Drittes Opernfestival in Brescia

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© Agenzia Reorter, Foto: Umberto Favretto, 2014

„Oper soll für alle Schichten sein, reich und arm und keinem Nischendasein nur für Reiche frönen“, ergänzt eine der Hauptsponsorinnen des Theaters, Senora Cristina Ziliani. Sie ist auch Weingutbesitzerin in der Weinregion Franciacorta und kredenzt, während sie uns Journalisten berichtet, als Apéritif einen köstlichen, kühlen Berlucci Perlwein auf Champagnerbasis im kleinen, dekorativen Festsaal des Teatro. „Er lagert drei Monate länger als andere Crémants“, fährt sie fort und zieht folgendes Fazit: "Damit wir mit unseren Franciacorta-Weinen noch besser sind als die Konkurrenz." Von der Kulinkarik zurück zur Kultur. Der Direktor des Bresciatourism sagt, dass Brescia "besonders im nächsten Jahr wegen der Expo Milano" interessant werde, denn "die Hotelzimmer sind" für Messe-Besucher in Mailand " deutlich billiger“ in Brescia.

La Mattina – vormittags

Heute, am 13. September 2014, erobert die Oper im dritten Jahr die ganze Stadt. An allen historischen keltisch-römisch-langobardischen Stätten und Plätzen der Stadt, im Museum und vor den zwei historischen äußerst attraktiven, interessanten Domen finden von morgens bis abends Puccini-Operndarbietungen statt. Kostenlos. Wie gut, dass uns tags zuvor unsere sympatische Guida Giuliana schon alle antiken Schätze der Stadt gezeigt und bei einem Gang durch die Jahrtausende mit Juwelen von besterhaltenen Zeitzeugen bestückte Geschichte erklärt hat, das Brescia "eine Schatzschatulle von Altertümern" biete. Brescia ist Weltkulturerbe der UNESCO und unbedingt anzuschauen, nicht zuletzt wegen der Gemäldegalerie und der Relikte römischer Villen, die geflügelte Viktoria-Statue und das Kreuz. Ein Abstecher ins Museum Santa Giulia lohnt sich.

Von überall her eilen die Menschen herbei, um die Oper für sich zu entdecken, jung und alt, arm und reich – alle vereinen sich in ihrer Liebe für die Entdeckung der Oper, wobei „Nessun dorma“, die Arie des Prinzen Kalaf aus der Puccini Oper „Turandot“ eindeutig der Publikumsliebling ist. Er wird als Zugabe gefordert, sei es in der Puccini-Mattinée im venezianischen Festsaal des Teatro oder beim Surprise-Flashmob mitten in den edlen, antiken Einkaufspassagen.

„Nessun Dorma“ über alles!

© Agenzia Reorter, Foto: Umberto Favretto, 2014 „Ich mag` solche jungen engagierten Opernsänger“, sagt die französische Kollegin Edwige und reiht sich in den Fanclub des jungen kalabrischen Tenors Oreste Cosimo ein, der jetzt in Mailand lebt. Die Pariserin Edwige muss es wissen, denn ihre Tochter ist in dem Metier tätig. Oreste singt als „bis“ (Zugabe) natürlich „Nessun dorma“ und alle fangen fast wieder an zu weinen!
„Auch ich habe geweint“, gesteht mir Stella, unsere behende, süße Presseattachée mit Afrolook. Ihre Mutter ist Nigerianerin.

Die Puccini-Mattinée findet im venezianischen Saal des Teatro statt mit seinen bezaubernden pastelligen Wandmalereien, Spiegeln und venezianischen Leuchtern. Wir sitzen in der ersten Reihe mit reservierten Plätzen und haben die Gunst, den renommierten, internationalen und aufsteigenden lokalen OpernsängerInnen (Sung Kyu Park, Benedetta Bagnara, Irene Favro, Stefania Spaggiari, Larissa Wissel, Stefano Cianci, Domenico Mento, Francesco Ricci – Pianist) zuzuschauen, wie sich ihr Brustkorb hebt und das Gaumenzäpfchen vibriert, während uns die Tränen nur so herunterkullern bei den anrührenden Arien und Opern Giacomo Puccinis: Tosca, La Bohème, Manon Lescaut und wie sie alle heißen! Alle sind ergriffen. Noch nie war Oper so gänsehautnah. Wie heißt die Zugabe? Richtig: Nessun Dorma – zum mitsingen.

Im eigentlichen barocken, goldornamentverzierten Opernsaal mit seinen weinroten Plüschsesseln, Logen und Etagenrängen dürfen wir einer „Madama Butterfly“-Probe beiwohnen – unsere Ergriffenheit nimmt einfach kein Ende – Puccini hat nur zu Herzen gehende Arien geschrieben!
Im Teatro „Il Grande“ (nach Napoleon, dem Besatzer) und in den Straßen – die Menschen stürmen die kostenlosen Events.

Wieso das Madame Butterfly-Thema?

© Agenzia Reorter, Foto: Umberto Favretto, 2014 Madame Butterfly ist das Thema der dritten Ausgabe dieses Opernfestivals. Gefeiert wird der 110. Geburtstag der erfolgreichen Erstaufführung der Puccini-Oper, nachdem sie bei der allerersten Aufführung in Mailand beim Publikum durchgefallen war. Puccini schrieb die Oper um und feierte damit in Brescia einen Riesenerfolg.

Überall in der Stadt ist der Bär los und unsere Opersänger und Opernsängerinnen sowie den hervorragenden Pianisten treffen wir später wieder in Räuberzivil bei der Spezialität Malfatti di Pinkerton in der Osteria al Bianci. Malfatti, ein früheres Arme-Leute-Gericht, erlebt sein Rückkehr und besteht aus Brot, Spinat, Parmesan, Ricotta, Eigelb und Muscat. Pinkerton heißt der Opernheld, ein amerikanischer Marineoffizier, der in Nagasaki stationiert die dramatische Lovestory mit Butterfly beginnt. Alle Gerichte in den Restaurants Brescias zollen am heutigen Tag der Oper Madame Butterfly Tribut und tragen die Namen der Opernprotagonisten und Geschehnissen.

Opera "in the street", Jazz und Flash Mob

Dopo mangiare (nach dem Essen) geht es weiter im „Text“: überall in den Straßen Event über Event – hier hat man die Qual der Wahl! Für Kinder werden in der Bühnenbauerei die Bösewichte der Puccini-Opern präsentiert. „Kinder mögen das!“ fegt unsere charmante Guida Giuliana meine Bedenken hinweg und tatsächlich ist es so gefragt, dass zwei Aufführungen fällig sind. Jazzfreunde kommen auch auf ihre Kosten – eine Jazzvariation wird ebenfalls im Torre della Palata angeboten. Auf der interessanten Piazza della Vittoria, eine Mussolini-Hinterlassenschaft mit typischen, kalten Machtbauten der Zeit, wird ein Quiz gespielt: wer zuerst eine Frage aus einer Oper richtig beantwortet, darf zur Glocke laufen und läuten. Es wird ganz schon geflitzt – Jung und Alt sind sehr bewandert in Opernfragen! Auf der Piazza della Loggia mit seinem schönen Renaissance-Rathaus im venezianischen Stil und der riesigen astronomischen Uhr aus dem 16. Jh. spielt das philharmonische Orchester „Banda al Opera“  Puccini und Verdi während wir unseren roten Aperol Spritz mit Chips auf der Café-Terrasse genießen.

Erst der festliche Opernabend und dann die fröhliche Nacht auf dem Forum Romanum

© Agenzia Reorter, Foto: Umberto Favretto, 2014 Krönender Abschluss des Tages ist ein Abendessen (Gnocchi, Polenta, carne) auf dem Forum Romanum im Angesicht bunt illuminierten römischen Tempels. Auch hier eilen wieder Groß und Klein herbei. Schon die Zweijährigen wippen im Takt der Musik auf den Schultern ihrer Väter – in Italien dürfen i bambini lange aufbleiben! Rollifahrer, Alt und Jung – vereint bei den Erzählungen des Superintendenten Umberto Angelini, der dem Open Air Publikum vor den Gesangspräsentationen die Männer der Opern Puccinis erklärt, die professionelle OpernsängerInnen auf der Bühne präsentieren. Wir haben Glück mit dem Wetter in diesem europäischen Schlechtwettersommer: Passend zum Festival kommt der Spätsommer warm und sonnig zum Zuge.

Nessun dorma – keiner schläft? Hätten wir das Motto beherzigt und mit ein wenig mehr Stehvermögen hätten wir uns noch im St. Giulia Museum, welches ins UNESCO Weltkulturerbe aufgenommen wurde, eine Rock- und Pop-Oper zu Gemüte führen können – mit abschließendem Grande Finale auf dem Forum Romanum. Am nächsten Tag jedoch soll es für alle früh rausgehen – weiter auf Opernfährte zu der Pilgerstätte Maria Callas Hauses am Gardasee. Hier erwartet uns der Cavalliere Michele Nocera mit Maria Callas – er ist ihr Biograf und Freund aus alten Tagen.

Reiseinformationen:

Infos im Internet: www.bresciatourism.it, www.turismobrescia.it und www.teatrogrande.it/spettacolo/festa-dellopera-3

Anreise: Anflug über Mailand, Verona, Venedig, Weiterfahrt 40 Min. mit Mietauto, Zug, Taxi

Unterkunft: Zentrales Hotel in der historischen Altstadt: www.albergoorologio.it (Oropax mitnehmen!)

Kulinarikempfehlungen: www.buonissimo-store.it/negozi/casalinghi-brescia/ Fische aus dem Garda- und Iseosee, sehr gute Küche, sehr gute lokale Weine, preiswert (incl. Spezialitätensupermarkt im Haus!)

Weinregionen um Brescia: Lugana , Valtènesi
Trattoria al nuovo frate: www.alfrate.com (Beim Mille-Miglia-Rennen ist die Trattoria Szenetreff der Rennfahrer.)

Franciacorta-Weine: http://www.berlucchi.it

Unterstützerhinweis:

Die Recherche wurde von der Italienischen Zentrale für Tourismus ENIT unterstützt.

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