
Berlin, BRD (Weltexpress). Zu den Problemen, mit denen die NATO auf ihrem derzeitigen Gipfel in Ankara konfrontiert ist, gibt das kommunistische Magazin „Contropiano“ am 8. Juli 2026 einen Beitrag des „Globetrotter“ wieder. Er stammt von Biljana Vankovska, Professorin an der Universität Skopje und Mitglied des Kollektivs „Kein Kalter Krieg“.
Für diejenigen, die die NATO konsequent kritisieren, sind es schwierige Zeiten. Von der Ära der „Verteidigung der freien Welt“ gegen den Kommunismus über die Ära der „humanitären Intervention“ und des „globalen Kriegs gegen den Terror“ bis hin zum heutigen angeblich existenziellen Kampf gegen nahezu die gesamte nicht-westliche Welt hat das Bündnis die Narrative, die seine Existenz rechtfertigen, immer wieder neu erfunden.
Die Sprache ändert sich, die zugrundeliegende Logik bleibt dieselbe. Die NATO ist nach wie vor unverzichtbar, und jeder neue Feind (ob entdeckt, übertrieben oder bewusst geschaffen) liefert einen weiteren Beweis für ihre Notwendigkeit, so die Autorin.
Seit Jahrzehnten müssen Kritiker mit antimilitaristischen, antihegemonialen oder linken Ansichten hart arbeiten, um diese Mythologie zu dekonstruieren, und sind dabei auf die gemeinsamen Anstrengungen nationaler politischer Eliten, Mainstream-Medien, akademischer Institutionen und Sicherheitsexperten angewiesen.
Diese intellektuelle Aufgabe an sich war nie besonders schwierig. Die Widersprüche, Heucheleien und verheerenden Folgen der NATO-Interventionen blieben noch lange nach dem Ende der Bombardierungen sichtbar. Was Mut erforderte, war, sich gegen den herrschenden Konsens auszusprechen.
Ironischerweise sind heute die führenden Köpfe des Bündnisses selbst zu dessen wirksamsten Verfechtern der Wahrheit geworden. Donald Trump hat die NATO wiederholt ihrer traditionellen moralischen Rhetorik beraubt. Auch NATO-Generalsekretär Mark Rutte äußert sich zunehmend deutlich, und der deutsche Bundeskanzler und der französische Präsident sprechen mit bemerkenswerter Offenheit über Europas militärische Zukunft.
Das Privileg, die Wahrheit über die Entwicklung der NATO zu sagen, steht jedoch allein den Machthabern zu. Wie die Unterdrückung von Protestbewegungen vor dem NATO-Gipfel in Ankara zeigt, können Bürger zwar die Wahrheit über diesen Militärgiganten erfahren, es wird aber nicht von ihnen erwartet, dass sie sich dagegen organisieren.
Der Ankara-Gipfel hat noch nicht einmal begonnen, aber seine Ergebnisse sind bereits bekannt.
Der Ausdruck „historischer Gipfel“ ist so inflationär geworden, dass er fast seine Bedeutung verloren hat.
Manche Beobachter erwarten eine „Europäisierung“ der NATO, bei der die europäischen Verbündeten mehr Verantwortung für die Finanzierung und Führung des Bündnisses übernehmen. Dies ist jedoch bisher weitgehend Rhetorik.
Europa kann die Vereinigten Staaten nicht als militärisches Rückgrat des Bündnisses ersetzen. Es kann jedoch freiwillig die Schlinge um seinen eigenen Hals – und vielleicht um den Hals der ganzen Welt – enger ziehen.
Während die Atlantiker weiterhin besorgt über das Verhältnis zwischen Washington und Brüssel sind und darüber, ob Trump tatsächlich beabsichtigt, das Engagement der USA für das Bündnis zu reduzieren, findet innerhalb Europas selbst ein bedeutenderer Wandel statt.
Innerhalb der NATO entstehen neue Militärkoalitionen. Die baltischen Staaten und Polen verfolgen zunehmend ihre eigene Sicherheitsagenda, angetrieben von historischen Ressentiments und tiefsitzender Russophobie.
Schweden und Finnland, einst Symbole der Neutralität, haben sich rasch der Militarisierung zugewandt, wobei Helsinki mittlerweile sogar die Stationierung von Atomwaffen auf seinem Territorium zulässt (natürlich amerikanische Waffen, wodurch diese Staaten immer tiefer in die strategische Architektur Washingtons integriert werden).
Ähnliche regionale Militärkonfigurationen formieren sich stillschweigend auf dem Balkan, wo Kroatien, Albanien, Bulgarien und Kosovo zunehmend über eine Stärkung ihrer Verteidigungszusammenarbeit sprechen: eine NATO innerhalb der NATO.
Was NATO 3.0 jedoch wirklich auszeichnet, ist nicht bloß die Bereitschaft, Russland und China explizit als strategische Gegner zu benennen oder die eigenen globalen Ambitionen zu verkünden.
Rutte selbst hat bereits erklärt, dass die NATO unverzichtbar sei, da sie es den Vereinigten Staaten ermögliche, ihre globale Macht über Europa zu projizieren. Europa diene also sowohl als Plattform als auch als Kraftverstärker für die amerikanische Weltstrategie (wie die Operation Epic Fury gezeigt habe).
Noch aufschlussreicher ist die Sprache, mit der sich die NATO nun selbst beschreibt. Rutte spricht stolz von einer „industriellen Revolution im Verteidigungsbereich“. Dieser Ausdruck ist bezeichnend. So wie die erste industrielle Revolution die Produktion durch Fabriken und Mechanisierung umgestaltete, zielt NATO 3.0 darauf ab, die Militärproduktion in einem völlig neuen Maßstab zu reorganisieren – nicht primär für die Verteidigung, sondern für dauerhafte Profitabilität.
Hinter der Rhetorik von „kollektiver Sicherheit“, „strategischer Autonomie“ und „Abschreckung“ verbirgt sich eine viel einfachere Realität: Die NATO fungiert zunehmend als Mechanismus, um beispiellose Summen öffentlicher Gelder in die Hände privater Unternehmen zu transferieren.
Die NATO 3.0 stellt daher eine weitere Mutation dar: ein Bündnis, dessen historische Hauptmission zunehmend die permanente Militarisierung der westlichen Volkswirtschaften und höchstwahrscheinlich ein neuer Krieg mit Russland zu sein scheint.
Der Zeitpunkt ist bemerkenswert. Jahrzehntelang haben Regierungen darauf bestanden, dass die öffentlichen Finanzen Sparmaßnahmen erfordern. Krankenhäuser, Universitäten, Rentensysteme und Sozialprogramme mussten sich schmerzhaften Budgetbeschränkungen unterziehen. Plötzlich gelten all diese Haushaltsbeschränkungen nicht mehr für Militärausgaben.
Defizite, die einst im Gesundheits- oder Bildungswesen politisch undenkbar waren, sind bei der Rüstungsbeschaffung völlig akzeptabel geworden. Verteidigungsausgaben werden nicht länger als Belastung dargestellt, sondern als Investitionsstrategie und hervorragende Möglichkeit zur Schaffung von Arbeitsplätzen (ganz zu schweigen von den stetig wachsenden Friedhöfen, die Kriege üblicherweise begleiten).
Dies wirft weitere, zutiefst wichtige Fragen auf. Wenn Cloud Computing, künstliche Intelligenz, Satellitenkommunikation und autonome Waffensysteme zunehmend von privaten Technologieunternehmen entwickelt werden, wer kontrolliert dann letztlich die nationale Sicherheit? Wenn Regierungen strukturell von kommerziellen Anbietern abhängig werden, wo endet dann die demokratische Rechenschaftspflicht? Wenn die Beschaffung militärischer Ausrüstung einer Risikokapitalinvestition ähnelt, wer profitiert dann von der permanenten Unsicherheit? Diesen Fragen wurde erstaunlich wenig Aufmerksamkeit geschenkt.
Stattdessen hören wir nur noch von Notständen: Europa muss sofort wieder aufrüsten. Die Industrieproduktion muss beschleunigt werden. Die Beschaffungsregeln müssen vereinfacht werden. Militärische Investitionen dürfen nicht aufgeschoben werden.
Die Geschichte lehrt uns jedoch, dass Notlagen selten vorübergehend sind. Ausnahmesituationen entwickeln sich allmählich zu dauerhaften Regierungsformen. Unter dem Einfluss einer anhaltenden Bedrohungswahrnehmung erscheinen außerordentliche Militärausgaben plötzlich normal, während Forderungen nach Investitionen in Bildung, Gesundheitswesen oder soziale Gerechtigkeit als fiskalisch unverantwortlich gelten.
Sicherheit durchdringt die Politik. Vor unseren Augen entsteht ein Modell, in dem der Krieg selbst zunehmend privatisiert wird. Private Rüstungsunternehmen, Technologiekonzerne, Logistikfirmen und KI-Entwickler werden zu unverzichtbaren Akteuren im militärischen Ökosystem. Selbst der Krieg selbst rückt immer weiter in den Hintergrund. Künstliche Intelligenz, autonome Systeme und digitale Infrastrukturen ermöglichen es, Militäroperationen in beispiellosem Ausmaß auszulagern, zu automatisieren und zu kommerzialisieren. Krieg erfordert nicht unbedingt Massenmobilisierung; er erfordert Investitionsportfolios.
Für kleine Mitgliedstaaten, die auf Wohlstand statt Krieg hoffen, sind die Folgen besonders besorgniserregend. Erhöhte Verteidigungsausgaben werden als Ausdruck der Solidarität mit dem Bündnis dargestellt, ähneln aber in Wirklichkeit oft einer verpflichtenden Teilnahme an einem gigantischen militärisch-industriellen Investitionsprogramm. Die Bürger finanzieren Waffen, die sie weder herstellen noch kontrollieren, und erhalten so Schutz vor Bedrohungen, die oft durch dieselbe geopolitische Logik verstärkt werden, die dem System zugrunde liegt.
Die NATO war nie bloß ein Militärbündnis innerhalb der UN-basierten internationalen Ordnung. Sie war stets Ausdruck westlicher strategischer Weltanschauung. Heute entwickelt sie sich zu etwas noch Komplexerem: einem System, in dem Sicherheitspolitik, Industriepolitik, technologische Macht und Kapitalakkumulation zunehmend miteinander verschmelzen. Der Gipfel in Ankara wird nicht nur Verteidigung und Abschreckung thematisieren, sondern auch aufzeigen, in welchem Ausmaß die Zukunft von Kapitalismus, Technologie und organisierter Gewalt miteinander verflochten ist. Er wird ein weiteres Kapitel in der politischen Ökonomie der permanenten Kriegsmobilisierung aufschlagen.
Anmerkung:
Siehe die Beiträge
- Vor NATO-Gipfel: Wie Trump die Fehde mit Meloni eskalieren lässt von Rainer Rupp
- Wie der Ukraine-Krieg zum Konflikt mit der NATO führen kann von Rainer Rupp
- Zitat des Tages: „Ohne die USA ist die NATO ein Papiertiger.“ (Donald Trump) von Paul Puma
- Zunehmende Zerfallserscheinungen – NATO-Krise vertieft sich von Rainer Rupp
- Zitat des Tages: „Zerfall von NATO und EU ist unvermeidlich.“ (Douglas Macgregor) von Lars Leopard
- Was ist von dem NATO-Gipfel am 7. und 8. Juli 2026 in Ankara zu erwarten? von Gerhard Feldbauer
im WELTEXPRESS.
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