Berlin, BRD (Weltexpress). 1973 wurde der italienische Finanzhai Michele Sindona als „hervorragendster Vertreter des freien Unternehmertums“ gefeiert. 13 Jahre später wurde er unter anderem wegen Anstiftung zum Mord zu einer lebenslangen Haftstrafe verurteilt. Als gefährlichen Mitwisser soll ihn die Mafia mit Zyankali umgebracht haben.
Vor 52 Jahren, im Dezember 1973, machte der italienische Finanzmagnat Michele Sindona Schlagzeilen in den Medien. Ministerpräsident Giulio Andreotti gab für ihn im New Yorker Hotel Waldorf Astoria ein prunkvolles Bankett, auf dem er ihn im internationalen Finanzkrieg als „Retter der Lira“ feierte. Der Club of Rom, der die Repräsentanten der Geschäftswelt aus 25 Ländern vereinte, verlieh Sindona den Titel „Unternehmer 1973“ und nannte ihn den „hervorragendsten Vertreter des „freien Unternehmertums“. Washingtons Botschafter in Rom, John Volpe, zeichnete ihn noch als „Mann des Jahres 1973“ aus, der „einen wesentlichen Beitrag zur Festigung der Freundschaft und der Wirtschafsbeziehungen zwischen Italien und den USA“ geleistet habe.
Sein Geschäftsleben hatte dieser „hervorragendste Vertreter des freien Unternehmertums“ 1943 nach der Landung der Amerikaner auf Sizilien begonnen. Dort hatte die Besatzungsmacht, wie später in ganz Süditalien, die faschistischen Machtstrukturen konserviert und zur Zurückdrängung des Einflusses der Kommunisten die Mafia wieder zum Leben erweckt. Es ist kaum glaubhaft und wird in den meisten Quellen auch selten angeführt, dass die Alliierten sich nach ihrer Landeoperation auf Sizilien im Juli 1943 bei der Einsetzung neuer Verwaltungen der Hilfe der Mafia bedienten. Indem die Militärbehörden ihren Leuten staatliche und Polizeibefugnisse übertrugen, verliehen sie ihr für längere Zeit einen Status der Legalität und verhalfen ihr obendrein zu einem antifaschistischen Etikett. So ernannte die Militärregierung den Boss der sizilianischen Mafia, Calogero Vizzini, zum Bürgermeister seiner Heimatstadt Villalba. Er und seine Männer wurden mit Gewehren und Pistolen bewaffnet und beauftragt, die öffentliche Ordnung zu sichern. Die Militärregierung ließ auch die Latifundistas unbehelligt. Als Landarbeiter und Pächter deren unbebaute Ländereien besetzten, riefen sie die Mafia zu Hilfe. Die Fürstin von Trabia und Butera, Giulia Florio D´Ontes, setzte Calogero Vizzini als Verwalter ihrer Güter ein. Zum Schutz des Großgrundbesitzes organisierte dieser wie andere Mafia-Bosse auch bewaffnete Banden zur Niederschlagung der Landarbeiter. Den früheren Chef der New Yorker Mafia, Vito Genovese, stellte die US-Militärregierung als Chef-Dolmetscher ein. Er war 1936 nach einer Anklage in den USA wegen mehrfachen Mordes bei der sizilianischen Mafia untergetaucht. Don Vitone nutze seine Stellung nicht nur für einen Schwarzhandel mit Zigaretten aus US-amerikanischen Armee -Beständen sondern auch zum Aufbau einer Organisation des Drogenhandels nach amerikanischem Vorbild, indem er Zigaretten und andere Waren aus Beständen der US-Army auf dem schwarzen Markt verhökerte. Sindona wurde Zwischenhändler Don Vitones und legte in dieser Zeit den Grundstein für seine lukrativen Beziehungen zum Geflecht der Mafia, der CIA und den von der Besatzungsmacht unangetasteten Mussolinifaschisten. Später stieg er in Grundstücksspekulationen ein. 1950 war der damals 33-jährige bereits Millionär. Binnen weniger Jahre wurde er einer der Großen der internationalen Finanzwelt, in Mafiakreisen und einem der faschistischen Putschloge „P2“ dienenden Riesenunternehmen. 1977 schrieben die Publizisten Paolo Panerai und Maurizio De Luca in ihrem Buch, 1 dass Sindona in „Europa und den USA ein Imperium ohnegleichen, mit Tausenden Verzweigungen in allen Wirtschaftsbereichen“ aus dem Boden gestampft habe. Es reichte „von Banken über Finanzgesellschaften, Immobilienunternehmen und Elektronikkonzernen bis zu Textilbetrieben und großen Hotels, darunter das berüchtigte Watergate in Washington. Sindona war Vertrauensmann des Vatikans und Teilhaber großer englischer und amerikanischer Bankiers (so den Hambro von London und der Continental Illinois Bank von Chicago) und Beherrscher der italienischen Börse“. Er beriet Richard Nixon in Geschäftsangelegenheiten und unterhielt beste Kontakte zum Weißen Haus, pflegte gute Beziehungen zur CIA und ins Pentagon. Als der General des SIFAR-Geheimdienstes Giovanni De Lorenzo 1963/64 mit einem faschistischen Putsch die Apertura a sinistra Aldo Moros (die Aufnahme der Sozialisten in seine Regierung) verhindern wollte, gehörte Sindona zu dem Kreis der Hintermänner aus Wirtschaft und Diplomatie, CIA und Pentagon, die das verhindern wollten. Zu seinen engsten Freunden zählten der Geheimdienstchef Vito Miceli, der frühere Staatssekretär des „Duce“, Giorgio Almirante, Führer der 1946 wieder gegründeten faschistischen Partei in Gestalt des Movimento Sociale Italiano (MSI), der Chef der faschistischen Putschloge P2, Licio Gelli, der ihn in die Loge aufnahm. Von Sindona selbst und über ihn flossen der faschistischen Bewegung und den putschbereiten Generalen stets große Geldbeträge zu.
Die Sucht nach immer größeren Profiten und neuen Unternehmen, die Spekulationen mit schwindelerregenden Summen brachten dem Finanzmagnaten, der natürlich auch mächtige Widersacher hatte, 1974 den Zusammenbruch. Eine Rolle spielte dabei, dass Sindona zunehmend Mittelsmann und Interessenvertreter amerikanischer Kapitalkreise wurde, denen er behilflich war, die italienische Wirtschaft unter ihre Kontrolle zu bringen. So wollte er sich 1971 mit ausländischen Banken im Rücken in den Besitz der Finanzholding Bastogi, eines Kernstücks des italienischen Staatskapitals, bringen. Mit massiver Intervention, aber auch beträchtlichen finanziellen Verlusten, wehrte die italienische Wirtschaft diesen Angriff ab. Im Ergebnis der sich verschärfenden Konfrontation verschiedener Interessengruppen blieb Sindona schließlich auf der Strecke. Sein Sturz wurde im Herbst 1974 mit dem Bankrott von vier Großbanken, die ihm gehörten oder an denen er die maßgeblichen Anteile hielt, darunter die Franklin National Bank von New York, besiegelt.
Sindona floh in die USA, wo er später angeklagt und im Juni 1980 zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt, anschließend nach Italien ausgeliefert wurde. Hier wurde er u. a. wegen diverser Bilanzfälschungen, des Heroinhandels zwischen Italien und den USA in Höhe von 600 Millionen Dollar jährlich und der Anstiftung zum Mord angeklagt. Hohe Vertreter der Politik (Ministerpräsident Andreotti),2 der Wirtschaft (Staatsbankpräsident Carli), und des Vatikans (die Kardinäle Caprio und Guerri sowie Ezbischof Markinkus) versuchten vergebens, ihn zu retten. Sindona drohte, „klingende Namen“ zu nennen, wenn der Prozess gegen ihn nicht eingestellt werde. Alle Beteuerungen danach, er werde schweigen, halfen nichts. Vier Tage nach der Verkündung der lebenslangen Haftstrafe verstarb der „hervorragendste Vertreter des freien Unternehmertums“ des Club of Rom am 22. März 1986 in seiner Zelle an einer Überdosis Zyankali. „Mi hanno avvelenato“ (sie haben mich vergiftet“) seien seine letzten Worte gewesen, schrieb der Vatikan-Experte Nik Tosches, der ihn in seiner Zelle besucht hatte und bei seinem Tod zugegen war.3
Anmerkungen:
1 Il Crack, Sindona, la DC, Il Vaticano e gli altri amici. Mailand 1977.
2 Der siebenmalige Ministerpräsident wurde am 27. März 1993 in Palermo selbst wegen „Beteiligung an einer mafiosen Vereinigung“ angeklagt. Fotos und Filmaufnahmen bewiesen zahlreiche Begegnungen Andreottis mit Mafiabossen. Aussagen belegten u. a., dass die „Ehrenwerte Gesellschaft“ auf Betreiben Andreottis der DC in Süditalien jahrzehntelang Wählerstimmen beschafft hatte, wofür angeklagten Mafiosi Straffreiheit garantiert wurde. In einem zweiten Prozess in Perugia wurde Andreotti der Anstiftung zum Mord an dem Journalisten Pecorelli , der seine Rolle bei der Ermordung des Christdemokratischen Politikers Aldo Moro, der ein Regierungsbündnis mit dem Kommunisten geschlossen hatte, angeklagt. In Perugia erhielt er 24 Jahre Gefängnis. 1999 erfolgte in der Revision ein Freispruch, den der Kassationshof von Rom 2003 bestätigte. In Palermo gab es einen Freispruch „zweiter Klasse“ wegen Mangels an Beweisen. Der Einspruch der Staatsanwaltschaft wurde 2003 vom Kassationsgericht in Rom ebenfalls zurückgewiesen. Trotzdem bedeuteten die Prozesse den politischen Bankrott Andreottis, weil selbst bei der Aufhebung des Urteils von Palermo festgehalten werden musste, dass der Ex-Premier der Mafia lange Zeit „freundschaftlich gesonnen“ gewesen sei, was bedeutete, dass der Angeklagte nicht von jedem Verdacht freigesprochen wurde.
3 Nik Tosches: Geschäfte mit dem Vatikan, München 1989.
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