. Denn das geht auf keine Kuhhaut, wieviele Bürstenaussteller in der Halle 5 und anderen ebenfalls aus Thüringen und Sachsen kommen und noch unwahrscheinlicher, daß allein an drei Ständen Leute aus Eibenstock/Erzgebirge dabei waren, die noch den Englischen Hof unseres Großvaters und sein prächtiges Jugendstilhaus in der Schulstraße kannten, denn auch er wurde reich, sehr reich sogar, durch Heimarbeit mit Spitzen und Paillettenstoffen. Aber wir stehen hier vor dem Engelskonzert, das allerliebst einen Engel am Flügel zeigt und die anderen fiedelnd, zupfend, blasend und streichend.

Der Begriff „Engelskonzert“ kommt eigentlich aus der Kunst. Denn die Innentafel des Isenheimer Altars von Matthias Grünewald in Colmar zeigt ein Engelskonzert, völlig anders natürlich, mit flammenden Engeln, die so dynamisch wirken, daß die Post abgeht und Paul Hindemith seiner Oper „Mathis der Maler“ das Vorspiel „Engelskonzert“ gab. Nein, unsere pausbackigen Engel haben damit nichts zu tun, sie beziehen ihren Reiz aus dem Puttiartigen: das sind die runden Gesichter mit den rot aufgemalten Backen, die kleinen gedrungenen Körper, die dicken und stabilen Beinchen, die kräftigen Arme und die kleinen Rattenschwänzchen, zu denen die mittelscheitig frisierten Haare gebunden sind, vor allem aber ihre fast lindgrünen Flügel mit den berühmten elf weißen Punkten. Engel sind per definitionem geschlechtslos, daran müssen wir denken, wenn wir in den Engeln doch eher kleine Mädchen sehen. Denn diese Engel haben auch etwas leicht „Käthe-Kruse-Puppiges“. Das liegt in der Zeit, dem ästhetischen Empfinden, als beide Formen kreiert wurden.

Neu und prächtig stehen sie hier auf der Ambiente vor uns und alle Musikantenengel haben ihre Flügel, stehen auf einem Sockel, nur meine zu Hause sind ramponiert, aber so sehe ich auf den ersten Blick, die neuen sind zwar vollständig, aber der Charme der alten Engel liegt vielleicht gerade in ihren verblaßten Farben, den leichten Schäden, aber das ist euphemistisch, denn der Zahn der Zeit und der des Gebrauchs hat meine Engel ganz schön angeknabbert, so daß man schon von schweren Schäden sprechen muß. Das schon, aber nicht irreparabel. Zumindest heute. Gestern nämlich hätte man das noch weggeworfen.

Nun aber ist unser Wirtschaftswunderland nach dem „Kaufen, Kaufen, Kaufen“ von immer „Neuem, Neuem, Neuem“ eh auf anderen Wegen? Spätestens seit die Innovationspreise der Deutschen Wirtschaft an die gehen, die Wiederherstellen und Reparieren auf ihr Panier schreiben und mit guten Ideen voranschreiten und damit im Einklang stehen mit dem, was Nachhaltigkeit erreichen will, spätestens seither ist man nicht mehr altmodisch, wenn man alte Dinge aufhebt und reparieren will, sondern eben „nachhaltig“. Allerdings blieb das immer beim Wollen, also eine Nachhaltigkeit im Kopf, aber nicht in den Händen.

Aber heute, heute sind wir – aufgebaut durch die Sicht auf die Heimat unserer Engel und das vollständige Engelskonzert mit gesunden selbstbewußten Engeln – nach dem Messetag schnurrstracks in den Keller marschiert, haben dieses Weihnachtsregal ausgeräumt und prompt die Schachtel mit den kaputten alten Figuren gefunden. Oh Schreck, oh Graus. Viel weniger als gedacht, gerade mal acht Musiker und etliche andere Engel. Aber viel kaputter als geglaubt. Einem Baß fehlt der Sockel und ein Flügel, dem mit der Mandoline gleich zwei Flügel, dem Flötenden im Sitzen auch ein Untersatz und ebenfalls zwei Flügel. Dafür gibt’s zwei Dirigenten, einem fehlt der linke Arm und beide Flügel. Und dieser hier, spielt der Fagott oder soll das eine Oboe sein? Auch hier fehlen die Flügel und der Hornist steht wenigstens gut, was er muß. Wenn er so mit dicken Backen bläst wie hier.

Das war nicht alles, denn jetzt kommen die abgebrochenen Teile. Aha, hier sind verschiedene Flügel, manche sind nur halb gebrochen, aber hier diese halben abgebrochenen Arme, gleich doppelt, in klein und groß, die gehören zu keinem Engel. Das sind doch, genau, das sind diese Paare: ein Bergmann und ein dann doch weiblicher Engel mit Flügeln. Die haben wir auch noch in klein, mittlerer Größe und richtig groß. Die sind den kleinen Engeln so ähnlich, aber ihre Flügel haben weniger Punkte. Schluß hier. Um diese kümmern wir uns ein andermal.

Wir aber werden der Firma schreiben, ob sie unter dem neuen Wirtschaftsideal des Wiederherstellens uns „Ersatzmaterial“ in Form von Flügeln und Sockeln und halben Armen und ganzen Beinen schicken kann. Allerdings werden uns die Fachleute – das ist alles Handarbeit bis heute – nicht zutrauen, das selbst reparieren zu können, was wir aber versuchen wollen. Und dann, so stellen wir uns vor, bekommen wir ganz viel Lust, aus unseren acht Musikanten ein großes Orchester zu machen und viele neue Musikantenengel dazuzukaufen. Denn, das haben wir verschwiegen, wir haben auch einen schwarz eingekleideten Chor und an dem ist überhaupt nichts kaputt!

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