50 Jahre und er soll ewig leben oder „Es lebe der 1. FC Union Berlin!“

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© Foto: Hans-Peter Becker, 2016
Am Abend des 20. Januars 2016 hatte das Velodrom ungewöhnlichen Besuch. Der 1. FC Union Berlin feierte dort seinen 50. Geburtstag in Form einer ordentlichen Mitgliederversammlung mit festlicher Umrahmung. Neben geladenen Ehrengästen fanden sich exakt 3.506 Mitglieder des Vereins ein. Die Gesamtmitgliederzahl beträgt derzeit 12.524. Über dem Präsidium prangte eine Losung ganz im Stile der mit der DDR untergegangenen Zeit. „Es lebe der 1. FC Union Berlin!“ Ganz wichtig: das Ausrufezeichen. Die Eisernen aus Berlin sind halt der etwas andere Fußballclub.
Es soll der einstige Vorsitzende des Gewerkschaftsbundes der DDR gewesen sein, der anregte, neben Vorwärts und Dynamo noch einen zivilen Club zu gründen. Vorwärts hieß die Armeesportvereinigung und bei Dynamo trieben Polizisten und Angehörige anderer bewaffneter Organe ihren Sport. So entstand der 1. FC Union und war schon bei der Geburt halt etwas anders.
Es war ein Entschluss der DDR Sportführung aus dem Jahre 1964 – „Sofortmaßnahmen zur Verbesserung der Arbeit und der Leistungen im Fußballsport der DDR“- der zur Gründung von 10 eigenständigen, reinen Fußballclubs führte. Die Grundlage waren vorhandene Mannschaften der Oberliga, der höchsten Spielklasse. Bis auf eine Ausnahme, der 1. FC Union begann in der 2. Liga, dort spielte der TSC Berlin, der ab dem 20.01.1966 als 1. FC Union weitermachte. Im Gründungsjahr galt es, gleich den ersten Aufstieg zu feiern. Dann folgte ein ständiges Auf und Ab. Bis zum 50. Geburtstag trauerten die Fans bei sieben Abstiegen und jubelten über acht Aufstiege.
© Foto: Hans-Peter Becker, 2016Die Folgen der Wende hätten sie fast nicht überlebt. Als fast alles zu Ende war, rettete der Filmunternehmer Michael Kölmel den klammen Verein. Bis heute fließen aus dieser Zeit Gelder an ihn zurück. Kölmel engagierte sich damals noch bei anderen Ost-Vereinen, witterte das kommende große TV-Geschäft. Bei Union hat das geklappt. Kölmel war verständlicherweise ein stürmisch begrüßter Ehrengast im Velodrom.
Nicht ganz so stürmisch und mit nur wenigen Pfiffen wurde die Anwesenheit von Berlins obersten Wahlbeamten zur Kenntnis genommen. Dass er überhaupt der Einladung gefolgt ist oder folgen musste, das lag daran, dass der Verein aus Köpenick sich hinter Hertha BSC zur unumstrittenen Nummer zwei im Berliner Fußball entwickelt hat. Um den dritten Platz rangelt ein Verein, der ein paar Tage vorher gegründet wurde, die weinroten vom BFC Dynamo.
Nebenbei bemerkt, der BFC Dynamo feierte am 15. Januar in einer Lokalität im ehemaligen Westteil der Stadt. Heute ist der einst übermächtige Rivale in der 4. Liga zu finden. In einem extra für das Jubiläum aufgenommenen Lied von Erik Lautenschläger heißt es: „Rot und Weiß sind die Farben von Berlin“. Gemeint ist das richtige Rot und nicht das vom Wein. In einem Video kriegt auch der – neuerdings – Rivale im Ort sein Fett weg. Da wird ein Ball durch Berlin bewegt und vor dem Olympiastadion bleibt er liegen. Ein schlanker Herr in korrekter Geschäftskleidung, in der Hand einen Alu-Koffer, wahrscheinlich mit viel Geld gefüllt, steigt über den Ball. Ja, das liebe Geld. Fußball ist mehr als nur eine Sportart und der Profi-Fußball ein Geschäft. Ganz am Schluss bleibt auch er nur eine Ware.
© Foto: Hans-Peter Becker, 2016Die Veranstaltung im Velodrom wurde erst kurz vor Mitternacht beendet. Zur Eröffnungsrede hatten die Gäste gegen 19 Uhr Platz genommen. Fast fünf Stunden lang saß auch der komplette Profi-Kader auf seinen Plätzen. Deren Bankkonten müssen gefüllt werden, Union spielt in einer Profi-Liga.
Da es eine Mitgliederversammlung war, gab es auch einen Geschäftsbericht. Aus ihm erfahren wir, dass die Profis in der vergangenen Saison 9,88 Mio. Euro gekostet haben. Weitere Zahlen wurden präsentiert. Eingenommen hat der Verein 26,296 Mio Euro. Die Schulden betragen 4,5 Mio Euro. Ein kleiner Überschuss von 40.000 Euro wurde ausgewiesen. Ja, das liebe Geld. Darum geht es im Profi-Fußball und darin soll ein Plätzchen erhalten bleiben für die eigentliche Leidenschaft, bei der es um Sieg oder Niederlage geht.
Der Verein soll weiter wachsen. Einige haben noch mehr Geld und den neunten Aufstieg vor Augen. Erhalten bleiben soll aber immer Union als Lebensgefühl, Union als einzigartige und besondere Kultur. „Wer zu Union will, muss sich für eine Haltung entscheiden.“ Dieses Zitat stammt aus dem Abdruck eines Interviews mit Dirk Zingler und DJ Westbam im Feuilleton der FAZ.
© Foto: Hans-Peter Becker, 2016Zu einer ordentlichen Mitgliederversammlung gehören selbstverständlich Wortmeldungen aus dem Vereinsvolk. Dem ging es um Geld für den Nachwuchs und die Bezahlung der Übungsleiter für die Nachwuchskicker. Einer nutzte die Versammlung, um seine Stadionaktie zum Verkauf anzubieten. Vorgetragen wurde auch die Bitte, das Ziel erste Liga nur intern in den Führungsgremien des Vereins zu besprechen. Zu spät. Dann wurden die Stimmkarten gezeigt, der Geschäftsbericht verabschiedet und ein neuer Ehrenrat gewählt.
Auch ein Imagefilm flimmerte über die Bildwände, der im Anschluss, in einer fast einstündigen Rede durch den Ehrenpräsidenten Günter Mielis kommentiert wurde. Mielis war von 1979 bis 1982 Vorsitzender des Clubs, maßgeblich an der Gründung beteiligt und feierte im vergangenen Jahr seinen 90. Geburtstag. Locker, wenn auchsitzend, riss er das Wort an sich.
Der Abend klang aus mit Zeremonienmeister Uli Potofski, der Trainer und Spieler aus der sportlich oft gar nicht so guten alten Zeit präsentierte. Für die Präsentation all der Meisterschaften und Pokale musste nicht viel Zeit eingeplant werden. Einsam und stolz steht der Gewinn des FDGB Pokals in der Historie des 1. FC Union Berlin. 1968 war das, gut zwei Jahre nach der Vereinsgründung. Damals gelang in Halle an der Saale einen schier aussichtslosen Kampf zu gewinnen.
© Foto: Hans-Peter Becker, 2016Hier und heute wurde der schwere gusseiserne Pokal von den Helden von einst auf das Podium geschleppt.
2001 bestand erneut und zugleich zuletzt die Chance – der FDGB (Freie Deutsche Gewerkschaftsbund) stiftete den Pokal zwar nicht mehr – auf einen großen Sieg. Doch Schalke 04 erwies sich im DFB-Pokalfinale im Berliner Olympiastadion mächtiger als 1968 der FC Carl-Zeiss-Jena.
Mit Freibier für die Fans und einem Beutel, gefüllt mit Broschüren, für jeden, der wollte, ging die Festveranstaltung zu Ende.
Das aber war nur Teil 1 der Feierlichkeiten. Teil 2 folgte sogleich. Am Sonntag empfingen die Unioner die Borussia aus Dortmund zum Jubiläumsspiel. Viel war nicht zu holen. Lediglich die erste Halbzeit ging unentschieden aus. Der Ex-Herthaner Adrian Ramos erzielte noch zwei Tore. 
Mit den Feierlichkeiten ist nicht ganz Schluss. Teil 3 findet in der gesamten Volksbühne statt und zwar am Freitag, den 29. Januar, ab 19 Uhr, speziell für die Fans. Viel Freude.
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