Der Fernsehturm in Mitte

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Zum 20. Geburtstag sollte es jedenfalls etwas ganz besonderes sein, womit sich die DDR feierte, denn es war für diese eine vergleichsweise erfolgreiche Zeit gewesen. Im Laufe der frühen 60er Jahre war der Vorkriegslebensstandard wieder erreicht und schließlich überboten worden. Sicher, im Westen Deutschlands war dank Marshallplan und wegen der damals noch so wichtigen Lagerstätten an Eisenerzen und Steinkohle der durchschnittliche Wohlstand schneller gewachsen, aber auch vom Osten konnte man sagen, der Durchschnitt der Menschen lebte nunmehr besser denn je zuvor. Die Sicherung der Grenze, auch Mauerbau genannt, hatte zwar auf unnötig brutale Art stattgefunden, aber mit einer absoluten Nichtgrenze, völlig unkontrolliertem Waren- und Personenverkehr, wäre der wirtschaftliche Aufschwung nicht möglich gewesen. Die industrielle Technik war noch auf der Höhe der Zeit und der Staatshauhalt auch noch ausgeglichen. Vielleicht hätte man zu diesem Zeitpunkt sogar freie Wahlen wagen können, tat man aber nicht. Staatsratsvorsitzender Walter Ulbricht, in Wirtschaftsfragen sehr erfolgreich, blieb in politischer und kultureller Hinsicht immer ein ziemlicher Betonkopf. So war denn auch vor allem die Jugend unzufrieden, die nach Woodstock sah und in der DDR schwerlich Jeans bekam.

Jedenfalls sollte es nun etwas Besonderes geben zum 20. und das war der Fernsehturm am Alex. Aber der Turm selbst war nur der halbe Knüller, der ganze wurde es erst mit der gleichzeitigen Einführung des Farbfernsehens in der DDR. Wieder ein Punkt, wo man den Westen eingeholt hatte, obwohl man sich ja eigentlich das Überholen ohne einzuholen auf die Fahnen geschrieben hatte.

Das Eingangsgebäude mit seinen modernen Spannbetonspitzen rief erregte Kunstdebatten hervor: Ja, war das denn nicht viel zu westlich, war das denn noch sozialistischer Realismus? Mein damaliger Kunsterziehungslehrer, ein durchaus befähigter, früher auch einmal freischaffender Maler, der zufällig auch Ulbricht hieß, hatte jedenfalls ernstliche Bedenken. Anders die großen Wasserspiele dahinter. Diese hintereinandergeschalteten Wasserbecken mit zahlreichen Fontänen, die in regelmäßigen Abständen ein abwechslungsreiches Wasserspielprogramm ausführten, fanden sofort breitesten Anklang.

Der Höhe des Berliner Fernsehturms war eine „natürliche“ Grenze gesetzt, die nicht überschritten und auch nicht eingeholt werden durfte: Die Höhe des Fernsehturms in Moskau-Ostankino. (Auch in Ostankino war die DDR allerdings vertreten, in Form einer Brauerei, wo nach original Radeberger Rezept gebraut wurde, so dass es dort das beste Bier ganz Russlands gab.) Jedenfalls hatte die SED in der DDR die führende Rolle und die Sowjetunion im sozialistischen Lager und derartige führende Rollen waren strikt zu beachten, auch in der Höhe der Fernsehtürme.

Um seinen Aufgaben gerecht zu werden, war es hingegen unumgänglich, dass der Fernsehturm hoch genug war, um auch große Teile Westberlins von ihm aus sehen zu können. So pilgerten also nicht nur die überzeugten Sozialisten zu ihm und ließen sich mit dem damals schnellsten Fahrstuhl der Stadt, in welchem man schlucken muss, wie beim Flugzeugstart, in die Höhe hieven, um die neueste Errungenschaft des Sozialismus zu bestaunen, sondern auch alle mehr oder minder klammheimlichen Westfans, um den von der Mauer für sie abgesperrten Teil der Stadt sehen zu können. Das nachts der Westteil der Stadt viel heller war, als der Ostteil, wurde in einer Zeit, in der von der Bedeutung des Energiesparens für das Klima unseres Planeten wusste, als Vorzug des Westens gedeutet, den es möglichst schnell einzuholen gelte.

Aber der absolute Hammer war natürlich das Kreuz von St. Walter. Der Publikums- und Aufenthaltsbereich des Fernsehturmes ist bekanntlich kugelförmig gestaltet. Allerdings ist es bei der Größe der Kugel natürlich keine aus einem einzigen Guss. Die Kugel ist gefertigt aus Segmenten von Metall und Glas, die für sich genommen ungekrümmt, eben sind. Nun sehen wir und einen Globus an: Welche Stellen ragen am weitesten in unsere Blickrichtung? Natürlich ein Teil des Äquators und jener Längengrad der sich genau in unserer Blickrichtung befindet. Da sich der Äquator und die Längengade in einem rechten Winkel schneiden, ergibt sich daraus natürlich die Form eines Kreuzes. Logischerweise musste es für die Kugel des Fernsehturms jeweils bei einem bestimmten Sonnenstand geben, bei dem die Sonnenstrahlen eben gerade jene Metallsegmente erreichten, die in der gleichen Weise wie Äquator und Längengrad aufeinander senkrecht standen: Auf die Kugel des Fernsehturms zeichnete die Sonne ein Kreuz!

Im Grunde ist das ebenso logisch wie unproblematisch. Aber nicht in der DDR des Jahres 1969. Um die Jugendlichen meiner Generation wurde gerade ein erbitterter Kampf geführt: Jugendweihe oder Konfirmation? Staat und Kirche waren in diesem Kampf gleichermaßen intolerant. Wer sich konfirmieren ließ, wurde von der Schule nicht zur Jugendweihe zugelassen und wer an der Jugendweihe teilnahm, vom Pfarrer nicht zur Konfirmation. Zur Jugendweihe wollten ersteinmal fast alle, denn daran nahm man in der Gemeinschaft der Schulklasse teil und wer wollte sich da schon ausschließen? Wem, oder wessen Eltern, die Konfirmation wichtig war, musste denn so ein, zwei Jahre später zum Pfarrer, beichten, dass er sich von den Kommunisten zur Jugendweihe hat verführen oder drängen lassen, aber nun als reumütiges Schäfchen in die Herde des Herren zurückkommen möchte. Und gerade in solch einer spätpreußischen Kulturkampfzeit, zeigte sich am stolzen Symbol des 20jährigen Bestehens des auf den Sozialismus ausgerichteten Staates zweimal täglich das Kreuzeszeichen! Welch eine Genugtuung für jeden frommen, strenggläubigen Christen und welche Schmach für jeden ebenso strenggläubigen Atheisten! Prompt sprachen die Berliner vom Turm der Kathedrale St. Walter.

Wie sehr man sich auch entkrampfen kann, zeigte sich dann keine zehn Jahre später in der DDR. Mitte der 70er wurde der Palast der Republik fertiggestellt. Gleichzeitig flossen staatliche Hilfen in den Wiederaufbau des kriegszerstörten, benachbarten Berliner Domes. Wo nicht weißer Marmor, bildete kupferfarbenes Spiegelglas die Fassade des Republikpalastes. Nach Fertigstellung beider Gebäude spiegelte sich der verschnörkelte wilhelminische Dom in der modernen Glasfassade jenes Gebäudes, in welchem die Volkskammer der DDR tagte. Alle fanden diesen Kontrast ästhetisch anziehend; keiner störte sich daran. Da konnte man sie also sehen, die „Kirche im Sozialismus“! Nach 1990 kamen denn die ideologischen Fanatiker aus dem Westen mit der Abrissbirne, unfähig zur architektonischen Koexistenz mit dem Erbe des immerhin versuchten Sozialismus.
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