Corona-Schatten über dem Rütli

Die Rütliwiese über dem Vierwaldstättersee. Quelle: Wikimedia, CC BY-SA 3.0, Foto: Matthias Kabel - Eigenes Werk

Wien, Österreich (Weltexpress). Der 1. August ist der Schweizerische Nationalfeiertag – Rütlischwur von 1291, Wilhelm Tell, Apfelschuss, Tyrannenmord usw. – und wo, wenn nicht auf dieser symbol- und geschichtsträchtigen Wiese hoch über dem Vierwaldstättersee (den übrigens Friedrich Schiller nie zu Gesicht bekam) sollte dieser große Tag am besten gefeiert werden? In diesem von der Corona-Krise überschatteten Jahr war es eine ganz besondere Zeremonie, denn Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga hatte „Corona-Helden“ aus jedem Kanton eingeladen, um ihnen für ihren Einsatz zu danken. Hatte anfangs noch die Sonne über dem tiefblauen See gestrahlt, so zogen doch bald Gewitterwolken auf. Wolken über dem Rütli – das war mehr als bloß eine meteorologische Angelegenheit: Das war eine Metapher.

Denn auch in der Schweiz nehmen die Covid-19-Fallzahlen wieder zu. Heute wurden 130 Neuinfektionen verzeichnet. Insgesamt sind seit Ausbruch der Pandemie 35.765 Infektionen und 1.705 Todesfälle bestätigt. Damit sei die Schweiz „vergleichsweise glimpflich“ durch die Corona-Krise gekommen, stellte die „Neue Zürcher Zeitung“ in ihrem Leitartikel zum 1. August fest. Zugleich zitiert sie ihren Leitartikel vom Nationalfeiertag 1940, mitten im Zweiten Weltkrieg: „Wir sind weit davon entfernt, der trügerischen Ruhe zu verfallen. Die Ungewissheit, die schlimmer sein kann als böse Gewissheit, hält uns alle in wacher Sorge.“ Ein Satz, den man heute, in Corona-Zeiten, genauso formulieren müsste. So auch der Philosoph Jürgen Habermas: „So viel Wissen über Nichtwissen gab es noch nie.“

Diese kluge Sentenz sollte sich das Schweizerischen Bundesamt für Gesundheit, kurz BAG, ins Stammbuch schreiben lassen. Auch wenn die Schweizer Regierung zumindest in den ersten Wochen der Corona-Krise einen beispiellosen Aufschwung an Popularität verzeichnen konnte – nur drei Tage nach jener schönen Zeremonie auf dem Rütli geriet das Vertrauen in die Regierung selbst in die Krise. Denn das zuständige BAG, dieses „Bundesamt für Fehltritte“ (Originalton NZZ), sei „nicht auf der Höhe seiner Aufgabe“. Dieses „behäbige Amt“ sei durch Covid-19 „immer wieder überfordert“. Die „besonders peinliche Panne“ bestehe in der Aussage, dass Discos und Klubs die Epizentren der neuen Ansteckungswelle bildeten. Die Medien übernahmen folgsam diese falsche Analyse und bastelten daraus irreführende Schlagzeilen. Es stellte sich rasch heraus, dass das BAG „einen Zahlensalat“ veranstaltet hatte: Weniger als vier Prozent der Ansteckungen waren auf jene Orte zurückzuführen. Von den Auswirkungen solcher Konfusionen konnte ich mich hier, im Engadin, selbst überzeugen: Die Verwirrung des zuständigen Amtes widerspiegelt sich in bisweilen schockierend leichtsinnigem Verhalten vieler Schweizer Urlauber, die diesen Sommer scharenweise die eigenen Berge wiederentdecken.

Zitat: „Die Verwirrung des Amtes widerspiegelt sich in leichtsinnigem Verhalten der Urlauber.“

Anmerkung:

Die Erstveröffentlichung des Artikels von Dr. Charles E. Ritterband erfolgte kürzlich in den „Voralberger Nachrichten“.

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