Leo XIII., das Leitbild des heutigen Papstes

Leo XIII. im Jahr 1896, Standbild aus dem Film „Sua Santità Papa Leone XIII“ von Vittorio Calcina Foto: William K. L. Dickson

Berlin, BRD (Weltexpress). Der heutige Papst hat den Namen von Leo XIII. ,Papst von bis 1878 bis 1903, angenommen. Für gewöhnlich soll die Wahl des Namens eines Vorgängers verdeutlichen, dass der neue Pontifex sich von Grundzügen seiner Politik leiten lassen will. Betrachten wir, wer Leo XIII. war und warum Kardinal Prevost ihn zu seinem Leitbild erkoren haben könnte.

Frontwechsel

Gegen die Beseitigung seiner weltlichen Herrschaft und die Säkularisierung seiner Besitztümer hatte der Vorgänger Leo XIII., Pius IX., Papst von 1846 bis 1878, 1870 auf das schärfste protestiert, dem bürgerlichen Staat ewige Feindschaft geschworen, in feierlicher Form alle am „Raub des Patrimonium Petri“ beteiligten – das waren der König, seine Regierung und alle die ihnen irgendwie dienten – mit der höchsten ihm zur Verfügung stehenden Strafe belegt, der Exkommunizierung. Zwar nahm sein Nachfolger Leo XIII., der sein Pontifikat am 20. Februar 1878 antrat, die Verdammung nicht zurück, vollzog aber fast auf der Stelle stillschweigend einen Frontwechsel. Mit dem Gespür, das aus dem fast Zweitausendjährigen Hass gegen alles Fortschrittliche erwuchs, hatte der Klerus die mit der 1876 durch die Gründung der sozialistischen Arbeiterföderation in Italien entstandene Gefahr erkannt und reagierte. Der Hauptfeind waren nunmehr die marxistische Arbeiterbewegung, ihre Partei und alle, die sich an ihre Seite stellten oder auch nur mit ihnen sympathisierten.

Hüter des Privateigentums

Der Vatikan sicherte dem bürgerlichen Staat nicht nur in Italien, sondern ebenso in Deutschland und Frankreich die Unterstützung der Kirche „zugunsten der durch die aufrührerischen und unmoralischen Doktrinen – den Marxismus – gefährdeten sozialen und politischen Ordnung“ zu.1 Die 1891 erlassene Enzyklika „Rerum Novarum“, welche die Grundlage der katholischen Soziallehre bildete, forderte, „der Staat muss sich zum unerbittlichen Hüter des Privateigentums machen“ und ihm durch „die öffentlichen Gesetze (…) Schirm und Schutz bieten“. Wer die Aufhebung des Privateigentums fordere, müsse „im Namen der Moral, deren Fundament er zerstört, als außerhalb des Gesetzes stehend erklärt werden“. In scharfer Form machte „Rerum Novarum“ Front gegen die sozialistischen Arbeiterorganisationen: „Sollte eine Vereinigung einen Zweck verfolgen, der in flagrantem Gegensatz zur Rechtschaffenheit, zur Gerechtigkeit und zur Sicherheit des Staates steht, dann haben die öffentlichen Gewalten das Recht, deren Bildung zu verhindern oder, falls sie schon bestehen, sie aufzulösen.“

Sozialismus war „Pest“

Die Enzyklika wandte sich gegen „jede Form des Sozialismus“, den sie als „Pest“ brandmarkte und forderte: „Wenn die Massen sich von üblen Doktrinen hinreißen lassen, darf der Staat nicht zögern, mit starker Hand zuzufassen“. Ignazio Silone charakterisierte die päpstliche Schrift als „konterrevolutionäre Waffe im Schoße der Massen“.

Unter Leo XIII. betrat die Kurie jedoch kein Neuland. Sie hatte die kommunistische Ideologie schon in ihrer Entstehungszeit verfolgt, verflucht und verdammt. Noch bevor Marx und Engels 1847 das „Kommunistische Manifest“ veröffentlichten, hatte der Heilige Stuhl gegen die utopischen Sozialisten Front gemacht. 1846 wurde der Kommunismus in der Enzyklika „Qui Pluribus“ ausdrücklich zu den „monströsen Irrtümern“ gerechnet. 1864 rangierte er im Syllabus des Papstes mit dem Liberalismus, dem Sozialismus und der Freimaurerei unter den „Pestilenzen“.

Wenn die Kurie unter Leo XIII. nach dem Machtantritt der Großbourgeoisie Position für den Kapitalismus als von Gott gewollter Ordnung bezog, hieß das nicht, dass der Feudalismus aufgegeben wurde. Dort wo seine Überreste in Form von Monarchien oder auch nur deren Überbleibseln, aber auch politischen Strömungen und Sammelbecken reaktionärer Kreise weiter existierten, wie auch in Italien, hatten sie und haben sie noch heute die volle Unterstützung aus Rom.

Damm gegen die Sozialdemokratie

Die Hinwendung zum bürgerlichen Staat war als erstes gegenüber Deutschland und noch zu Lebzeiten Pius IX. eingetreten. Der Kurswechsel gegenüber dem deutschen Kaiserreich fiel leichter, da die staatliche Einheit im Gegensatz zu Italien unter der Hegemonie Bismarcks und der Junkerkaste erfolgt war und es dort keine Säkularisierungen päpstlichen Besitzes gegeben hatte. Nach dem Kulturkampf, nach den Mai-Gesetzen und der antiklerikalen Periode (1873-1875) versöhnte die Notwendigkeit, einen Damm gegen die Sozialdemokratie zu errichten, Bismarck und den Papst. Die endgültige Wende erfolgte mit dem 1878 an den Erzbischof von Köln gerichteten berüchtigten Brief, in dem Leo XIII. dem Staat des Kapitals nicht nur in Italien, sondern ebenso in Deutschland und Frankreich die Unterstützung der Kirche „zugunsten der durch die aufrührerischen und unmoralischen Doktrinen – den Marxismus – gefährdeten sozialen und politischen Ordnung“ zusicherte.2

Die Demagogie vom „Arbeiterpapst“

Aber auch die Demagogie kam nicht zu kurz. Leo XIII. kleidete seine rigorosen Forderungen nach Zerschlagung der revolutionären Arbeiterbewegung in kritische Bemerkungen am wachsenden Reichtum des Kapitals und heuchelte Verständnis für die Empörung der Arbeiter. So schrieb er, „dass Kapital ist in den Händen einer geringen Zahl angehäuft, während die große Menge verarmt; es wächst in den Arbeitern das Selbstbewusstsein, ihre Organisation erstarkt; dazu gesellt sich der Niedergang der Sitten. Dies alles hat den sozialen Konflikt wachgerufen, vor welchem wir stehen.“ Derartige Demagogie verhalf ihm, sich in der Kirchengeschichte als „Arbeiterpapst“ feiern zu lassen. Der Vatikan nahm für sich in Anspruch durch „rerum novarum“ hätten „die deutschen Katholiken zur Zeit des Kaiserreiches führenden Anteil am Aufbau und Ausbau der Sozialpolitik“ genommen.3

Gegen Abweichler in den eigenen Reihen

Die marxistische Arbeiterbewegung übte dennoch einen großen Einfluss auf das geistige Leben aus und befruchtete auch das Wirken liberaler Persönlichkeiten, die sich gegen die Verfolgung jeglichen Fortschrittsdenkens durch den Klerus wandten und Zustimmung seitens der Sozialisten erhielten. Gegen Abweichler in den eigenen Reihen ging die Kurie in inquisitorischer Weise vor. Im Juli 1907 erließ Pius X. den Syllabus „Lamentabile sane exitu“, der ohne Namensnennung 65 Thesen des Hauptes der Modernisten, des großen französischen Theologen und Denkers Alfred Loisy, verurteilte. Zwei Monate nach dem Syllabus folgte die Antimodernisten-Enzyklika „Pascendi Dominici Gregis“, die ein Bild völliger Dämonisierung nicht konformer theologischer Denker darstellte. Die sogenannten Reformkatholiken wandten sich gegen Neuscholastik und Ultramontanismus, lehnten den religiösen Totalitarismus ab und suchten eine Einbeziehung der modernen Kultur und Wissenschaft in ihre Lehre. Einer ihrer herausragendsten Vertreter war der deutsche katholische Theologe, Professor für christliche Kunstgeschichte und vergleichende Religionswissenschaft in Würzburg, Hermann Schell. Seine Schrift „Der Katholizismus als Princip des Fortschritts“ (1897) wurde sofort nach dem Erscheinen auf den Index verbannt. Mit einem Motu proprio bedrohte der Papst alle mit der Exkommunikation, die es wagen sollten, der Enzyklika zu widersprechen.

Bündnis mit den Liberalen

Aber auch die weitere Entwicklung ist unter dem Aspekt aktueller Orientierungen zu betrachten. 1904 suchte der damalige Ministerpräsident Giovanni Gioltti die Unterstützung der Kurie für seine Liberale Partei zu den Wahlen. Nachdem Pius X. (Papst von 1903 bis 1914) ihm die Unterstützung der Regierungskandidaten durch die Katholiken in ganz Italien zugesichert hatte, löste er das Parlament auf und schrieb für November Neuwahlen aus, von denen er sich eine Niederlage für die Sozialisten erhoffte, die allerdings ausblieb. Nach den Wahlen hob der Papst das bis dahin bestehende Verbot der parlamentarischen Betätigung für Katholiken auf.

Die Befürchtung, dass von der Wahlreform 1912 4 vor allem die Sozialisten profitieren würden, führte zu einem neuerlichen Pakt zwischen der Regierung und dem Vatikan. Giolitti und der Präsident der Katholischen Wählervereinigung, Graf Vincenzo Ottorino Gentiloni, vereinbarten, dass die Katholiken dort, wo ihr Bewerber keine Chancen hatte, die liberalen Kandidaten unterstützen. Die Liberalen sagten dafür zu, die Ehescheidung abzulehnen, in den öffentlichen Schulen den Religionsunterreicht zuzulassen und den katholischen Privatschulen sowie Organisationen und Orden staatliche Unterstützung zu gewähren. Die Ergebnisse waren nicht gerade verheißungsvoll. Zwar erreichten die Liberalen mit 304 Sitzen (von 508) der Abgeordnetenkammer eine regierungsfähige Mehrheit, verloren aber gegenüber 1909 fast 20 %. Gentilono behauptete, ohne die katholische Wahlhilfe hätte Giolitti weniger als 200 Mandate geschafft. Eigentliche Wahlsieger waren die Sozialisten, die ihre Mandate mit 79 verdoppeln konnten.

Eigene Gewerkschaften und eine Partei

Im Ergebnis dieses Kurses wuchs der Katholizismus zu einem gefährlichen und gut organisierten Gegner der Arbeiterbewegung an. In Italien schuf die katholische Kirche ihre eigene Bewegung, deren Grundlage christliche Gewerkschaften bildeten. 1910 existierten 374 lokale Organisationen mit annähernd 170.000 Mitgliedern, davon 67.500 in Industrie, Handel und Verkehr und 100.000 in der Landwirtschaft. In der Textilindustrie, danach unter den Eisenbahnern, den Metallarbeitern, den Post- und Telegrafenarbeitern entstanden nationale katholische Berufsgewerkschaften.5 Ein Kongress in Bologna betonte ihre Aufgabe, dem Zusammenwirken von Arbeit und Kapital zu dienen. Um dem politischen Katholizismus eine Verankerung im Parteiensystem zu verschaffen und sowohl unter der katholischen Arbeiterbewegung als auch in kleinbürgerlichen Schichten ein Gegengewicht zur anwachsenden ISP zu bilden, gründete der Priester Don Luigi Sturzo im Auftrag des Vatikans 1919 die katholische Volkspartei.

Wenn Leo XIX, sich Grundzüge seines Namensvorgängers zurecht schneidern will, kann er zunächst davon ausgehen, dass die Kommunistische Bewegung heute in drei Parteien gespalten ein Nichendasein führt und in absehbarer Zeit von ihr keine Gefahr ausgehen dürfte, was ebenso auf die zerstrittene Linke zutrifft. Seine Kirche versucht er dagegen als Einheit aufzustellen, was heißt, die Reformer ordnen sich (bisher) unter während die reaktionären Kräfte in „gemäßigter“ Weise sich durchsetzen. Sie erhalten Auftrieb durch die Berufung Leo XIV. auf reaktionäre Kräfte, wie den Kirchenlehrer Aurelius Augustinius, der vor 1700 Jahren unter dem Kaiser Konstantin, Herrscher des römischen Sklavenhalterstaates, zur Sicherung seiner Macht ein Bündnis mit der katholischen Kirche einging, sie zur herrschenden machte, Nicht-Katholiken verfolgt wurden, wofür Augustinius mit seinen Lehren die Grundlagen schuf.

Unter all diesen Gesichtspunkten bleiben Bekundungen Leos die Macht der Reichen einzuschränken bloße Lippenbekenntnisse, wie auch seine Appelle, den Krieg in der Ukraine zu beenden, ausklammern, dass in Kiew unter Selenskyj ein Regime herrscht, das 2014 durch den Maidan-Putsch von Neofaschisten an die Macht kam, ganz abgesehen davon, dass die Russen nicht an der Oder stehen, sondern die NATO vor den Grenzen Russlands. Schritt für Schritt wird klar, dass bei allen Erklärungen Leos, den Kurs Franziskus‘ fortzusetzen, es zu seinem Vorgänger grundlegende Unterschiede gibt. Jüngstes Beispiel ist seine Ankündigung, dass er Gruppen der LGBTQ+-Gemeinschaft, die  nach Rom pilgern, nicht empfangen wird. Zwar hat er sich bisher nicht konkret zur Akzeptanz der LGBTQ+-Gemeinschaft durch den Papst geäußert,  aber  bereits mehrfach auf die Familie verwiesen. So sagte er beispielsweise, die Familie  beruhe  „auf der stabilen Verbindung zwischen Mann und Frau “ und  betonte, die Ehe sei „der Maßstab wahrer Liebe zwischen Mann und Frau“.  Die  letzte Phase des Wirkens von Franziskus‘ Pontifikat war dagegen von besonders großen Offenheit für die Segnung homosexueller Paare geprägt worden.

Anmerkungen:

1 Brief Leo XIII. An den Erzbischof von Köln. Zit. in: Ignazio Silone „Der Faschismus“ Frankfurt/Main 1984 (Reprint der Erstausgabe von 1934) , S. 242f.

2 Silone, a. a. O.

3 Texte zur katholischen Soziallehre. Kevelaer 1992, S. XI und 1 .

4 Sie erweiterte das Wahlrecht auf alle männlichen Bürger, die das 30. Lebensjahr vollendet hatten oder die – auch wenn sie jünger als 30, aber älter als 21 Jahre waren – eine jährliche direkte Steuer von mindestens 19,80 Lire zahlten oder einen niedrigeren Grundschulabschluss hatten oder den Militärdienst abgeleistet hatten . Auf diese Weise stieg die Wählerschaft von 7 % auf 23,2 % der Bevölkerung. Das seit 1891 geltende Mehrheitswahlsystem wurde beibehalten. Frauen blieben weiterhin von Wahlen ausgeschlossen.

5 Storia del Sindacato in Italia, o. J., o. Ortsangabe, S. 43.

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