Der große Schwarze mit den weißen Schuhen – “Notorious” tarnt einen zweistündigen Rapsong als Drama

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Groß rauskommen will der in einem afroamerikanisch geprägten Viertel New Yorks aufwachsende Christopher (Jamal Woolard). Das Wörtchen “klein”, welches in seinem ersten Pseudonym Biggie – eine Anspielung auf sein Übergewicht – Smalls anklingt, kennt er nicht. Genau wie viele andere Wörter. Warum sonst sind seinen Dialoge so auffällig von Begriffen wie “Motherfucker“, “bitch” und “shit” geprägt? Von teuren weißen Schuhen träumt der von seiner Mutter (Angela Bassett) behütete Chris. Beim Versuch, mit Drogengeschäften Geld zu machen, landet er im Gefängnis. Während seiner Haft wird seine Tochter geboren. Biggie schwört Besserung. “I know motherfuckers who know motherfuckers.“, versichert ein Kumpel und besorgt Chris einen Plattenvertrag. Mit dem anerkannten Rapper Sean “Puff Daddy” Combs (Derek Luke) als Manager wird er zum erfolgreichen Rapsänger, der sich “The Notorious B.I.G.” nennt. Geld, Gold, schöne Frauen – der Ruhm lässt den kleinen Großen den üblichen Verführungen erliegen. Die Mutter seiner Tochter lässt er sitzen. “Drogen waren meine Ehefrau, Rap nur eine Gelegenheitstussi.“, sagt the Notorious B.I.G., der es mit echten Damen ähnlich hält. Eine Affäre mit der Sängerin Li ´l Kim (Naturi Naughton) macht er zur Gelegenheitsbeziehung, um die Sängerin Faith Evans (Antonique Smith) zu heiraten. Chris notorisches Fremdgehen sorgt für Konflikte. Gefährlicher ist der mit dem Westküsten – Rapper Tupac Shakur. Nachdem Tupac im Gebäude des Plattenstudios, in welchem Chris gerade aufnimmt, angeschossen wird, werden beide zu Feinden. Die erbitterte Rivalität mündet in dem Mord an Tupac. Ihren blutigen Höhepunkt sollen die Auseinandersetzunge noch finden: In dem gewaltsamen Tod Chris alias The Notorious B.I.G.

Manche Filme vermögen ein gewöhnliches Leben als packendes Drama zu erzählen. Andere können einer ereignisreichen Biografie nicht ein Minimum an Spannung abgewinnen. “Notorious” zählt zu letzten. Ein Punkt nach dem anderen wird abgehakt, ohne in die Tiefe zu gehen. Format hat der schwergewichtige Hauptprotagonist nur physisch. Als Persönlichkeit bleibt er eine auf Äußerlichkeiten und Statusinsignien reduzierte Pappfigur. Dabei bietet die Biografie des Sängers interessante Aspekte. Welche sozialen oder persönlichen Mechanismen machten den ruhigen Jungen zum aggressiven Gangstarapper? In der Schule erweist Chris sich als intelligent. Seine Songtexte lassen wenig davon erahnen. Anpassung an den Massengeschmack oder Beweis, dass nicht soviel Hirn in Biggies großer Rübe steckt? Der Drogenhandel Chris in dessen Jugend wird verharmlost, mehr noch die übrigen Schattenseiten der Hauptfigur. Frauen verprügeln, seine Kinder vernachlässigen, mit der Knarre ballern? Tut doch jeder Rapper. Ein abwesender Vater, wie er selbst einen hatte, will Chris nicht sein. Und wird dennoch dazu. Ohne Fehltritte bliebe ja kein Raum für Läuterung. Selbst eine Cracksüchtige wandelt sich in dem Film zur patenten Mutter. Da kann auch ein fremdgehender Geldscheffler zum Bilderbuchvater werden. Um den Konflikt zwischen Ost- und Westküstenrap drückt sich die Handlung in blamabler Weise herum. Dieses Ausweichen erzürnt mehr als eine konkrete Stellungnahme, egal zu wessen Gunsten. Der berüchtigte Große wirkt wie ein kleiner Junge, der nach jeder Missetat sagt, war doch nicht so schlimm.

In zweifelhafter Weise wird das negative Verhalten der Figur nicht nur entschuldigt. “Notorious” etabliert es als Zutat, die einer Biografie erst Würze gibt. Als Li ´l Kim ihm von Straßengewalt und Geld vorsingt, kommentiert Chris, von einem Mädchen wolle man solche Texte nicht hören. Mit erotisch aufgeladenen Reimen hat sie hingegen Erfolg. Hinterfragt werden diese sexistischen Branchenkriterien nicht. Die Emotionen von Chris’ Freundinnen interessieren nicht. Alles Schlampen, außer Mutti. Dass die von Angela Bassett gespielt wird, ist eher traurig. Sie verdient anspruchsvollere Rollen. Biggies Gefängnisaufenthalt wird im Zeitraffer gezeigt. Zusätzlich inspiriert er den jungen Mann zu authentischeren Texten, die dem Zuschauer permanent um die Ohren gehauen werden. Was hinter der Fassade aus Statussymbolen und Machoattitüde im Rapgeschäft steckt, fragt “Notorious” nicht. Stattdessen gibt es Beziehungszwist und Starallüren. “All that soap opera drama!”, ruft Puffy entnervt. Der Zuschauer fühlt mit ihm. Alte Verehrer des Sängers werden enttäuscht sein, neue gewinnt er durch die gekünstelten Szenen nicht. Zu “Notorious“ sagt man besser R.I.P. – Rap in peace.

Titel: Notorious

Kinostart: 26. März 2009

Regie: Greg Tillman Jr.

Drehbuch: Reggie Rock Bbythewood

Darsteller: Jamal Woolard, Angela Bassett, Derek Luke, Naturi Naughton

Verleih: Fox

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