Berlin, BRD (Weltexpress). Ein für den 12. November im Polo del ‚900 in Turin geplanter Vortrag „ Russophobie, Russophilie, Wahrheit “ des Historikers Angelo D’Orsi (Professor Emeritus, ordentlicher Professor für Geschichte an der Universität Turin) wurde unter Mitwirkung und schließlich Weisung des Mitglied der sozialdemokratischen „Demokratischen Partei“ (PD) und derzeitigen Vizepräsidentin des Europäischen Parlaments, Pina Picierno, an den Turiner Bürgermeister Lorusso, ebenfalls Demokratische Partei, abgesagt, berichtete das kommunistische Magazin „Contropiano“ am 9. November online. Die Begründungen für die Absage sind dieselben, mit denen bereits der russische Dirigent Gergiev und der Bariton Abdrazaov an einem Auftritt in Italien gehindert wurden, nämlich die Verbreitung prorussischer „Propaganda“. Angelo D’Orsi ist ein etablierter und anerkannter Historiker, Autor unzähliger Werke, häufiger Gast in Fernseh-Talkshows und Kandidat für das Amt des Bürgermeisters von Turin bei den letzten Kommunalwahlen.
Diejenigen, die die Absage der Konferenz beantragten – und leider auch erreichten –, waren mit Pina Picierno ein ukrainischer Verein und eine der Radikalen Partei nahestehende Gruppe.
Dass ein professioneller Historiker – nicht etwa durch Studentenproteste, sondern durch die Behörden – daran gehindert wird, einen öffentlichen Vortrag zu halten, ist eine inakzeptable Tatsache, über die es beschämend wäre zu schweigen und die man nicht unterschätzen dürfte. Journalisten werden entlassen, weil sie Fragen stellen, Intellektuelle werden zensiert, Konferenzen verboten. Russophober und pro-israelischer McCarthyismus bedroht die Freiheit in unserem Land, so Professor D’Orsi, der betont: Ich werde , ohne dass man mich überhaupt zu meinem Vortrag kommen ließ, im Namen der Demokratie, deren Leuchtfeuer angeblich der Westen ist, undemokratisch zum Schweigen gebracht. Ich bin ein „Terrone“ 1 (aus Salerno) und lebe seit 1957 in Turin, wo ich meine gesamte Schul- und Studienzeit absolvierte und bei Norberto Bobbio 2meinen Abschluss machte. Ich war ordentlicher Professor für Geschichte des politischen Denkens an der Universität Turin und lehrte in den Fakultäten für Politikwissenschaft und Geisteswissenschaften sowie in verschiedenen anderen Disziplinen. Ich wirkte am Aufbau des historischen Archivs der Universität mit und gründete und leitete fünfzehn Jahre lang die „Quaderni di Storia“ der Universität Turin. Unter meinen Büchern befindet sich auch ein sehr umfangreiches Werk, das sich speziell unserer Universität widmet (Allievi e maestri. L’Università di Torino tra 800 e 900). Ich verfüge über 43 Jahre Lehrerfahrung, die letzten drei Jahre als Lehrbeauftragter an der Fachhochschule nicht mitgerechnet. Jahrelang leitete ich den wichtigsten Studiengang meiner Fakultät, Politikwissenschaft. Ich habe Turins Kulturgeschichte erforscht und Werke veröffentlicht, die zu Meilensteinen geworden sind, angefangen mit „Kultur in Turin zwischen den beiden Kriegen“ (2000), dem meistdiskutierten Buch des Jahres und Gewinner bedeutender Preise. Ich habe die Biografien dreier ikonischer Intellektueller des 20. Jahrhunderts verfasst, die unter der Mole Antonelliana 3 wirkten: Antonio Gramsci, Leone Ginzburg und, zuletzt, Piero Gobetti, dessen Buch in wenigen Monaten erscheint.
Ich habe die Zeitschriften „Historia Magistra“ und „Gramsciana“ gegründet und geleitet, die auch heute noch erscheinen und international als maßgebliche Publikationen gelten. Auf der Ebene der Bürgermiliz gründete und leitete ich , nachdem ich Chefredakteur der glorreichen GL-Zeitung „Resistenza“ war, die „Nuova Sinistra“ und Jahre später die „Nuvole“, die ich dann aufgab.
Seit 1971 bin ich freiberuflicher Journalist (ich erhielt die Auszeichnung für die Dekane der piemontesischen Journalisten) und habe zwanzig Jahre lang intensiv mit der Tageszeitung „La Stampa“ und anderen Zeitungen („Corriere della Sera“, „Il Sole 24 ore“, „Il Manifesto“) zusammengearbeitet.
Ich habe über 50 Bände veröffentlicht, und meine Schriften sind in Englisch, Französisch, Spanisch, Portugiesisch, Deutsch und Serbokroatisch erschienen: Die spanische Übersetzung meiner Gramsci-Biografie ist gerade erschienen, um nur die jüngste zu nennen.
Ich habe mich stets als Unabhängiger am kulturellen Leben sowie an gesellschaftlichen und politischen Debatten beteiligt, sowohl in der Stadt als auch auf nationaler Ebene. Als Unabhängiger kandidierte ich auch für das Bürgermeisteramt einer linken Koalition. Meine linke Gesinnung ist allgemein bekannt, und es steht mir nicht zu, meinen Einfluss als Wissenschaftler und Intellektueller hervorzuheben, aber ich glaube, er ist allgemein anerkannt.
Ich hätte mir niemals (und ich meine wirklich niemals) vorstellen können, dass eine Konferenz von mir in meiner Stadt abgesagt werden würde. Geplant war auch eine Live-Schaltung aus dem Donbass mit dem italienischen Journalisten Vincenzo Lorusso, dem Autor des kürzlich erschienenen Buches „De russophobia“ – er war also bestens informiert und qualifiziert, darüber zu sprechen. Aber das war ein zusätzlicher Bonus: Im Mittelpunkt der abgesagten Veranstaltung stand schließlich meine Konferenz.
Nach einer Erklärung eines unbekannten ukrainischen Vereins und einer Gruppe mit Verbindungen zur Radikalen Partei (die, wie ich mich erinnere, stets rechtsextreme Kräfte auf dem Balkan und nun auch in der Ukraine unterstützt und zur Freilassung des Mörders unseres Fotojournalisten Andrea Rocchelli im Donbass beigetragen hat), schaltete sich die bekannte Pina Picierno ein und forderte den Turiner Bürgermeister auf, die Veranstaltung abzusagen. Und so geschah es. Ich erfuhr davon durch einen triumphierenden Post der Dame selbst, noch bevor mich die Organisatoren informierten.
Nun erwarte ich, dass sich die Ministerin für Universitäten auf meine Seite schlägt und mich die Konferenz abhalten lässt. Ich erwarte vom Bürgermeister Turins eine Erklärung, warum er nicht dagegen interveniert hat, die Konferenz zu verhindern. Ich erwarte eine Entschuldigung vom nationalen Verband ANPPIA, 4 der sich – laut Nachrichtenagenturen – vom lokalen Ableger, dem Konferenzveranstalter, distanziert hat. Und ich erwarte eine Entschuldigung vom Vorsitz und der Leitung des Polo del ‚900. Ich erwarte, dass sich die Generalsekretärin der Demokratischen Partei von Picierno distanziert. Ich erwarte ein Zeichen der Solidarität aus der akademischen und intellektuellen Welt, zumindest von der Stadt.
Ich befürchte jedoch, dass keine dieser Maßnahmen eintreten wird. Ich bitte daher die Zeitungen, mit denen ich in der Vergangenheit zusammengearbeitet habe oder aktuell zusammenarbeite, sowie die Fernsehprogramme der verschiedenen Sender, in denen ich häufig zu Gast war und bin, diese Erklärung von mir zu veröffentlichen oder mir bei nächster Gelegenheit die Möglichkeit zu geben, meine Gründe öffentlich darzulegen.
Dass einem professionellen Historiker, einem angesehenen Akademiker, der häufig zu Vorträgen in Europa und darüber hinaus eingeladen wird (die nächsten finden in Paris, Saragossa, Barcelona und Teheran statt), die Abhaltung einer öffentlichen Konferenz verwehrt wird, ist eine inakzeptable Tatsache, über die es beschämend wäre zu schweigen oder die man fahrlässig unterschätzen sollte.“
Anmerkungen:
1 Den Begriff Terrone verwenden die Italiener, hauptsächlich die Einwohner von Norditalien und Mittelitalien, als abwertende oder auch scherzhafte Bezeichnung für Süditaliener. Er bedeutet Erdfresser.
2 Norberto Bobbio, am 9. Januar 2004 verstorbener, italienischer Rechtsphilosoph und Publizist.
3 Mole Antonelliana war von 1863 bis 1889 der Architekt und Erbauer des nach ihm benannten ikonischen Wahrzeichens in Turin, heute Sitz des Nationalen Filmmuseums, und eines der bedeutendsten Filmmuseen weltweit. Mit einer Höhe von 167,5 Metern war die Mole Antonelliana bei ihrer Fertgstellung das höchste begehbare Gebäude Europas und ist bis heute das höchste unbewehrte Backsteingebäude der Welt.
4 Nationaler Partisanenverband.



