Wer war Enrico Mattei?

Enrico Mattei Quelle: Archivio storico LaPresse

Berlin, BRD (Weltexpress). Auf ihrem Afrika-Gipfel am 15. Februar 2026 in Adis Abeba, der Hauptstadt Äthiopiens, erklärte die faschistische Ministerpräsidentin Giorgia Meloni, mit der Umsetzung eines von ihr konzipierten „Piano Mattei“ würden in den afrikanischen Ländern strategische Projekte in den Bereichen Energie, Ernährungssicherheit und Bildung verwirklicht, bei denen die afrikanischen Nationen ihr eigenes Potenzial unabhängig voll ausschöpfen könnten. Mit der demagogischen Benennung nach Mattei vertuscht Meloni den Charakter ihres Programms neokolonialistischer Ausbeutung , indem sie dafür den Namen des früheren Partisanenkommandeurs und Präsidenten des Energiekonzerns ENI, der wegen seiner Zusammenarbeit mit der UdSSR von der CIA im Oktober 1962 umgebracht wurde, missbraucht. 1

Wenden wir uns der Frage zu, wer Enrico Mattei war und welche Rolle er im Nachkriegsitalien bei der Wahrung der Unabhängigkeit von den USA spielte:

Enrico Mattei war als Abgeordneter einer der herausragenden Vertreter des linken Flügel der Democrazia Cristiana (DC), die der Unterordnung Italiens unter das Vorherrschaftsstreben der USA entgegentraten. Vor dem Zweiten Weltkrieg Chemieunternehmer, hatte er sich nach dem Sturz Mussolinis der Resistenza angeschlossen. Bei Kriegsende kommandierte er eine christdemokratische Partisanenbrigade. Als Regierungsbeauftragter wandelte er 1953 das Erdölunternehmens AGIP in die staatliche Energiegesellschaft Ente Nazionale Idrocarburi  – ENI (Nationale Körperschaft für Kohlenwasserstoffe) um und wurde ihr Präsident. Mattei versuchte, der durch die Marshallplanlieferungen einsetzenden wirtschaftlichen und politischen Abhängigkeit Italiens von den USA eine Barriere entgegenzusetzen. Er weigerte sich, die ENI der Herrschaft der in der Standard Oil zusammengeschlossenen US-amerikanischen Erdölgesellschaften, den sogenannten sieben Schwestern, unterzuordnen. Um Italien aus der einseitigen Abhängigkeit von der Erdölversorgung durch die USA zu lösen, schloss er Verträge mit der Sowjetunion, die vorsahen, 30 % des Landesbedarfs zu sichern. Weitere Lieferungen deckte er durch Abkommen mit arabischen Staaten ab. Die Linie der Unabhängigkeit Italiens vom Erdöl der USA berührte aber, von den Profiten, die der Standard Oil damit entgingen einmal abgesehen, die Versorgung der in Italien dislozierten NATO-Verbände und der im Mittelmeer operierenden 6. US-Flotte, für welche die ENI zuständig war. Eine Anzahl Großindustrieller, darunter FIAT-Chef Agnelli, brachten dem Kurs des ENI-Chefs bezüglich der wirtschaftlichen Unabhängigkeit Interesse entgegen und unterstützten ihn, wenn auch nicht offen. Von der CIA wurde Mattei als einer „der gefährlichsten Feinde“ der USA, seine Energiepolitik als „eine Bedrohung der amerikanischen wirtschaftlichen und politischen Positionen in Italien und im Nahen Osten“ eingeschätzt und dringend empfohlen, „entsprechende Maßnahmen“ zu ergreifen. 2

Nach der Wahlniederlage der DC 1953- sie sackte von 48,5 % 1948 auf 40,1 % ab, fasste Mattei zur Lösung der DC-Krise einen Weg ins Auge, den sein Parteifreund Aldo Moro erst in den 70er Jahren beschritt. Er forderte, die Kommunisten in die Lösung politischen Krise einzubeziehen. 1955 wandte er sich in einem Gespräch mit der USA-Botschafterin Claire Booth dagegen, den Einfluss der Kommunisten durch repressive Polizeimethoden zurückzudrängen. Er plädierte dafür, „die Lösung der kommunistischen Frage in Italien über kraftvolle soziale und ökonomische Reformen herbeizuführen“. Bei all dem war Mattei alles andere als ein verkappter Kommunist, wie man in Washington nicht müde wurde, zu propagieren, sondern ein kapitalistischer Reformer, der bei Gleichgesinnten in bürgerlichen Kreisen ein offenes Ohr fand.

Als Robert Kennedy 1960 sein Amt als US-Präsident antrat, schickte er als Sonderbotschafter James King nach Rom, der in seinem Bericht schrieb: „Matteis Name und seine Präsenz tauchen in jedem Gespräch auf. Unter meinen Gesprächspartnern ist die Meinung weit verbreitet, dass Mattei eine effektive Kontrolle über die Regierung ausübt.“3

Die Regierung unter „effektiver Kontrolle“ des „Kommunistenfreundes“ Mattei war für die CIA letzter Anlass, den „Fall“ auf ihre Weise „zu lösen“. Im Januar 1962 wurde ein erstes Attentat auf den widerspenstigen ENI-Präsidenten versucht, das aber entdeckt wurde. Ein im Düsentriebwerk der Maschine Matteis versteckter Schraubenzieher, der während des Fluges eine Explosion auslösen sollte, wurde vor dem Start entdeckt. Der nächste Anschlag am 27. Oktober 1962 gelang. Mit seinem Privatflugzeug stürzte Mattei bei Pavia ab. Die „New York Times“ schrieb bereits am nächsten Tag von Umständen, „durch die der Tod eines einzelnen eine Bedeutung für die ganze Welt bekommen kann“. Für Washington brachten diese „Umstände“ mit einem Schlag die Lösung aller Probleme, die Mattei bereitet hatte. Der Befürworter einer sozialverträglichen Lösung der „kommunistischen Frage“ war ausgeschaltet. Unter dem nun wachsenden Einfluss der proatlantischen Kreise wurde in Rom postwendend ein ENI-Nachfolger ernannt, der ganz nach dem Geschmack der Standard Oil war: Eugenio Cefis, der als Finanzier der Faschisten im Geflecht der von der CIA zur Ausschaltung der Kommunisten betriebenen Spannungsstrategie und der Verwicklung in rechtsextreme Putschversuche sowie Mafia-Aktivitäten unrühmlich bekannt wurde. Cefis unterzeichnete bereits im März 1963 ein neues langfristiges Abkommen, welche die italienische Ölversorgung ganz unter die Kontrolle der Standard Oil stellte.

Nach der Aufdeckung der geheimen NATO-Truppe Gladio und in den Mafia-Prozessen der 90er Jahre wurde bekannt, dass ein Offizier der Leibwache Matteis, der das Flugzeug vor dem Start inspizierte, zu Gladio gehörte. Die Ermittlungsakte zum Fall Mattei verschwand kurz nach dem Absturz aus dem Geheimdienstbüro von Pavia. Drahtzieher des Anschlags waren Leute der Standard Oil und der CIA, die sich auf Sizilien der Hilfe der Mafia bedienten. Brisantes Detail: Zur

Zeit des Attentats war John Mc Cone, langjähriger Chef der CIA-Station in Rom, mit einer Million Dollar Aktienbesitzer und Teilhaber an der Standard Oil. Als er später Präsident des ITT-Konzerns wurde, den in Chile die Regierung der Unidad Popular enteignete, gehörte er zu jenen, die den Putsch inszenierten, der zur Ermordung Präsident Allendes und zur Errichtung der faschistischen Pinochet-Diktatur führte.

Anmerkungen:

1 Siehe den Beitrag Melonis Griff nach Afrika – Italiens faschistische Ministerpräsidentin richtete Konferenz in Äthiopien aus und nahm an Gipfel der Afrikanischen Union teil von Gerhard Feldbauer

2 Roberto Faenza mit Marco Fini: Gli Americani in Italia, Mailand 1976, Seiten 295, 321.

3 Faenza, S. 278.

Siehe den Beitrag

im WELTEXPRESS.

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