Die KZ-Oper „Die Passagierin“ von Mieczylaw Weinberg bewegend nach fast vierzig Jahren szenisch uraufgeführt – Serie: Bregenzer Festspiele 2010 mit dem Schwerpunkt: „In der Fremde“ (Teil 1/3)

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Um was es geht? Um viel Verschiedenartiges gleichzeitig. Und die Ungleichzeitigkeit des Verschiedenen auch. Da hat eine Ausschwitzüberlebende – Zofia Posmysz – aus ihrer eigenen Verstörung, ihrer SS-Aufseherin begegnet zu sein, eine Novelle verfaßt – damit nicht vergessen wird! -, die zur Grundlage dieser Oper wurde, die nun wiederum dem ebenfalls von den Deutschen verfolgten Polen und Juden Weinberg, der in der UdSSR Rettung und Heimat fand, geeignet schien, das Unsagbare des Nazi-Regimes und ihrer Konzentrationslager mit der Vergasung von Menschen, die auch seine gesamte Familie betraf, in gesungene Worte und in Musik zu setzen. Bleiben wir kurz bei Weinberg, der bis vor kurzem hierzulande völlig unbekannt war, von dem man nun erstaunt erfährt, daß er mit Schostakowitsch eng befreundet war und von diesem hochgeschätzt und maßgeblich unterstützt wurde. 1919 in Warschau geboren, 1939 vor den Deutschen erst nach Minsk, dann nach Taschkent geflohen, seit 1943 auf Einladung Schostakowitschs in Moskau – ohne Einladung gab es keine Zuzugsgenehmigung, wie man in der Erinnerungsarbeit über Ossip Mandelstam von Robert Littell („Das Stalin-Epigramm“) deutlich erfährt. Das Programmbuch gibt über Leben und Werk Weinbergs sinnvolle Aufschlüsse und ist dankenswerter Weise mit vielen Bildern von Weinberg bestückt, aus denen man die Entwicklung vom jungen unternehmungslustigen Mann bis zum abgeklärten älteren weisen Intellektuellen ersieht, übrigens mit einer unglaublichen, ja fast schockierenden Ähnlichkeit mit dem älteren Walter Jens.

Warum die zweiaktige Oper erst heute aufgeführt wird, hat mit den politischen Unbilden der Sowjetzeit genauso zu tun, wie mit der Nichtkenntnisnahme der inneren sowjetischen Vorgänge im Westen. Das Thema „KZ“ und „Nationalsozialismus“, von dem man naiv annähme, daß dies in der UdSSR ein Renner gewesen sein müßte, war kein Thema für die dortigen 60er Jahre, weshalb Weinbergs Oper verboten wurde. Da half auch nicht Schostakowitschs Meisterlob: „ Ich werde nicht müde, mich für die Oper „Die Passagierin“ von Mieczyslaw Weinberg zu begeistern. Dreimal habe ich sie schon gehört, die Partitur studiert, und jedes Mal verstand ich die Schönheit und Größe dieser Musik besser. Ein in Form und Stil meisterhaft vollendetes Werk und dazu vom Thema her ein höchst aktuelles. Die moralisch-sittlichen Ideen, die der Oper zugrunde liegen, seine Geistigkeit und sein Humanismus können den Zuhörer nicht unbeeindruckt lassen.“ Den Zuhörer nicht, aber die Sowjetnomenklatura schon. Denn erstaunt hört man auch, daß Weinberg in der Sowjetunion selbst nach Schostakowitsch der bekannteste und auch meist aufgeführte Komponist war, aber – da kein gebürtiger Russe – nicht als kultureller Exportschlager in den Westen empfohlen wurde. Sieht und hört man die Oper im Jahre 2010 nun in Bregenz, kann man das alles nicht fassen, denn es handelt sich nicht um irgendeinen human angehauchten und mit Erbauungsmomenten verzierten historischen Stoff, erst recht nicht um ein plattes historisches Propagandawerk, sondern um eine in Musik und Wort meisterhaft wiedergegebene existentielle Situation von Menschen, die das Politisch-Gesellschaftliche auf dem Hintergrund von Einzelschicksalen als große Oper erfahrbar macht.

Wir sehen im Bregenzer Festspielhaus – drinnen sind jährlich die Raritäten und besonderen Opern zu sehen, draußen auf der Seebühne im zweijährigen Wechsel die publikumswirksamen Stücke, diesjährig Verdis „Aida“ – im Oberen der Bühne das sonnenbeschienene Deck eines Ozeandampfers, wo zu den sanften Ouvertürenklängen weißgekleidete Passagiere und Mitglieder der Schiffsbesatzung aufs Meer starren. Später wird die Bühnenkonstruktion klar. Der Bauch des Schiffest wird wechselweise von links ’bedient`, indem die elegante Schiffskabine und Bett der Lisa (Michelle Breedt gibt dieser schwierigen Rolle Format und Authentizität) hineingefahren wird, ehemalige SS-KZ-Aufseherin und nun mit ihrem Diplomatengatten Walter (Roberto Saccí  ist ein schwacher karrieresüchtiger Ehemann, aber ein starker Sänger)) auf dem Weg zu seiner künftigen Dienststätte: Brasilien, oder indem von rechts die Auschwitzzellen hereingerollt werden, wo oben die Männer vegetieren und wie in Ställen die aus allen Ländern inhaftierten Frauen darunter hineingepfercht sind. Wir sind mitten in Dantes Vorhölle, nein, in der Hölle selbst, in der sowohl Finsternis wie auch grelles Scheinwerferlicht herrschen. In der Oper und auf der Opernbühne findet also gleichzeitig die im Jahr 1960 spielende Handlung statt und die Ereignisse in Auschwitz, die im ersten Akt von Lisas Erinnerungen getönt sind, im zweiten Akt dann ein eigenständiges Eigenleben haben. Insgesamt eine zwar schwerwiegende und erschütternde, aber auch angesichts der menschlichen Solidarität der Erniedrigten tröstliche und musikalisch innigliche Oper. Herauszustellen ist die gesamte Ensembleleistung, die vom Sujet und der Regie her nicht auf Einzelauftritte abzielt, sondern den auf engem Raum Eingeschlossenen und der Vernichtung Preisgegebenen eine gemeinsame Stimmung und auch musikalisch gemeinsame Stimme gibt. Durch das jähe Hereinbrechen der uniformierten Lagergewalt entstand in Gesang und Orchester eine kalte, durch Blechbläser und Percussionsinstrumente unterstützte reale Gegenwelt, so daß die Häftlinge ständig zwischen Hoffen und Verzweifeln hin- und hergeworfen werden, was die Musik in aufwühlender Weise mitzeichnet.

Es geht um Martha, Polin, von Elena Kelessidi hingebungsvoll und unsentimental gesungen und gespielt, die in Auschwitz für die Aufseherin Lisa Franz das schmutzige Kapo-Geschäft erledigen soll, weshalb ihr Freiheiten zugestanden werden, bis hin zum Rendezvous mit dem verschollen geglaubten Verlobten und Geiger Tadeusz (Artur Rucinski), damit Martha anschließend besser benutzbar und erpreßbar für Lisa wird. Das durchschauen die Häftlinge, lehnen die Sonderbehandlung ab, was Tadeusz schließlich mit dem Tode bezahlt, wobei dies auch sein ’normales` KZ-Schicksal gewesen wäre. Martha kommt „in den Block“ und dürfte eigentlich nicht überlebt haben. Diese ihre eigene schmähliche Vergangenheit kommt hoch, als nun Lisa im Schatten einer Frau auf der Reling diese Martha erkennt, erstmalig ihrem – seit 15 Jahren verehelichten – Diplomatenmann ihre SS- und Auschwitz-Vergangenheit gesteht („Dann ist es mit meiner Karriere vorbei“, ist seine Reaktion). Das Paar vereinbart, so zu tun, als ob nichts gewesen sei und stattdessen tanzen zu gehen. Doch als sich die „Passagierin“ der Musikband nähert und einen Musikwunsch äußert, wird mit dem „Walzer des Kommandanten“ klar, daß es sich um Martha handelt, die in Lisa ihre Peinigerin wiedererkannt hat, die im KZ Auschwitz mit dafür sorgte, daß ihr Tadeusz ermordet wurde, als er es ablehnte, zum Geburtstag diesen Lieblingswalzer des Kommandanten zu spielen. So hat auch das zwischen Zweifeln und Hoffen changierende Gefühl der Lisa ein Ende mit der Gewißheit, daß die vermutete und Unlust und Pein erzeugende Marthe tatsächlich Martha ist. Die Oper endet mit den Erinnerungen der nun erstmals in Kleidern der Gegenwart auftretenden Martha, die gegen das Vergessen votiert und auch gegen das Vergeben, und in ihrer Privatheit alles versucht, durch ihr Gedenken den Ermordeten ihre Würde zurückzugeben.

Tatsächlich ist dies das zentrale Moment, über die Berechtigung, eine solche Oper zu schreiben und eine solche Oper mit anschließendem Festbankett aufzuführen, zu befinden. Der Macher David Pountney sprach selbst an, daß man dies bezweifeln könne. Er gab aber auch die richtige Antwort, daß das Erinnern und Gedenken unsere einzige Möglichkeit bleibt, mit dem Schrecken und den Verbrechen der Nationalsozialisten weiterzuleben, denen ein öffentlichen Denkmal zu setzen, die als die Namenlosen im deutschen Staatsauftrag in den Konzentrationslagern hingemordet wurden. Insofern sind die Motive der Hervorbringer, der Auschwitzüberlebenden und Novellistin Zofia Posmysz, des die Nazis überlebenden Weinberg als Komponist, die die Oper in Bregenz Aufführenden und die der Zuschauer und Zuhörer dieselben. Zwei Eigentümlichkeiten seien noch angemerkt. Die Dauer der Oper von gut zwei Stunden entspricht einer ’gefühlten` von vier-fünf Stunden. Dies hat sicher mit der szenischen und musikalischen Erinnerungsarbeit der Protagonisten zu tun, die sich seelenvoll und langsam vor uns entwickelt.

Weitere Aufführungen am 26. , 28. und 31. Juli

Die Bregenzer Produktion ist eine Koproduktion mit dem Wielki Teatr Warschau, wo Aufführungen 2010 stattfinden, der English National Opera London (2012) und dem Teatro Real Madrid (2012).

Eine weitere Oper von Weinberg „Das Porträt“ hat am 31. Juli um 19.30 im Theater am Kornmarkt Premiere. Auch symphonisch erklingt Weinberg sowie in der Reihe „Musik & Poesie“ Stimmen aus der inneren Emigration, wo Mandelstam und Brodsky, Anna Achmatowa und die Zwetajewa mit Weinberg assoziiert werden. Zudem wird vom 31. Juli bis 2. August 2010 ein Weinberg-Symposium „In der Fremde“ im Festspielhaus stattfinden.

www.bregenzerfestspiele.com

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