Der alte Mann und das Auto – Clint Eastwood reflektiert über Schuld und Neuanfang in “Gran Torino”

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Ein wenig ist er der grimmige Gegenpart zu Jack Nicholsons Filmcharakter in “About Schmidt”, verkörpert aber weniger den individuellen Nörgler, den geborenen Grantler, sondern wächst aus den Strukturen des Kleinbürgertums zu dessen nüchtern-harter Verkörperung heran. Seine Frau ist gerade gestorben, zu den Söhnen und deren Familie hat Walt (Clint Eastwood) nie eine intensive Beziehung aufbauen können. Mit versteinerter Miene sitzt er täglich auf der Veranda. Alles um sich herum beobachtet er mit Missbilligung und Skepsis. Besonders suspekt sind ihm die Nachbarn vom vietnamesischen Volksstamm der Hmong in dem zunehmend von Asiaten bewohnten Vorort. Gegen seinen Willen kommt er mit dem Nachbarsjungen Thao (Bee Vang) in Kontakt. Der versucht vergeblich als Aufnahmeprüfung in eine Jugendbande Walts kostbaren Oldtimer, einen Gran Torino, zu stehlen. Zur Wiedergutmachung soll der verschlossene Junge auf Walts Grundstück Arbeiten an dessen etwas heruntergekommenen Haus verrichten.

Nachdem Walt einen Angriff der Gang auf Thao und dessen Schwester Sue (Anney Her) mittendrinnen verhindern kann, sieht er sich unversehens als Freund der vietnamesischen Nachbarn. Zuerst ist ihm deren Entgegenkommen und die typisch östliche Essensversorgung lästig. Nach und nach jedoch lernt er, sich zu öffnen, genießt die Vorbildrolle für den vaterlosen Thao. Für Walt, der seine Vergangenheit als Soldat im Vietnamkrieg nie verarbeitet hat, beginnt ein innerer Reflektionsprozess, ein Aufarbeiten seiner Taten und der ihm schon zur Gewohnheit gewordenen Vorurteile. Wie stark ihm Sue und ihr Bruder am Herzen liegen, spürt er erst, als die Jugendgang das Mädchen überfällt. Thao will Rache. Dabei zählt er auf die Hilfe Walts. Dem Kriegsveteranen war bisher jede Gelegenheit recht, sich mit vorzugsweise farbigen Jugendliche anzulegen. Wesen und Denken Walts haben sich jedoch stärker verändert, als Thao ahnen kann.

Was ist das überhaupt, ein Alterswerk? Wird es von einem alten Regisseur gedreht, handelt es von alten Menschen, ist der Hauptdarsteller alt? All dies trifft auf “Gran Torino” zu. Den Geist des Films kann es jedoch nur begrenzt vermitteln. Hauptfigur Walt ist alt, doch so nimmt man ihn nicht wahr. Er ist verhärmt, verbittert, mürrisch. Clint Eastwood spielt ihn mit knurriger Stimme und verhärmtem Antlitz. Hilfe anzunehmen, eigene Schwäche einzugestehen, ist für den einstmals harten Walt eine Zumutung. Doch spielt er ihn so, dass nicht seine persönlichen Verhaltensweisen aus ihm einen Fall für den Psychotherapeuten machen, der ein individuelles Schicksal wegtherapiert. Er spielt ihn auf allgemeingültige Weise als Vertreter der einst Amerika beherrschenden Mittelschicht, den geborenen und staatserhaltenen Kleinbürger, der den Zusammenbruch der kleinbürgerlichen Welt mit ihrem gesellschaftlichen Ordnungssystem aufhalten möchte. Neben ihm ist da nur noch die alte Dame auf der benachbarten vietnamesischen Veranda, seine Schwester im Geiste. Gleich Walt ist sie unwirsch, schimpft und ist dennoch voller Sorge um Enkel und Kinder. Nur ihr kann Walt seinen geliebten Hund anvertrauen. Thao, Sue, die Bandenmitglieder, selbst der Priester – sie alle sind jung. So wandelt Eastwood gleich einem Relikt durch den Film. Der Schauspieler und sein fiktiver Charakter entstammen beide einer anderen Zeit und einer Gesellschaft, die wusste, was gesellschaftlich oben und unten ist und so bleiben soll und sich in der Mitte als Bewahrer des eigentlichen Amerikas eingerichtet hatte: der Spießbürger per se. Der Gegenwart begegnen sie mit Misstrauen. Trotz ihrer skeptischen Distanz haben sie den Kontakt zum Zeitgeist nicht verloren, dem sie sich erst einmal widersetzen, aber anpassen, wo es anders nicht geht, denn Aufrührer oder gar revolutionär sind sie nie, nur niederdrückend und wenn es not tut, niederknüppelnd, wenn Neues noch ungeschützt auftaucht.

Schließt Walt Thao im Keller ein, um ihn von einem Amoklauf abzuhalten, rettet er ihn dadurch indirekt. Würde dieser nicht bei seiner geplanten Racheaktion sterben, müsste er für die Tat Jahrzehnte hinter Gitter. Sein Leben wäre verloren, so oder so. Gleichzeitig bewahrt Walt den Jugendlichen vor der Last der Schuld. Ihm gegenüber kann er erst die Beichte ablegen, die er dem Priester nicht anvertrauen konnte: Im Krieg hat er einen unbewaffneten Jungen erschossen. Das Gitter der Kellertür spiegelt das Maschenfenster des Beichtstuhls. Gleichzeitig ist es undurchdringliche Mauer zwischen Schuldigem und Unschuldigem. Als endgültiges Zeichen der Reue opfert Walt sich selbst. Ein symbolischer Akt des durch Krebs zum Tode Verurteilten, mit dem er nicht nur die Bandenkriminalität beenden will, sondern vor allem Thao zeigen, dass Gerechtigkeit und Besonnenheit mehr wert sind als Gewalt. Bis zuletzt fürchtet man, dass “Gran Torino” mit einem Gewaltakt enden würde, dass Walt als selbsternanntes Gesetz mit der Waffe die Verbrecher niedermäht. Doch Eastwood liegt seine Filmperson zu sehr am Herzen, als dass er diesen Walt zu Gewalt Zuflucht nehmen lässt. In manch konservativer und reaktionärer Rolle sah man den Schauspielveteranen, der betont politisch die Republikaner unterstützte, die Hollywood nicht unbedingt mögen und von den Filmschaffenden deshalb auch nicht geliebt werden. Gleich Eastwood hat auch Walt hinzugelernt. Die Kette der Gewalthandlungen setzt er nicht fort, sondern beendet sie. Gleichzeitig enthüllt er das Abstoßende und Feige dieser Jungmännerbrutalität und löst sie somit aus dem idealisierten Kontext von Initiationsritus oder Mannestat.

Es ist eine angemessen ruhiger Schlußton in diesem stillen Drama, das ebenso Charakterporträt, Generations- und Sozialstudie ist. “Gran Torino” ist wie der Oldtimer des Film, wie sein Regisseur und Hauptdarsteller. Statt Geschwindigkeit und Protzigkeit setzt er auf verborgene Qualität. Der subtile Humor, die feine Ironie und Selbstsatire verleihen dem Film seinen unaufdringlichen Charme. In seinem Testament vermacht Walt den titelgebende Wagen nicht seinem leiblichen Nachkommen, sondern seinem seelisch-geistigen: Thao. Das Steuer übergibt er nicht der weißen Mittelschicht, zu der er selbst gehörte, sondern einer fremden, aufgeschlossenen Generation. Um so bezeichnender ist seine einzige Bedingung: Der Gran Torino soll nicht umlackiert oder technisch aufgemotzt werde. Schlicht und authentisch ist er am elegantesten. Das gleiche Lob verdient der Film “Gran Torino”.

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Titel: Grand Torino

Regie: Clint Eastwood

Drehbuch: Nick Schenk

Darsteller: Clint Eastwood, Christopher Carley, Bee Vang, Anney Her

Verleih: Warner Bros.

Kinostart: 05.03.2009

Internet: www.GranTorino-derFilm.de

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