Berlin, BRD (Weltexpress). Im Zickzack der Geschichte begann ein historischer Umbruch.
Der 29. Mai ist nicht nur für Italien ein historischer Jahrestag. An diesem Tag wurde 1176 bei Legnano nahe Mailand das Ritterheer von Kaiser Friedrich Barbarossa vom Fußvolk des Lombardischen Städtebundes besiegt. Auf dem Höhepunkt ihrer Macht erlitt die Feudalordnung eine Niederlage, zugefügt vom städtischen Bürgertum, dem Träger der kommenden neuen Gesellschaftsformation, die im Schoße der alten heranreifte. In seinem Buch „Asche für Phönix oder: Vom Zickzack der Geschichte. Aufstieg, Untergang und Wiederkehr neuer Gesellschaftsordnungen“, PapyRossa, Köln 2019, hat Jürgen Kuczynski dazu hervorgehoben, dass der Kapitalismus, der als Träger der neue Gesellschaftsordnung, die im Schoße der alten heranreifte, noch mehrere Jahrhunderte brauchte, mit vier bis sechs Jahrhunderten am längsten in Deutschland, ehe es ihm gelang, sich als neue Gesellschaftsordnung durchzusetzen. Der herrschenden Feudalklasse gelang es, wichtige Positionen in Wirtschaft und Staat zu behaupten und mit neuen Machtmitteln sogar zu festigen, wenn auch auf Kosten der ausgebeuteten und unterdrückten Volksmassen. Der Weg der bürgerlichen Klasse zur politischen Macht war von Niederlagen, Fehlentwicklungen und Rückschlägen begleitet. Dass er für die aufsteigende Bourgeoisie weniger mit Problemen gepflastert war als für ihren die historische Bühne betretenden Totengräber (Marx/Engels), die Arbeiterklasse in der sozialistischen Revolution, ergab sich vor allem daraus, dass es um die Ablösung einer alten Ausbeuterordnung durch eine neue ging. Im Lichte dessen, was JK über den Zickzack der Geschichte darlegte, hätten in der DDR historische Analysen eigentlich offenbaren müssen, dass der Aufbau einer neuen Gesellschaft nicht in Jahrzehnten bewältigt und voreilig die voluntaristische These von der Unumkehrbarkeit des Erreichten zu Lebzeiten des Imperialismus verkündet werden konnte. Ein zumindest Jahrhundertwerk war bzw. ist weiter zu bewältigen. Diesen Zeitraum jedenfalls setzen heute die chinesischen Kommunisten voraus.
Die Ausführungen von JK regten mich zum Schreiben des Buches „Streiflichter vom Zickzack der Geschichtete“ an. 1 Es ging mir darum, in eben Streiflichtern, einen Einblick in relevante Abschnitte dieser Epochenwechsel in vorsozialistischer Zeit zu geben, die anregen sollen, Schlussfolgerungen für die Gegenwart zu ziehen, ebenso Erkenntnisse zu gewinnen. Sie können nur dazu führen, dass das menschenfeindliche System des Kapitalismus keine Alternative zu bieten hat, auf der Tagesordnung der Geschichte weiter eine sozial gerechte Gesellschaftsordnung steht, die über Niederlagen hinweg letzten Endes kommen wird. Wir bleiben, um noch einmal auf JK zurückzukommen, „der Idee des Sozialismus treu“. Und zwar nicht nur, „weil wir Marxisten sind“, sondern weil uns die Erfahrungen der Geschichte, die Erkenntnis vermitteln, die durch die heutige gesellschaftliche Entwicklung bestätigt werden, dass, so JK, „nur eine sozialistische Lösung der sozialen Frage in unserer Epoche existiert“. Diese Gesellschaftsformation werde, wenn möglicherweise unter einem anderen Namen „den Sieg davontragen“. Darauf zielte auch der Titel „Asche für Phönix“, mit dem JK der Gewissheit Ausdruck gab, dass der Sozialismus aus seiner Asche hervorsteigen wird, das aber, wie bereits erwähnt, ein heutiger Epochenwechsel, keine 500 Jahre mehr dauern wird.
Im Folgenden zum historischen Jahrestag der Niederlage Barbarossas am 29. Mai das Kapitel aus den „Streiflichtern“:
Friedrich Barbarossa – am Beginn eines historischen Umbruchs
Mit der Krönung Friedrich I. (1122-1190) am 18. Juni 1155 durch Hadrian IV. (1100-1159, Papst seit 1154) tritt eine der schillerndsten aber auch widersprüchlichsten Persönlichkeiten der Geschichte des Mittelalters als Imperator an die Spitze des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation. Während seiner 38jährigen Regierungszeit setzt eine Epoche historischen Umbruchs ein, der Beginn des mehrere Jahrhunderte währenden Übergangs von der Feudalzeit zur bürgerlichen Gesellschaft.
Drei Jahre vorher war der Schwabenherzog am 9. März kaum 30jährig zum deutschen König erhoben worden. In Italien, auf das sich das Hauptaugenmerk seiner Politik richtete, wurde der Staufer nach der Farbe seines Barthaares Barbarossa (Rotbart) genannt. Er war ein entschiedener Gegner des weltlichen Machtanspruchs der Kurie. Er proklamierte „die Unabhängigkeit des Kaisertums von der Kirche, wenn er erklärte, dass er die Krone des Reiches allein der Gnade Gottes und der freien Wahl der Fürsten verdanke“. Gegenüber den Fürsten machte er gleichzeitig das „dominium mundi“, d. h., die „kaiserliche Oberherrschaft“ geltend. 2 Nur widerwillig gab Hadrian ihm den päpstlichen Segen. Unmittelbar nach der Krönung verwickelte er ihn hinterlistig in die Ermordung Arnolds von Brescia (um 1100-1155, 3 welcher der Herrschaft des Papstes entgegentretend, eine „Römische Republik“ ausgerufen hatte. Das blutige Omen belastete das Streben des neuen Kaisers nach einer Verständigung mit dem aufsteigenden italienischen Bürgertum.
Zu den Widersprüchen dieser Epoche gehört, dass die städtischen Bürger entscheidend auf die sozialökonomische Entwicklung einwirken, damit aber auch die Blüte des Rittertums herbeiführen. Unter Friedrich I. bestimmen „neue Elemente neben der christlichen, vorwiegend von Klöstern aus geschaffenen, getragenen und verbreiteten Kultur – weltoffenere, sinnenfrohe, Schönheit schaffende und genießende Kräfte, deren Anregung und Bereicherung nicht im abendländischen Alltag sich erschöpfende, sondern bis in die religiöse Gedankenwelt, in die Problematik der Toleranz hineinreichten“, den Geschichtsprozess. 4
Die Dichtkunst gedeiht. Es entstehen erste Universitäten. Sprache, Literatur und Wissenschaften erleben einen nie gekannten Aufschwung. Das Nibelungenlied erhält seine endgültige Form. Die großen Epiker Walther von der Vogelweide (die politischen Lieder), Wolfram von Eschenbach (Parzival), Hartmann von der Aue (Der arme Heinrich) und Gottfried von Straßburg (Tristan und Isolde) ergreifen bewusst Partei in den politischen Streitfragen, indem sie gegen die feudale kirchlich-religiöse Auffassung des Daseins Werke schaffen, die nicht nur ihre Zeitgenossen beeinflussen, sondern alle nachfolgende deutschsprachige Literatur und so frühe Grundlagen für den langwierigen Weg der Formierung der Nation legen.
Barbarossa trat nicht nur dem Anspruch der Päpste auf die weltliche Herrschaft entgegen, den er aufhalten und partiell zurückdrängen konnte, sondern auch dem abendländischen Expansionsdrang Kaiser Emanuel I. von Byzanz, dem er „auf italienischem Boden keine territorialen Konzessionen“ machte. 5 Gemessen an feudalstaatlichen Kriterien gewann das aus der Teilung von Verdun hervorgegangene deutsch-römisch Reich unter ihm an Macht und Ansehen. Er unterwarf den polnischen Staat seiner Lehnshoheit und nahm die Huldigung der Könige von Böhmen (das Teil des Reiches war), sowie Dänemarks und Englands entgegen. Von seinem strategischen Weitblick zeugte, dass er der Versuchung widerstand, die Expansion nach Osten voranzutreiben und sich stattdessen auf Italien konzentrierte. In dem Mittelmeerland, auf das sich sowohl die Gelüste von Byzanz als auch der sizilianischen Normanen richteten, sah er ein Kernstück seines Imperiums.
An die Grenzen seiner Macht stieß Barbarossa in der Auseinandersetzung mit dem von Mailand geführten Lombardischen Städtebund, einem Vorläufer der künftigen kapitalistischen Gesellschaftsformation. Das „kaiserfeindliche Mailand“ stand an der Spitze einer „Gruppe von erstarkten, selbstbewussten, wirtschaftlich blühenden Städten“, die sich „von der geistlichen Herrschaft befreit und eigene Stadtregierungen gebildet, auch viele Reichsrechte und –güter in Besitz genommen“ hatten.6 Seine Absicht, die ökonomische Basis der Lombardei zur Stärkung der von ihm angestrebten deutschen Zentralgewalt zu nutzen, stieß auf hartnäckigen Widerstand, da das Bürgertum dort auf seine wirtschaftliche und politische Selbständigkeit pochte. Über viele Jahre herrschten kriegerische Auseinandersetzungen vor, in denen die Kaiserlichen mit Augen ausstechen, Kopf und Hände abschlagen sowie Folterungen von Gefangenen und Brandschatzungen der eingenommenen Städte wüteten, aber auch die lombardischen Befehlshaber, die oft aus dem Adel kamen, mit gleicher Münze heimzahlten.
Im Kampf gegen Barbarossa verbündeten sich die Lombarden mit dem Feind jeden Fortschritts, Alexander III. (um 1100 -1181, Papst seit 1159). Der von der Antikaiserpartei gewählte Pontifex hatte Friedrich 1160 mit dem Bann belegt. Im Mai 1176 kam es bei Legnano nahe Mailand zur Schlacht zwischen Barbarossas Heer und den Lombarden. Die Ritter, die sofort angriffen, schlugen die lombardischen Reiter nach einem „wilden Kampf“, wie es die Chroniken berichten, in die Flucht. Rotbart wähnte sich bereits als Sieger und preschte mit seinen Mannen zum Carrogio, dem Fahnenwagen der Mailänder, vor. Dort trafen sie völlig überrascht auf das Fußvolk, das sie mit eingelegten Lanzen und vorgehaltenen Schilden in geschlossener Formation erwartete. Nun begann erst die eigentliche Schlacht, die sich über mehrere Stunden hinzog. Als der kaiserliche Bannerträger fiel und auch Barbarossa vom Pferd stürzte, flohen die Ritter vom Schlachtfeld. Der Erzbischof Philipp von Köln, Herzöge und Grafen gerieten in Gefangenschaft. Friedrich entging nur knapp demselben Schicksal. Das herausragende militärische Ereignis bestand darin, dass erstmals ein Ritterheer vom verachteten städtischen Fußvolk besiegt wurde. Das gesellschaftliche darin, dass die Feudalordnung auf dem Höhepunkt ihrer Macht die erste Niederlage erlitt, zugefügt von der gerade die Bühne der Geschichte betretenden und sie, wenn auch erst Jahrhunderte später, ablösenden bürgerlichen Klasse, dem Träger der kommenden neuen Gesellschaftsformation, die im Schoße der alten heranreifte. Fortan wirkt es als „die Klasse, in der die Fortentwicklung der Produktion und des Verkehrs, der Bildung, der sozialen und politischen Institutionen sich verkörpert fand“ (Friedrich Engels), 7 entscheidend auf die sozialökonomische Entwicklung ein. Die weitgehend unabhängigen Städte wurden als „Glanzpunkt des Mittelalters“ (Marx) innerhalb der Feudalgesellschaft zum vorwärtsweisenden Element des Geschichtsprozesses. Die Kaufleute werden „die ersten Träger weltlicher Kultur in der Zeit des Feudalismus“. 8 Die von ihnen hervorgebrachten Ware-Geld-Beziehungen drängen die bis dahin vorherrschende Naturalwirtschaft zurück.
Die Auseinandersetzungen endeten mit Kompromissen – dem Verständigungsfrieden 1177 mit dem Papst und 1183 mit dem Lombarden-Bund. Friedrich erkannte die Selbstverwaltung der italienischen Städte an, diese ihrerseits die kaiserliche Oberhoheit. Mit der Kurie herrschte ein Patt. Durch die Zusicherung der Anwartschaft seines Sohnes Heinrich VI. auf den normannischen Königsthron in Sizilien konnte sich Friedrich jedoch 1186 ein Übergewicht über das Papsttum sichern. Insgesamt hinterließ er bei seinem Tode das von der Nordsee bis Mittelitalien ausgedehnte Reich wesentlich gefestigter, als er es vorgefunden hatte. Als Führer des dritten Kreuzzuges fand er am 10. Juni 1190 in Kleinasien, unweit Seleukia in den Fluten des Saleph (türkisch Gök-su), einen ganz unkriegerischen Tod. In der Mittagshitze, als er sich bei einem Bad erfrischen wollte, erlitt er in den kalten Wassern des in den kilikischen Bergen entspringenden Flusses einen Herzschlag. Der Kreuzzug wurde abgebrochen.
Es war das Ende eines feudalen Herrschers, der eine herausragende Persönlichkeit sowohl der deutschen als auch der europäischen Geschichte des 12. Jahrhunderts und noch darüber hinaus darstellt. Ihn mit allem reaktionären in der deutschen Geschichte gleichzusetzen, was durch die Identifizierung militaristischer Kriegervereine seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts mit der Kyffhäuserlegende und durch den Missbrauch seines Namens für die Aggression Hitlerdeutschlands gegen die UdSSR befördert wurde, geht an der historischen Realität vorbei. Ebenso abwegig sind seine Idealisierung und Heroisierung, die seit dem 19. Jahrhundert das Geschichtsbild vom KaiserRotbart, von der alten deutschen Kaiserherrlichkeit sowie von deutscher Macht und Einheit prägten.
Anmerkungen:
1 Gestalten und Ereignisse vom frühen Mittelalter bis zum 19. Jahrhundert, AMAZ0N, 2025.
2 Wilhelm Treue: Deutsche Geschichte. Von den Germanen bis zu Napoleon. Bd. I (der zweibändigen Ausgabe), Augsburg 1990, S. 166.
3 Priester, Prediger und Stiftspropst in Brescia, trat als Kirchenreformator für eine Einfache Lebensweise der Priester ein, forderte einen Verzicht der Kirche auf weltliche Machtansprüche, begründete in Rom eine kommunale Bewegung,
4 Treue, S. 158.
5 Ebd., S. 161.
6 Ebd., S. 162.
7 „Über den Verfalls des Feudalismus und das Aufkommen der Bourgeoisie“,. In: Bd. 21, Marx Engels Werke, Dietz Verlag Berlin/DDR 1962, S. 393-401.
8 Jürgen Kuczynski, a. a. O.








