
Berlin, BRD (Weltexpress). Wie “Vatikan News” am 12. Februar berichtete, fand am gleichen Tag im vatikanischen Dikasterium für die Glaubenslehre ein Gespräch des Glaubens-Präfekten Kardinal Victor Manuel Fernandez mit dem Generaloberen der Priesterbruderschaft St. Pius X., Don Davide Pagliarani, statt, in dem der Aufnahme eines Dialogs mit ihr zugestimmt wurde. In der Mitteilung des Dikasteriums für die Glaubenslehre ist von einem „freundlichen und aufrichtigen Treffen“ die Rede, dem der Papst zugestimmt hatte. Vatikankenner vermuten, dass der Papst sich mit der Aufnahme eines Dialogs mit ihnen aussöhnen möchte. Wäre das der Fall, ginge Leo XIV. einen weiteren Schritt, seine konservativ-reaktionäre Basis auszubauen.
Denn die von dem Erzbischof Lefebrve 1970 gegründete, nach Pius X. benannte Brüderschaft – deren voller Name „Fraternitas Sacerdotalis Sancti Pii X.“ (FSSPX), Bruderschaft des allerheiligsten Pius X. lautet, steht mit ihrem Hass auf Juden, Muslime, Homosexuelle und alle irgendwie Abtrünnigen auf dem äußersten rechten Flügel des Katholizismus. Die Piusbrüder sollen heute nach eigenen Angaben mehr als Zehntausend Katholiken zählen, sechs internationale Priesterseminare, 159 Priorate, 725 Messezentren sowie 90 Schulen und Universitäten unterhalten.
Lefebvre hatte sich auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962/63) der von Johannes XXIII. angestrebten vorsichtigen Anpassung der katholischen Kirche an neuzeitliche Entwicklungen widersetzt, vor allem der Toleranz unter den Religionen, dem Dekret „Über die Religionsfreiheit“, einer Absage an Antijudaismus und Antisemitismus, seine Zustimmung verweigert. Lefebvre sah diese Beschlüsse als eine Folge satanischen Einflusses auf die Kirche. Die Menschenrechte und die Verkündung der Gleichheit nannte er „satanischen Ursprungs“.
Als er später – 1988 – vier Bischöfe ohne päpstliche Zustimmung weihte, kam der polnische Papst Johannes Paul II. nicht umhin, ihn und die Geweihten zu exkommunizieren.
Den deutschen Papst Benedikt XVI. hielt das nicht ab, nach seinem Amtsantritt 2005, am 24. Januar 2009, die Exkommunikation der vier Bischöfe der Piusbrüder Bernard Fellay, Alfonso de Galarreta, Bernard Tissier de Mallerais und Richard Williamson zurückzunehmen, um sie, wie er erklärte, wieder in die „volle Gemeinschaft“ einzugliedern und ein „Zeichen zur Förderung der Einheit der Kirche“ zu setzen. Im September 2006 hatte er bereits dem ebenfalls faschistoid ausgerichteten „Institut du Bon Pasteur“ in Bordeaux die päpstliche Zulassung gewährt.
Noch vor der Anerkennung durch die Kurie hatte die Piusbruderschaft kurz vor Weihnachten 2008 durch einen Rundbrief ihres deutscher Vertreters Franz Schmidberger an alle 27 deutschen Bischöfe wiederholt, dass „die Juden unserer Tage“ des „Gottesmordes mitschuldig (sind), solange sie sich nicht durch das Bekenntnis der Gottheit Christi und die Taufe von der Schuld ihrer Vorväter distanzieren.“1 Um nicht auch den leisesten Verdacht aufkommen zu lassen, er werde seine Leugnung des Holocaust dementieren, wiederholte Bischof Williamson, wie der „Spiegel“ in seiner Nr. 6/2009 zitierte, bei einem Deutschlandbesuch im Januar 2009 gegenüber dem schwedischen Fernsehen seine ungeheuerliche Geschichtslüge: „Kein einziger Jude ist in einer Gaskammer umgekommen.“2
Der damalige, 2018 verstorbene, Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Lehmann, hatte auf die historischen Wurzeln der Piusbrüder verwiesen, die er in der Feindschaft gegenüber der Französischen Revolution und in ihrer Tradition in der „Action francaise“ sah. Bei dieser 1899 entstandenen reaktionären nationalistischen Gruppierung handelte es sich um eine Organisation, die den Sturz der Republik und die Wiedererrichtung der Monarchie betrieb. 1936 wurde sie von der Volksfrontregierung in Frankreich verboten. Viele ihrer Anhänger unterstützten 1940 das Pétain-Regime (die Vichy-Regierung) und die Besatzungsmacht Hitlerdeutschlands. Sie wurden dafür als deren Kollaborateure zur Verantwortung gezogen. Damit liegen die Piusbrüder ganz auf der Linie Pius XI, und XII., welche die Rettung vor dem Kommunismus im Faschismus sahen.3 In dieser Tradition pflegte Lefebvre auch entsprechende Beziehungen zum weiter bzw. wiedererstehenden Faschismus der Nachkriegszeit, so zu Frankreichs Front National-Chef Jean Marie Le Pen, über den sich auch der Generalobere der Bruderschaft, Bernard Fellay, anerkennend äußerte und für dessen Neonazis Gottesdienste zelebrierte. Nach dem Militärputsch in Argentinien 1976 machte der Erzbischof mehrfach dem Diktator des Mörderregimes, Jorge Videla, der später zu lebenslanger Haft verurteilt wurde, seine Aufwartung. Die Vatikaninsider Gordon Thomas und Max Morgan-Witts hatten das in ihrem 1984 veröffentlichten Buch „Vatikan“ 4 als religiösen Faschismus Lefebvrescher Prägung“ charakterisiert.
Bereits 1989 hatte Ratzinger als Kardinal und Erzbischof von München auch dafür gesorgt, dass das ursprünglich Lefebvre-hörige altritualistische Benediktinerkloster Sainte Madelaine in Le Barroux bei Avignon wieder in den „römischen Mutterschoß“ zurückkehren konnte. Es bekannte sich formell wieder zum Papst (Johannes Paul II.), den es wie seinen Obersten Glaubensrichter Ratzinger nicht störte, dass weiterhin das Zweite Konzil missachtet und die Messe im Ritus des 16. Jahrhunderts zelebriert wurde, oder Kloster-Abt Gerard Calvet seinen Beziehungen zur Front National nicht entsagte. Für das Konzilsfeindliche Messbuch, das die Mönche von Sainte Madelaine 1990 herausgaben, in dem auch angewiesen wurde, am Karfreitag für die „abtrünnigen Juden“ zu beten, schrieb Ratzinger das Vorwort. Das Gebet war während der ganzen zwölf Jahre der Naziherrschaft in deutschen Kirchen gesprochen worden. Widerspruchslos konnte der dem Kloster verbundene Katholik Jean Madiran 1995 für den bekannten französischen Kollaborateur der deutschen Besatzungsmacht, den Schriftsteller Robert Brasillach, eine Gedenkfeier abhalten. Brasillach war als Generalkommissar für Filmwesen in der Vichy-Regierung 1945 zum Tode verurteilt und hingerichtet worden. Ebenso verhielt es sich mit dem Pfarrer der Kirche Saint Nicolas du Chardonnet in Paris, dem ehemaligen Lefebvre-Priester Philippe Laguérie, der für den antisemitischen Chef der Miliz, zuletzt Missionschef im Staatssekretariat der Petain-Regierung, Paul Touvier, ein Requiem (Totenmesse) hielt. Touvier, der zahlreiche Widerstandskämpfer aufs Schafott oder in Konzentrationslager brachte, darunter viele Juden, war 1994 zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt worden, während der er 1996 verstarb. Laguérie hatte 1987 auch Le Pen offen verteidigt, der – ganz wie Richard Williamson – behauptete, es hätte keine Gaskammern gegeben.
Jetzt seien laut „Vatikan News“ einige Punkte geklärt worden, die die Pius-Bruderschaft in Briefen vorgebracht habe, insbesondere im Zeitraum 2017 bis 2019. Der Dialog soll offensichtlich noch bestehende Fragen klären und die Bruderschaft mit dem Vatikan aussöhnen.
Anmerkungen:
1 „Problem für den Papst“. „Spiegel, 4/2009.
2 Siehe auch „Der neue Mahnruf“, Wien, 1-2/2009.
3 Wie aus Erklärungen Leo XIX. hervorgeht, will er Pius XII, die Seligsprechung, der Vorstufe zur Heiligsprechung, gewähren, die bisher auf Ablehnung in Israel stößt, weil dieser die ihm von dem späteren Papst Johannes XXIII., damals Nuntius (Botschafter) des Vatikans in Istambul im Jahr 1944 übermittelten Informationen über die Greuel in Auschwitz ignorierte.
4 Gordon/Morgan-Witts: Der Vatikan. Mechanismen kirchlicher Macht, Zürich 1984.
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