
Berlin, BRD (Weltexprerss). „Wo der Gegner hinschlägt, musst du gestanden haben“, nach diesem Grundsatz lebte der Boxer Wolfgang Behrendt. Der einstige Bantamgewichtler war damit gut gefahren. Im fernen australischen Melbourne krönte er seine Laufbahn mit dem Olympiasieg gegen den Südkoreaner Song Soon-Chun.
Wolfgang Behrendt feiert heute (14. Juni) den 90. Geburtstag. Der Ringheld von 1956 besitzt seine Wohnung in Berlin-Schöneweide noch, ist aber kurz vor der Beerdigung seines zweiten Sohne Heiko Ende Mai in ein Altersheim gezogen, wo er für uns leider nicht erreichbar war. Behrendts Nachbarin durfte uns die Adresse des Heims angeblich auf Bitten des Ex-Boxers nicht geben. Schade!
An die Stunden von Melbourne 1956 erinnerte sich Behrendt aber noch bis ins hohe Alter ganz genau, wie er uns oft erzählte: „Ich schritt durch die brodelnden Reihen der Zuschauer. Eine innere Unruhe beschlich mich. Nach Siegen gegen Ottensen (Dänemark), Railly (England) und dem Iren Gilroy stand ich im Ring, um gegen den Südkoreaner Song-Sonn-chun zu boxen. In der letzten Runde erwartete ich einen Schlaghagel des Koreaners. Aber nichts geschah. Nach dem Schlusszeichen hob der Ringrichter meinen Arm. Unglaublich, ich war Olympiasieger.
Zu Hause in Berlin wurde ich gefeiert. Mir völlig unbekannte Männer trugen mich auf den Schultern durch die Schönhauser Allee. Solche Momente vergisst man nicht.“ Heute leider schon, wie das Beispiel des Goldboxers zeigt. Vieles verschwimmt im Laufe des Lebens aus dem Gedächtnis, aber über seine erste Trainingsstätte sprach der Box-Oldie gern, als habe er gerade die Tür zu diesem Raum hinter sich zugezogen: „Der Raum lag in der Weißenseer Charlottenstraße über einer Fleischerei. Der Steinboden war immer staubig. Mit einer Gießkanne sprengte unser Trainer Erich Sonnenberg den Boden, damit wir Jungs nicht ständig den Staub schlucken mussten.“
Behrendt boxte bei ASV Weißensee, Einheit Weißensee, SC Einheit Berlin, SC Rotation Berlin und schließlich TSC Berlin. „Die vielen Namen klingen nach Wandervogel. „Doch wir waren immer die gleiche Truppe mit dem gleichen Trainer. Nur die Namen des Vereins wechselten mehrfach“, schmunzelt damals bei unserem Gespräch der Ex-Boxer, als er uns die Geschichte erzählte. Nach einer Ausbildung als Fotograf und Kameramann blieb der Ringheld dem Sport treu. Als Fotoreporter der Zeitung „Neues Deutschland“ und nach der Wende als freier Bildjournalist bannte er ganze Generationen von Sportlern auf seine Filme. Er zeigt uns Bilder von der Friedensfahrt wie sich der Leipziger Andreas Petermann mit kurzen Ärmeln im Schnee 1976 bei null Grad durch die Hohe Tatra quälte. Aus einem anderen Fach zog er vor Jahren bei unserem Gespräch Fotos von Altentreptow hervor. „Dort waren wir fast jedes Jahr zur Kleinen Friedensfahrt“, erklärt er damals. Auf einem anderen Foto erkennen wir den heutigen Direktor der Sportanlagen in Frankfurt/Oder ,Dan Radtke, als Sieger der Oder-Rundfahrt 1989. Dann holte Behrendt seine Trompete hervor.
„Mit der Trompete bin ich noch bis 2010 mit Heinz-Florian Oertel durch die Lande zu Talk-Shows und Sportler-Treffs gezogen“, erzählt Behrendt einmal. Danach blieb die Trompete im Schrank. Der Fotoreporter pflegte bis zu ihrem Tode seine demenzkranke Frau. „Meine Frau war 50 Jahre für mich da, als ich durch die Welt gezogen bin. Sie hat unsere beiden Jungs Mario und Heiko großgezogen. Vielleicht werde ich als Boxer jetzt im Alter weich“, gestand der Gold-Boxer einmal vor Jahren.
Das Schicksal meinte es mit dem Gold-Helden in den letzten Jahren nicht gut. Nach seiner Frau starb auch sein ältester Sohn Mario, der noch bei den Olympischen Spielen 1980 im Ring gestanden hatte. Im vergangenen Mai musste Behrendt, wie bereits erwähnt, auch seinen zweiten Sohn Heiko mit knapp über 60 begraben.
Das olympisches Gold als Profiboxer in Geld umzumünzen, darauf verzichtete Behrendt schon als 20-Jähriger, trotz guter Kontakte zum damaligen Westberliner Harry Kurschat, der in Melbourne sein Teamgefährte war und Silber im Leichtgewicht gewonnen hatte. Behrendt blieb Amateur, wurde dreimal DDR-Meister, einmal Dritter der EM, bestritt 21 Länderkämpfe; scheiterte aber wegen Verletzungen daran, noch einmal Olympiateilnehmer zu werden. Fast ohne Schatten glänzt sein Kampfrekord: 201 Kämpfe – 188 Siege – 5 Unentschieden – nur 8 Niederlagen. Niemals ging Behrendt k.o.!
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