Berlin, BRD (Weltexpress). Vor demGericht in Latina begann am Mittwoch der Prozess gegen einen 37-jährigen Agrarunternehmer Antonello Lovato, der wegen fahrlässiger Tötung, unterlassener Hilfeleistung und Verstößen gegen Sicherheitsbestimmungen angeklagt wird. Im Juni 2024 hatte er den Tod des damals 31-jährigen indischen Erntehelfers Satnam Singh verursacht, der auf einem Feld bei Borgo Santa Maria, etwa 60 Kilometer südlich von Rom, in eine Maschine geraten war, die seinen rechten Arm abtrennte und mehrere Knochenbrüche an beiden Beinen verursachte. Statt Erste Hilfe zu leisten und den Notarzt zu rufen, hatte der Unternehmer den Verletzten in einen Lieferwagen packen und nahe seiner Wohnung abladen lassen. Erst nach anderthalb Stunden wurde der Schwerverletzte in einem von den Nachbarn herbeigerufenen Helikopter in ein Krankenhaus nach Rom geflogen, wo er an seinen Verletzungen starb.
Der abgetrennte Arm wurde in einer Obstkiste neben der Wohnung entdeckt. Die Plattform Collettiva der Gewerkschaft CGIL schreibt, in dem Prozess gehe es darum, aufzuzeigen, dass das Leben des Erntehelfers Satnam Singh, nicht durch einen tragischen Todesfall zerstört wurde, sondern durch ein kalkuliertes System, das den Menschen im Namen eines Profits, der alle moralischen Skrupel verloren hat, zu einem entbehrlichen Rädchen im Getriebe degradiert. Er wurde nicht nur bis zur völligen Erschöpfung ausgebeutet. Er wurde als Person ausgelöscht, zu Abfall degradiert und als lästiger Abfall am Rande unserer Gesellschaft sterben gelassen. Der Prozess ist die Gelegenheit – vielleicht die letzte –, ein gnadenloses Licht auf die Lieferketten zu werfen, die für billiges Gemüse und billige Todesfälle sorgen. Auf dem Spiel steht nicht nur die unantastbare Gerechtigkeit für Satnam, sondern auch ein öffentliches und kollektives Bewusstsein, das den Teufelskreis der stillen Toleranz und der indirekten Komplizenschaft mit einer Ausbeutung, die mittlerweile systematisch und legalisiert ist, endlich durchbrechen kann. Denn Satnam ist keine Ausnahme. Es ist das Paradigma. Es ist die unausgesprochene Regel eines Produktionssystems, in dem der Profit auf der Haut des Leisten gemessen wird. Und das Schweigen derer, die woanders hinschauen, ist Teil des Problems. Sein Tod ist nicht tragisch unerwartet: Er stand bereits fest, auch wenn es uns schwerfällt, das zu sehen.
Ein Bericht des Nationalen Observatoriums für Todesfälle am Arbeitsplatz von Bologna hatte damals festgestellt, dass es seit Jahresbeginn 620 registrierte Todesfälle gab, bei denen Ausländer unter 60 Jahren die Mehrheit waren. Sie stürzten von Gerüsten und Lagerdächern, wurden von Traktoren zerquetscht, fielen unter Maschinen oder Lastwagen, starben unter der brütend heißen Sommerhitze, auch Übermüdung oder Stress durch Überbelastung spielten eine Rolle. Vor allem aber die Nichteinhaltung elementarster Sicherheitsvorkehrungen am Arbeitsplatz sind ein tödliches Übel.
Nachdem im April 2024 sieben Arbeiter bei einer Explosion in einem Wasserkraftwerk des ENI-Konzerns ums Leben gekommen waren, hatten die Gewerkschaften in einem Generalstreik gefordert, die Tötung am Arbeitsplatz unter Strafe zu stellen, weil nur so auf die Unternehmer eingewirkt werden könne, Maßnahmen zur Sicherheit am Arbeitsplatz zu ergreifen. Der Abgeordnetenkammer liegt ein von der Mitte-links-Fraktion verfasster Gesetzentwurf vor, der die Einführung eines solchen Tatbestandes vorsieht. Die CGIL hat für ein Referendum zur Durchsetzung die dafür erforderlichen 500 000 Unterschriften gesammelt.
Während der Prozess eröffnet wurde starb bei einem Arbeitsunfall bei Anodall Extrusion, einem auf die Aluminiumverarbeitung spezialisierten Unternehmen in Trevenzuolo, Verona, ein Arbeiter, der an einer Maschine zum Transport von Materialien beschäftigt war, durch einen Stromschlag.
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