Kein Aprilscherz: Volkstheater Rostock aus dem Staatseigentum »entlassen«

Die Geschäftsführer der Gesellschaft können nun »in eigener Verantwortung« um ihren Etat kämpfen, oder – was andere Theater vor ihnen praktizierten – Mitarbeiter entlassen bzw. ganze Sparten wie Oper, Ballett oder Schauspiel einsparen. Aus der Theater- und Musikszene bereits verschwunden sind das Metropoltheater Berlin, das 1997 als ehemaliges Staatstheater Insolvenz anmelden musste, und die Brandenburgische Philharmonie in Potsdam, seit 2000 in Liquidation. Auch dem Sorbischen Nationalensemble in Bautzen droht dieses Schicksal.

Die Deutsche Orchestervereinigung (DOV) wendet sich scharf gegen die fortschreitende Privatisierung von öffentlich finanzierten Orchestern und Opernhäusern. Seit 1990, dem »Jahr der Einheit«, sind von heute noch existierenden 133 Kulturorchestern bereits 43 Konzertorchester oder Opernhäuser mit eigenem Orchester privatisiert worden. Die öffentliche Hand zieht sich aus ihrer Verantwortung für die Kultur als öffentlicher Daseinsvorsorge mehr und mehr zurück. Das wird begleitet von Propagandamanövern: zum Beispiel konzentriert der Berliner Senat seine Fürsorge auf »Leuchttürme« wie die Berliner Philharmoniker oder die Staatsoper, während den Berliner Symphonikern mit 54 Musikern die Zuwendungen komplett gestrichen wurden. Die Zahl der festangestellten Orchestermusiker in Deutschland unterschritt im Jahre 2008 erstmals die »Schallgrenze« von 10 000 und sank auf 9747. Das sind 421 weniger als im Vorjahr – was der Stärke von vier bis fünf großen Orchestern entspricht.

Wo ist der Ausweg? Die DOV fordert generell fünfjährige, verbindliche Zuwendungsverträge durch die öffentliche Hand, um die Theater- und Orchesterlandschaft zu stabilisieren. Die Rechtsform sei nicht entscheidend, sondern der politische Wille. Das kann trügen. Mittelfristige Finanzierungszusagen können mehr Planungssicherheit schaffen. Sie setzen jedoch voraus, dass die Länder und Kommunen ausreichende Steuereinnahmen oder Ausgleichszahlungen für die Finanzierung ihrer Aufgaben erhalten. Das wiederum hängt von der Finanz- und Steuerpolitik der Bundesregierungen ab. Solange hier keine Wende eintritt, werden Länder und Kommunen immer wieder den Ausweg in der Privatisierung suchen und die kulturellen Einrichtungen ihrem Schicksal »auf dem Markt« überlassen.

Anmerkung:

Erstveröffentlichung in jungeWelt vom 06.04.2010.

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