Die Unbelehrbaren bei Labour

Jeremy Corbyn (Labour). Quelle: Pixabay, Foto: Emphyrio

Berlin, Deutschland (Weltexpress). Die britische Labour-Partei leckt ihre Wunden – nach der schwersten Wahlniederlage seit den 30er Jahren. Für dieses Desaster an den Urnen hat kaum jemanden überrascht – und auch die Ursachen liegen auf der Hand: Diese werden personifiziert durch den (vorläufig immer noch) Labour-Leader Jeremy Corbyn, der vier Jahre lang die Partei geleitet hat. Seine Führungsschwäche in Sachen Brexit, dem seit Jahren zentralen Thema für Grossbritannien sowie seine linksextrem gefärbten und wenig realistischen Wahlversprechen liess die grosse Mehrheit der Briten – selbst in den traditionellen Labour-Hochburgen des englischen Nordens – die Stimme für die Tories und deren Chef Boris Johnson einlegen: Er galt als das geringere zwischen zwei Übeln. Für viele Wähler – und nicht nur Angehörige der jüdischen Gemeinschaft – welche die traditionellen Werte britischer Toleranz hochhalten war der Antisemitismus innerhalb der Labour-Partei ausschlaggebend, den Parteichef Corbyn einzudämmen gelobte, dies aber letztlich nie überzeugend tat.

Die Labour-Partei ist die traditionelle politische Heimat der jüdischen Arbeiterschicht (die längst in die Mittelklasse aufgestiegen ist, das Londoner East End verlassen hat und in die „leafy suburbs“, den grünen Vorstadtgürtel von Nordlondon, wie Golders Green und Hampstead umgezogen ist). Die britischen Juden verfolgten die monatelange, selbstzerfleischende Antisemitismus-Diskussion innerhalb der Labour-Partei mit Argusaugen. Die Kritik der britischen Juden gipfelte im historisch beispiellosen „Times“-Artikel des britischen Oberrabbiners Ephraim Mirvis, der Corbyn vorgeworfen hat, seine Partei mit Antisemitismus „bis hin zu den Wurzeln zu vergiften“. Mirvis erhielt Sukkurs vom englischen Kirchenvater Justin Welby, dem Erzbischof von Canterbury, dem Vorsitzenden der Church of England und symbolischen Oberhaupt der weltweiten Anglikanischen Gemeinschaft. Dies verlieh den ernsten Warnungen des Oberrabbiners zusätzliches Gewicht und immense Glaubwürdigkeit.

Obwohl Mirvis ausdrücklich davon Abstand genommen hatte, der auf rund 260 000 geschätzten jüdischen Minderheit in Grossbirtannien eine (negative) Wahlempfehlung abzugeben, war die Signalwirkung klar – aber eigentlich gar nicht mehr notwendig: Die grosse Mehrheit der britischen Juden – Demoskopen gehen aus von 97 Prozent – legten ihren Wahlzettel nicht für die Labour-Partei ein. Eine politische Tradition nahm damit ihr Ende. Corbyn, der antizionistische und im Verdacht des Antisemitismus stehende Labour-Führer musste um jeden Preis als Premierminister Grossbritanniens verhindert werden.

Seither sucht die Labour-Partei nach einem neuen Leader. Doch mit der verheerenden Wahlniederlage, die eigentlich jedem in der Labour-Partei die Augen öffnen und zu einem Prozess der Katharsis führen sollte, ist leider der Antisemitismus bei Labour nicht verschwunden. Jess Phillips, eine der fünf Kandidatinnen und Kandidaten für die Nachfolge Jeremy Corbyns als Labour-Leader hat jetzt erneut zu dringlichen Aktionen gegen den immer noch vorhandenen Antisemitismus in ihrer Partei aufgerufen. Ausgelöst wurde dieser Alarmruf durch die Klage eines hochrangigen Parteigenossen, Alex Holmes, des Vizevorsitzenden der Labour-Sektion Ilford Süd. Holmes stellte in einem Tweet fest, er habe soeben die schlimmste Parteisitzung seiner gesamten Laufbahn erlebt: Er selbst und ein Parteigenosse seien als „Agenten einer ausländischen Macht“ beschimpft worden, nachdem sie sich gegen eine Entschliessung der Partei ausgeprochen hatten, in der das Board of Deputies (das wichtigste Repräsentativ-Organ der britischen Juden) frontal als „Organisation der Tories“, also des politischen Gegners, der Konservativen, verunglimpft wurde. Dies nachdem das Board zehn konkrete Programmpunkte lanciert hatte, die dem Antisemitismus bei Labour ein Ende setzen sollen. Die Angriffe gegen Holmes und seinen Parteikollegen hatten unverkennbar antisemitische Untertöne. Der Menschenrechtsanwalt Adam Wagner qualifizierte Homes` Stellungnahme als deutlichen Hinweis darauf, wie schwer es für einen künftigen Labour-Chef sein werde, die „antisemitic culture“ aus der Labour-Partei zu entfernen. Juden und deren Organisationen als „Agenten ausländischer Mächte“ zu beschimpfen stellt in der Tat – selbst nach der Wahlniederlage Labours – einen neuen Tiefpunkt in der beschämenden antisemitischen Chronologie der Labour-Partei dar. Es ist eine traurige Tradition, Juden „doppelte Loyalität“ bzw. einen Mangel an Patriotismus zu unterstellen. „Agenten ausländischer Mächte“ passt nahtlos in dieses antisemitische Schema. Die Nachfolge-Kandidatin Jess Philipps hatte klare Worte für diese Invektiven: „It’s racism“.

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