Die Preisverleihung und „Herr Adamson“ von Urs Widmer aus dem Diogenes Verlag – Serie: Der Schweizer Buchpreis und die Buch.09 in Basel (Teil 4/4)

Buchdeckel zu „Herr Adamson“ von Urs Widmer

Doch”¦dem wollen wir nicht vorgreifen, denn das Erzählen wickelt uns derart um den Finger, daß wir selber oft nicht wissen, wo wir noch sind. Das aber ist unsere Meinung, während Martin Zinng ausführt: „Herr Adamson ist ein Untoter – gestorben an dem Tag, da der Ich-Erzähler zur Welt kam, und eines Tages wird er seinen Nachfolger abholen, dann, wenn es Zeit ist. Aber das weiß der Junge noch nicht. Er weiß dafür alles über die Indianer, er ist selber einer vom Stamme der Navajos, ein Häuptling mit dem Namen ’Rasender Hirsch’. Daß er die Sprache der Indianer kennt, wird ihm später einmal nützlich werden, bei einer anderen Reise. Davor jedoch macht er, gemeinsam mit dem Geist des Herrn Adamson, einen Ausflug in das Reich der Toten, eine an allen nur denkbaren Kalamitäten vorbeiführende Schreckensfahrt. An deren Ende taucht der Junge wieder heil auf, in Mykene allerdings, ein griechischer Polizist bringt ihn per Fahrrad nach Hause, zusammen mit dem Dinosaurier-Knochen, den er immer mit sich führt.“, gibt Martin Zingg den Inhalt wieder. Sehr wahrscheinlich also.

Nun ist Urs Widmer sicher der bekannteste Schriftsteller der ausgewählten Fünf und dieser Roman locker geschrieben und mit dem Thema von Tod und Leben sowieso ewig gültig. Von daher haben wir kaum gestaunt, in der NZZ am Sonntag vom 27. September eine kurze Besprechung der vier anderen Nominierten durch Manfred Papst vorzufinden und dann auf den folgenden drei Seiten eine Reportage über das fünfte Buch „Herr Adamson“ und seinen Autor Urs Widmer. Inhaltlich ist das völlig in Ordnung, daß er anfragt, ob dieser Herr Adamson mit den beschriebenen drei Haaren auf dem Kopf der vom Schweder Oscar Jacobson erfundenen Comicfigur gleichen Namens aus den Zwanziger Jahren nachempfunden sei, denn so ging es uns beim Lesen auch, war doch Jacobson eine beliebte Lektüre in den 50er Jahren. Widmer bejahte das, verwies aber auf die völlige Wesensunähnlichkeit beider Figuren. Das stimmt auch. Dennoch fanden wir das unpassend, Vieren eine Kurzkritik und einem eine dreiseitige Passage zu widmen. Nun wissen wir natürlich nicht, ob an den Vor- und Nachsonntagen, die Kurzkritiken dieselben waren, aber jeweils ein anderer auf drei Seiten gewürdigt wurde. Wäre ja keine schlechte Strategie, den Schweizer Buchpreis, von dem immer noch einige nicht wissen, daß es ihn gibt, unter die Leute zu bringen.

Nur glauben wir selber nicht an unsere Idee. Von daher nahmen wir es als vorauseilende Siegermeldung auf, die nicht unwahrscheinlich schien, denn das kleine Buch hat ein gewichtiges Thema. Warum allerdings bei der Lesung ausgerechnet die Szene mit dem Schokoladenkuchen ausgewählt wurde, war uns nicht einsichtig, genauso wenig wie der Umstand, daß derselbe Sprecher jeweils die Lesung vornahm. Das nimmt den so eigenwilligen Büchern etwas von ihrer Einzigartigkeit, weil man die Ellis mit anderer Stimme sprechen will hören als den Hans beispielsweise. Aber bleiben wir bei beim Favoriten Urs Widmer. Warum hat er den Schweizer Buchpreis nicht erhalten, er, der der bekannteste und derjenige ist, der als einziger aus einem Schweizer Verlagshaus noch dabei war?

Nach Rücksprache mit einigen Jurymitgliedern wollen wir einmal vorsichtig formulieren, daß der sehr gefällig geschriebene Roman, von dem man übrigens trotz der Ortswechsel von Mykene ins Indianerland, immer ahnt, wie er weitergeht und wie er endet – das haben jetzt wir gesagt –, doch etwas glatt durcherzählt ist und sicher nicht zu den stärksten Werken von Widmer gehört, an den man einfach aufgrund seiner ausgewiesenen Qualität höhere Ansprüche stellt. Solche Aussagen können wir nachempfinden, wobei es eine grundsätzliche Crux bleibt, ein Buch mit einem anderen zu vergleichen, erst recht in diesem Jahr, wo unter den Nominierten so viele ganz besondere Einzelstücke sich einfanden.

Alles in allem war das eine würdige Preisverleihung, die von Egon Ammann elegant und kundig geleitet wurde, der allerdings nicht nur seinen Zürcher Verlag auflöst – das war mit Bedauern großes Thema der Frankfurt Buchmesse -, sondern auch seine Leiterfunktion der Basler Buchmesse aufgibt. Weitermachen wird sein bisheriger Stellvertreter und Geschäftsführer Felix Werner, dem sich die Basler Literaturhauschefin Katrin Eckert beigesellt. Basel hat nämlich mit dem Schwabe Verlag nicht nur das älteste Verlagshaus der Welt – schon Melanchthon fuhr der Bücher wegen nach Basel – , sondern auch das erste deutschsprachige Literaturhaus vorzuweisen.

Wir bedauern nun, nicht noch mehr über die tagewährende Messe berichten zu können, die gut besucht war und – noch wichtiger – bei den Besuchern gute Eindrücke und sicher große Leseleidenschaft und Bücherkaufabsichten hinterließ, abgesehen davon, daß man die Bücher in Basel am Sonntag auch direkt erwerben konnte. Denn die vielen Lesungen, die rund um die Uhr an vielen Orten der großen Halle stattfanden und ihre Zuhörer hatten, zeigen, wie ungebrochen die Neugierde ist, mit den Schriftstellern selbst ins Gespräch zu kommen. Die Buchmesse Basel hat nun mit dem Schweizer Buchpreis auch ein zusätzliches Renommee erhalten, daß zumindest doch Schweizer Verlage stärker in die Anwesenheitspflicht bugsiert, als die Anwesenheitslust es von alleine tut. Diesmal waren die gleichzeitig stattfindende Wiener Buchmesse für Verlage und die gleichzeitigen Literaturgespräche in Freiburg für die deutschen Messebesucher eine Konkurrenz. Sicher muß sich die Buch09 im Nachhinein für die Buch2010 überlegen, welchen Schwerpunkt sie will. Lesen oder Verlagsgeschäfte machen. Daß beides zusammengehört, weiß jeder, aber nicht, wie man es am besten macht. Auf die Lesungen zu setzen, hatte die Leipziger Buchmesse vorgemacht und die Frankfurter Buchmesse, die Weltleitmesse für Bücher, hat dies 2009 überzeugend nachgemacht.

Wir müssen darauf verzichten, all die vorzüglichen Kinderaktivitäten zu loben, die Textbox, das klügste Medium der Welt, vorzustellen, mit den experimentellen Sprachspielen, wo Schatten wackeln und Wasserkessel tüteten. Oder gar die klugen Sätze der Swetlana Geier über Dostojewski wiederzugeben, die ihr zu entlocken Egon Ammann überhaupt keine Mühe hatte, oder die vielen Schallplattenverkäufe zu thematisieren oder die antiquarischen Bücher und Comics von „Sammelpunkt“ aus Zürich, die dort James Bond Romane von Ian Fleming liegen haben, Dr. No aus dem Jahr 1958 in 3. Auflage für 300 Schweizer Franken, eine Erstauflage bringt zehnmal so viel, wissen wir jetzt. Wir blieben eigentlich deshalb stehen, weil eine Kollegin gerade auf Jamaika war und von dem See erzählte, an dem der James Bond –

Erfinder wohnte und der zum Drehort wurde. Dieser Kollegin sagen wir auch gleich weiter, daß wir beim Verlag Dörlemann von Patrick Leigh Fermor „Der Baum des Reisenden. Eine Fahrt durch die Karibik“ fanden, wo ausführlich Jamaika vorkommt. Muß doch spannend sein, Heutiges mit alten Reiseberichten zu vergleichen. Also Spannendes gab es auf dieser Messe genug, die nun das nächste Jahr in der Halle 4.1 der Messe Schweiz weitermacht und wo wir erst über die Messe wandern werden und erst am Schluß die Poeten und ihre Bücher und Preise preisen werden, denn fängt man mit ihnen erst einmal an, kann man kaum aufhören. Lesen Sie weiter.

Die nächste Schweizer Buchmesse, die Buch.2010, findet vom 12. bis 14. November 2010 in Basel statt, diesmal wieder auf dem Messegelände der Messe Schweiz in Halle 4.1

www.schweizerbuchpreis.ch

www.buch09.ch

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