Warum im jüdischen Familienepos von 1900 bis 1947 die Kristallnacht fehlt – Claudia Schulmerich im Gespräch mit Stefanie Zweig über den neuesten Roman „Heimkehr in die Rothschildallee“ aus dem Verlag LangenMüller

Frau Zweig, Sie tragen einen berühmten Namen, einen berühmten Schriftstellernamen. In Frankfurt sind Sie schon durch Bücher um die Familie in der Rothschildallee bekannt und vielen Deutschen kommt eine Assoziation, wenn Sie „Nirgendwo in Afrika“ hören, da der Film nach Ihrem Buch mit dem Oscar ausgezeichnet wurde. Was sollten auch die, die Sie noch nicht kennen, über Sie wissen?

Ja, gut, meine Biographie gilt im allgemeinen als interessant. Ich hasse das Wort, weil es ja Schicksal war, daß wir nach Afrika mußten. In Frankfurt wird aber mindestens so gerne der zweite Teil meiner Biographie gelesen und das ist „Irgendwo in Deutschland“ und ansonsten kennt man mich in Frankfurt durch meine journalistische Arbeit. Ich war bis zu deren unrühmlichen Ende Redakteur bei der Frankfurter Abendpost Nachtausgabe, dort habe ich Kolumnen geschrieben, die sehr gerne gelesen wurden, und was die Kolumnen betrifft, das haben wir jetzt wieder aufgenommen. Ich schreibe seit zwei Jahren jeden Samstag eine Kolumne in der Frankfurter Neuen Presse.

Das habe ich alles verfolgt und Sie auch noch in der Abendpost Nachtausgabe gelesen. Aber über Frankfurt hinaus, was sollen unsere Leser über Sie wissen?

Am besten ist, sie lernen meine Bücher kennen. Ich habe ja sehr viel geschrieben, wobei ich eine Alterskarriere gemacht habe, denn solange ich Redakteur war, habe ich meine Kraft meinem Chefredakteur zur Verfügung gestellt und mich nicht getraut, Bücher zu schreiben. Als ich dann unfreiwillig pensioniert wurde, aber immerhin schon in dem Alter, wo ich zum Glück unvermittelbar war, habe ich noch mal angefangen und habe seit 1995 sechzehn oder siebzehn Bücher geschrieben, wobei ich die Kinderbücher nicht mitrechne.

Bleiben wir erst noch bei Ihrem Leben, auf das immer wieder einzugehen, Sie sicher müde sind. Aber bei einer Deutschen und einer Jüdin Ihres Alters will man einfach mehr wissen, wie das war, das ins Exilmüssen und das Heimkommen.

Ins Exilmüssen, da war ich viel zu jung, um mir darüber Gedanken zu machen. Ich war fünf Jahre alt und eines Tages wurde mir gesagt: „Komm, wir fahren heute zum Papa“, der war schon in Afrika, in Kenia. Das Rückkommen im Jahre 47, da war ich fast fünfzehn, war schwieriger und ich bin in ein fremdes Land gekommen, das darüberhinaus kaputt war, zertrümmert, die Sprache konnte ich auch nicht, ich habe damals fast nur Englisch gesprochen. Zu Hause, aber ich war nur alle drei Monate zu Hause durch das Internat, habe ich natürlich Deutsch gesprochen, aber es hat nicht mehr gelangt, eine richtige Muttersprache zu sein.

Bleiben wir heute bei der Rothschildallee. Ein markanter Name – Rothschild – und eine markante Straße. Was müssen die Leser erst einmal über die Differenz: Ihr Leben und die Romanfamilie des jüdischen Textilhändlers Johann Isidor Sternberg wissen?

Es ist eine rein fiktive Geschichte, schon dadurch, daß ich keine Frankfurterin bin, ich bin in Oberschlesien geboren. Ich hatte nur das Bedürfnis, das Leben einer Frankfurter jüdischen Familie zu schildern. Die Zeit, die ich schildere, fängt ja 1900 an und jetzt sind wir bei 1947.

Auf was haben Sie zurückgegriffen, welche Dokumente oder auf welche Sachverhalte, die Sie recherchiert hatten?

Also zunächst habe ich auf meinen Kopf zurückgegriffen, weil ich ja die Familie erfunden habe und recherchieren habe ich natürlich sehr viel müssen, auch jetzt im letzten Buch, das ist zwar mein eigenes Erleben – fast -, aber das Gedächtnis betrügt, man weiß es doch nicht mehr ganz genau. Eigentlich habe ich jeden Fakt, den ich genannt habe, im Internet nachrecherchiert.

Was war Ihr Konzept der Romane? Gleich die Romanfolge oder hat sich das nach dem ersten Roman zu den Folgen entwickelt?

Ich bin kein wissenschaftlicher Typ. Ich habe nie ein Konzept gemacht. Ich konnte als Schülerin schon keine Gliederung schreiben. Ich habe es einfach laufen lassen, wie es kam und immer, wenn ein Buch fertig war, da hatte ich das Gefühl, aber auch von Leserseite aus, eigentlich müßte die Geschichte weitergehen.

Fassen wir die drei bisherigen Bücher bitte für unsere Leser noch einmal zusammen: Es beginnt mit dem „Haus in der Rothschildallee“, das die Jahre 1900 bis 1916 umfaßt. Was passiert da?

Da wächst eine Familie heran, die wird immer größer, zunächst ist ein Sohn, zum Schluß sind es vier oder fünf Kinder. Der Familie widerfährt, was sehr vielen jüdischen Menschen widerfahren ist, sie erwacht aus ihrem Traum von einer Gleichberechtigung als Deutsche. Der Sohn, der Älteste, der Otto, fällt im ersten Weltkrieg, zu dem er begeistert hingelaufen war, er kann es gar nicht erwarten, bis er beim Militär ist und fällt dann auch und ist im Oktober 1914 bereits tot.

Dann kommen die „Kinder der Rothschildallee“ von 1926 bis 1937? Da fragt man sich als erstes, wie gehen Sie mit den in Deutschland dramatischen Jahren von 1916 bis 1926 um, der Umwälzung der Ideologie und den Kriegsfolgen?

Also, das erste Buch geht bis 1916/17 und dann habe ich ja eine Pause. Ich wollte nicht die Zeit der Inflation schildern, ich bin sehr unbegabt für wirtschaftliche Zusammenhänge und es wäre mir einfach nicht gelungen. Deshalb habe ich dann mit 1926 fortgesetzt, als die Lebensverhältnisse ganz anders waren und als die Menschen dachten, jetzt ist Ruhe eingekehrt und Frieden für immer, was dann von den Nazis konterkariert wurde.

Am wichtigsten ist für unsere Leser das neue Buch, das von 1941 bis 1948 handelt. Warum sind hier die Jahre von 37 bis 41 ausgelassen?

Das habe ich ganz bewußt gemacht. Ich wollte nicht aus der Pogromnacht Fiktion machen. Ich selbst war nicht in Deutschland, als sie geschah und das wäre mir peinlich gewesen, vor den Opfern, den Menschen, die sie nicht überlebt haben, das hätte ich persönlich für mich nicht verantworten können, daraus einen Roman zu machen.

Wie könnte es weitergehen? Besser, wie wird es weitergehen?

Das ist eigentlich noch zu früh. Ich bin erst seit sechs Wochen mit dem Buch fertig. Es ist brandneu. Ich hoffe, daß es weitergeht, aber das weiß ich noch nicht so genau.

Ich sage Ihnen gerne, warum ich persönlich Interesse daran habe. Ich bin in den Fünfziger Jahren in Frankfurt aufgewachsen und fand diese Adenauerzeit eine so furchtbare Zeit, aber ich weiß, daß andere das als Beglückung und Befreiung empfanden. Ich bin deshalb sehr interessiert, wie Sie die Fünfziger Jahre, die Sie selber hier erlebt haben, in einem solchen Buch schildern.

Ich kriege immer eine Stinkwut, wenn ich höre, es war die Goldene Zeit, es war eine so spießige und verklemmte Zeit und so würde ich sie auch gerne darstellen, wobei ich das nicht politisch meine, ich verstehe nicht sehr viel von Politik.

Es ist ja auch die Folge von Politik, der Mehltau, der über der Gesellschaft lag. Um den geht es eigentlich, den man sehr gut schildern kann.

Ja, genau.

Sie sind einfach eine gute Erzählerin, lebensprall und anschaulich. Auf welchen Erzähltraditionen bauen Sie auf. Wer sind Ihnen die Liebsten in diesem Genre, das vom Familienroman, dem zeitgenössischen ausgeht und gleichzeitig geschichtliche Romane über unsere Gesellschaft umfaßt?

Da muß ich ein Geständnis machen. Ich lese so gut wie keine Belletristik. Ich lese lieber Sachbücher, die schildern. Wenn ich irgendeine Erzähltradition habe, dann ist es die englische Literatur, mit der ich groß geworden bin und auch jetzt noch gerne lese. Englische Autoren wie Graham Green oder Somerset Maugham, die ganz aktuellen kenne ich wenig.

Ich mußte einfach an Lion Feuchtwanger denken, einen begnadeten Erzähler, weil er Individuum und Gesellschaft stets in einem schreibt. Das tun Sie im gewissen Sinn auch.

Ja, ich lese Feuchtwanger auch gerne. An den habe ich jetzt gar nicht gedacht. Aber Feuchtwanger ist für mich einer, der in seinen Romanen und das sind die, die ich gerne lese, die Zeit schildert und die Realität. Dagegen ist die Herzogin Margarete Maultasch mir ein bißchen weit weg. Aber so ein Roman wie die Geschwister Oppenheimer, die ich auch im Fernsehen gesehen hatte und gelesen sowieso, ja den Feuchtwanger lese ich gerne.

Was wären noch so Themen, die Ihnen in den Sinn kommen, bevor sie in die Feder fließen könnten.

Ich kann überhaupt nicht über Themen nachdenken. Ich fange überhaupt erst an, wenn ich an meinem Computer sitze. Vorher fällt mir auch nichts ein. Ich kann mir keine Notiz mit der Hand machen. Das ist nur Blödsinn und ich kann auch nicht in der Theorie denken und in dem Moment, wo ich mein Arbeitszimmer verlasse, da verlassen mich auch sämtliche Gedanken.

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Die Romane um die Rothschildallee in Frankfurt am Main, erschienen im Verlag LangenMüller:

Das Haus in der Rothschildallee, 2007

Die Kinder der Rothschildallee, 2009

Heimkehr in die Rothschildallee, 2010