London im Krönungsfieber

Very British auf der Veranstaltung Trooping the Colour am 8. Juni 2019 in London. © 2019, Foto: Charles E. Ritterband

London, VK (Weltexpress). London fiebert einem Jahrhundertereignis entgegen: Der Krönung von Charles III. Erst Anfang Juni letzten Jahres hatte die Nation das Platin-Jubiläum seiner Mutter (nach 70 Jahren auf dem Thron die am längsten dienende Monarchin der Geschichte) mit einer endlosen, farbenprächtigen Parade über die Prachtstraße „The Mall“ gefeiert – und nur drei Monate später deren Beisetzung begangen. Die Untertanen warteten tagelang in einer endlosen Schlange, um sich von der geliebten Monarchin zu verabschieden. Thronfolger Charles soll einen der geduldig Dastehenden gefragt haben, wie lange er denn schon warte. „Deutlich weniger lang als Sie“, kam es schlagfertig zurück.  Nun ist es also endlich so weit: Seit 1969 als „Prince of Wales“ wird Charles III – mit 74 Jahren der älteste Monarch der britischen Geschichte – am Samstag um 11 Uhr in der Westminster Abbey gekrönt. Dass Charles trotz seiner idealistisch-ökologischen Bestrebungen über deutlich weniger Popularität verfügt als seine Mutter ist eine Tatsache. Doch in den letzten Wochen scheint er  rapide an Statur gewonnen zu haben. Noch vor einem Jahr meinten nur 39% der Befragten, er werde einen guten König abgeben, jetzt sind es 62%.

England bleibt England und das Wetter am Wochenende soll – genau wie bei der Krönung seiner Mutter – miserabel werden. Und obwohl im Zentrum Londons zahllose Schaulustige erwartet werden und die Sicherheitsmaßnahmen inklusive Überflugsverbot, Scharfschützen und Zehntausende von Polizisten alles bisherige übertreffen, hält sich das allgemeine Interesse in Grenzen: Nur ein Drittel der Bevölkerung ist „stark oder ziemlich interessiert“ an den Millionen verschlingenden Feierlichkeiten, 64% signalisieren „kein oder geringes Interesse“ und bei den 18 bis 24Jährigen sind das drei Viertel. Hat die britische Monarchie eine Zukunft? Noch findet sich eine klare Mehrheit für die Beibehaltung des Königtums. Doch diees wird für reformbedürftig gehalten. Charles bemüht sich daher um eine „Verschlankung“  – so mit der Redimensionierung der eigenen Krönung, im Vergleich zur gigantischen Zeremonie für seine Mutter am 2. Juni 1953, als Lichtblick in jener entbehrungsreichen Nachkriegszeit. Dennoch werden am Samstag in der Abtei über 2200 Gäste aus 203 Ländern erwartet, darunter 100 Staatsoberhäupter. US-Präsident Biden allerdings wird fehlen.

Regent Street und Oxford Street gehen über von unzähligen rotblauen „Union Jacks“, und auf der National Gallery am Trafalgar Square prangt ein riesiges Plakat mit Glückwünschen: „Happy and Glorious“. Eine leise Ironie? Hatte doch der damalige Thronfolger, berüchtigt für seine rückwärtsgewandten architektonischen Vorstellungen, den im Jahr 1984 geplanten Erweiterungsanbau als „monströse Eiterbeule („carbuncle“) auf dem Gesicht eines sehr geliebten und eleganten Freundes“ gegeißelt. Man überbietet sich mit originellen Ideen: Uber bietet eine nachgebaute von Schimmeln gezogene „Krönungskutsche“ an, Firmen offerieren Werbebeschenke für alle, die den Vornamen „Charles“ tragen, „Heinz“ wirft statt Ketchup eine limitierte Edition „Tomato Kingchup“ auf den Markt, 1 Meter 70 hohe Pappfiguren des Monarchen sind für 37 Pfund Sterling zu haben, und ein Chocolatier hat in vier Wochen Arbeit eine 23 Kilo schwere Schokoladebüste seiner Majestät hergestellt: Wer sich’s leisten kann, darf bald am König knabbern. Und ein Höhepunkt am Samstag die Parade von 100  „King Charles Spaniels“ durch – wo denn sonst? – die „King’s Road“ in Chelsea…

Anmerkung:

Vorstehender Beitrag von Dr. Charles E. Ritterband wurde am 4.5.2023 in „Voralberger Nachrichten“ erstveröffentlicht.

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