„London Boulevard“ von Ken Bruen aus dem Suhrkamp Verlag gleich auf Platz 3 – Die KrimiBestenliste von Arte und NordwestRadio für Januar 2011

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© Suhrkamp

Da wünscht man sich gleich einen Kriminalroman um die Prozesse des Chodorkowski, der, wäre er nicht selbst ein Ölmilliadär gewesen, was mit sauberen Fingern nicht zu bewerkstelligen gewesen wäre, der also unseren Einsatz stärker spüren könnte, wenn er auf der Seite der Aufklärer gestanden hätte, als auf der Gewinnerseite, solange zumindest bis er der russischen Macht und Mafia (ist das gar das Gleiche) zu mächtig und lästig wurde und zu Gericht abgeschoben wurde. Weh einem Lande, wo die Gerichtsbarkeit die Drecksarbeit für die Herrschaft macht. Aber dieser Roman ist noch nicht geschrieben. Nur wäre John le Carré ein Aspirant und Robert Littell auch, aber ebenfalls James Patterson, die großen alten Männer dieser erdumspannenden Geheimdienstgeschichten.

í…ke Edwardson ist nun mit „Der letzte Winter“ ebenfalls aus dem Ullsteinverlag vom vierten auf den zweiten Platz vorgerutscht. Denken Sie daran, daß ein Roman dreimal auf der Bestenliste benannt sein darf, dann muß er Platz machen für neue, was auch schon gut Plazierte weiter vorrücken läßt. Das ist ein Kriminalroman, der einem nahe geht. Das war schon Thema beim letzten Mal, als Kommissar Winter den letzten Winter einläutete. Es bleibt die Frage, warum Skandinavier, Edwardson ist Schwede, im Krimgewerbe durchaus führend sind. Aber die Finnen? Die gibt es auch und die legen Wert darauf, keine Skandinavier zu sein. Für uns sind aber diese nordischen Länder, in denen im Sommer die Sonne nicht untergeht, dafür im Winter kaum auf, irgendwie eins, vor allem, wenn es um die Sonderlinge, die Abweichler, das Düstere im Nebel geht und weite Landschaften die Menschlein so klein werden lassen. Mit Edwardson können Sie solche Krimis einleiten oder abschließen.

Auf Platz 3 hupft mit einem Schlag neu „London Boulevard“ von Ken Bruen aus dem Suhrkamp Verlag. Hier müssen wir vorerst den Worten der Jury auf der Plazierung glauben, weil wir noch keine Kenntnis vom Buch haben und uns erst einmal wundern, daß er aus dem Amerikanischen übersetzt ist, aber in London spielt und dann auch noch auf den Billy-Wilder-Klassiker „Boulevard der Dämmerung, bzw. Sunset Boulevard von 1950 angespielt wird, der ja in Los Angeles spielt. In diesem Film ist Wilder den verblassenden Stummfilmstars in Hollywoods Umkreis nachgegangen. Sehr spannend also, was da herauskommt, über das wir das nächste Mal mehr berichten. Die noch nicht alte Krimireihe bei Suhrkamp steuert auch das dritte Mal mit „Tage der Toten“ von Don Winslow auf Platz Vier einen erfolgreichen Krimibestenlisteplatzbesetzer bei.

Tana French war auch schon ganz vorne mit dabei. Aber dieser Krimi ist neu und „Sterbenskalt“ ist schon der dritte Roman von Tana French aus dem Scherz Verlag, der Irland, oder doch besser Dublin zum Zentrum der Welt macht. Auch hier das nächste Mal mehr. Manchmal sind die Plazierungen rätselhaft. Denn diesmal ist Jo Nesbí¸s „Headhunter“, ebenfalls aus dem Verlag Ullstein, wieder dabei und sogar auf den sechsten Platz gerutscht. Er war die beiden letzten Monate überhaupt nicht plaziert, aber im Oktober schon einmal auf dem zehnten Rang. Die Wege der Jury sind verschlungen, aber immerhin kommen sie nach Monaten wieder ins Ziel.

Joe R. Lansdales „ Kahlschlag“ aus dem Verlag Golkonda hatte uns das letzte Mal kalt erwischt. Nun aber, wo er auf Platz sieben vorgerückt ist, können wir die Lobpreisung nachvollziehen, meinen aber, er habe eine bessere Plazierung verdient, wenn die Jury selbst ihn als „Meisterwerk“ bezeichnet. Hier geht es um Osttexas in den 30Jahren des 20. Jahrhunderts. Osttexas? Wo liegt das und was verstehen wir sonst unter Texas, ist eine der ersten Fragen, die gleich keine Rolle spielen, denn Lansdale zieht uns einfach hinein in den Strudel, der mit der Notwehr von Sunset Jones und damit einem Totschlag beginnt und mit ihrer Ernennung als Gesetzeshüterin des Ortes nicht aufhört, sondern ein zweites Mal beginnt. Das ist einfach eine sehr gut erzählte Geschichte, mitten aus dem Leben, dem osttexanischen, daß uns die Haare zu Berge stehen und wir den Krimiignoranten gerne sagen möchten: Sie können das auch lesen und an Krimi dabei nicht denken. Es ist einfach gute Literatur. Amerikanische Literatur. Und weil wir Lansdale vorher nicht kannten, haben wir auch die zwei anderen Lansdales mitgelesen.

Die sind als „Wilder Winter“ im Juni 2006 und als „Rumble Tumble“ im August 2007 in der Reihe Funny Crimes bei Shayol herausgekommen und gehören zusammen, da sie den Anfang der Hap &Leonardromane bilden. Ein Pärchen wie Max und Klärchen. „Hap Collins: weiß hetero, Kriegsdienstverweigerer. Leonard Pine: schwarz, schwul, Vietnamveteran.“, sagt der Verlag. Da kommt man schon gleich durcheinander und denkt, sicher ist der Schwarze und Schwule der Kriegsdienstverweigerer”¦aber nein, der Verweigerer ist der Romanschriftsteller, der keine Klischees bedient und dann lieber eigene erfindet. Aber das stimmt so auch nicht, den auf einmal entwickelt sich die Handlung so, wie sie sein muß und wir verfolgen, was wir eh schon wußten, daß in Amerika die Uhren anders schlagen, aber vor allem, daß solche Amateurdetektive das harte Krimigewerbe in Amerika unterwandern und uns Lansdale – und das wieder in gekonnter amerikanischer Manier – einfach phantastisch gut Geschichten erzählen kann, die dann gar nicht phantastisch erscheinen, sondern mitten aus dem Leben gegriffen, prall und komisch und traurig auch.

Auf Platz 8 finden wir Kurt Bracharz mit „Der zweitbeste Koch“ aus dem Haymon Verlag. Den Bracharz kennen wir noch von früher. Aber das ist lange her, als er 1991 den deutschen Krimipreis erhielt. Das nächste Mal mehr zu seinem Wiederauftauchen und der Eßkultur, die er uns vorsetzt. Aber dafür ein Blick hinein in „Trio Infernal“ von Solange Fasquelle aus dem Verlag Lilienfeld. Wer das Titelbild sieht, sagt sofort „Aha“, denn nicht zu verkennen sind Romy Schneider und Mascha Gonska, beide umarmt von Michel Piccoli. Das bezieht sich auf den gleichnamigen Film, der 1974 nach diesem Buch gedreht wurde und zum Skandal wurde, weil die Geschichte selbst ein Skandal ist. Denn ist es nicht unanständig, wenn man aus Gewinnsucht andere Menschen mit Säure auflöst und sich am Erbe bereichert?

Tatsächlich basiert dieser schon 1972 geschriebene französische Roman auf einer wahren Begebenheit, wurde auch zur Filmvorlage, und es ist wahr, daß solche Fiesheiten kaum erfunden werden können, weil das Leben immer noch skurrilere Morde bietet, als die besten literarischen Erfindungen es können, denen man dann auch noch vorwirft, nicht wirklichkeitstauglich zu sein. Hier ist es der Anwalt, der die zwei deutschen Schwestern gleichzeitig zu Geliebten nimmt, von denen wechselnd die eine oder andere an Heiratswillige verschachert werden, mit der einzigen Absicht, als Erben schnell in den Genuß der Habe des Verblichenen zu kommen. Den muß man dazu allerdings töten und genau darum geht es. Eine schräge Geschichte, klar und geradeaus erzählt und ein Abgrund an Menschenverrat. Was wir nicht wußten, ist, daß der landläufige Begriff vom ’Trio Infernal` damals erst analog dem Titel gebildet wurde. Ein Klassiker also, der endlich auf Deutsch vorliegt.

James Sallis ist auch immer wieder dabei. Diesmal mit „Dunkle Vergeltung“ aus dem Heyne Verlag auf Platz 10. Wir sind sicher, er wird hochrutschen und dann haben auch wir ihn gelesen und können mehr sagen zum zweiten Roman der Turner-Trilogie.

Lfd.

Nr.

Rang

Vor-monat

Titel

1

1

(1)

John le Carré: Verräter wie wir

Aus dem Englischen von Sabine Roth

Ullstein, geb., 416 S., 24,95 €

Antigua/London/Paris/Schweiz: Warum sollten Perry und Freundin Gail dem von Feinden umstellten russischen Bankier Dima nicht unter die Arme greifen? Le Carré als Altmeister der Verführung: tragische Verstrickungskomödie um zornige Geheimdienstler, Romantiker jeden Alters und Finanzkrisen-Amoral. Superb!

2

2

(4)

í…ke Edwardson: Der letzte Winter

Aus dem Schwedischen von Angelika Kutsch

Ullstein, geb., 512 S., 19,95 €

Göteborg/Nueva Andalucia: Ein toter Mann treibt an Kommissar Winters Strand, Männer wachen neben Leichen auf. Albträume, Mysterien. Winter und seine Leute: irritiert, versponnen, verstört, fixiert. Verweise führen in die Vergangenheit, Erklärungen erklären nichts. Sehr stark. Edwardson auf der Höhe seiner Kunst.

3

3

(-)

Ken Bruen: London Boulevard

Aus dem Amerikanischen von Conny Lösch

Suhrkamp, TB, 264 S., 8,95 €

London: Ex-Knacki Mitchell bekämpft sich, den Alkohol und Gangster Gant. Sein schlimmster Feind ist die Sentimentalität. Er kann nicht Nein sagen. Also sagt er Ja zum Leben, verliebt sich, beschläft eine Filmdiva und geht fast drauf. Ultra-Noir-Pastiche von „Boulevard der Dämmerung.“ Hart, schnell, intertextuell.

4

4

(2)

Don Winslow: Tage der Toten

Aus dem Amerikanischen von Chris Hirte

Suhrkamp, PB, 689 S., 14,95 €

USA/Mexiko/Mittelamerika: Dreißig Jahre Drogenkrieg, Antikommunismus, Mord, Folter, Armut und imperiale Gewalt. Don Winslows Epos um US-Drogenfahnder Art Keller und seine keineswegs private Fehde mit den Barreras aus Guadalajara ist das „Krieg und Frieden“ unserer Tage. Epochal, grandios, erschütternd.

5

5

(-)

Tana French: Sterbenskalt

Aus dem Englischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann

Scherz, geb., 612 S., 16,95 €

Dublin: Vor 22 Jahren hat Rosie das Date mit Frank verpasst. Jetzt ist ihre Leiche aufgetaucht. Frank, inzwischen Detective, buddelt nach dem Mörder im Schlamm der Familie, die er damals verlassen hat. Alk, Prügel, Lügen, Angst – die irische Unterschichtscheiße. 90 Prozent Familienroman. Der Rest ist Krimi.

6

6

(10*)

Jo Nesbí¸: Headhunter

Aus dem Norwegischen von Günther Frauenlob

Ullstein, Paperback, 256 S., 14,95 €

Oslo: Roger Brown ist ein Arschloch wie es im Buche steht, ein Kopfjäger – respektive: Headhunter – und Menschenverächter, Machotyp 21. Jahrhundert. Die Liebe zu Kunstwerten eingeschlossen, die er seinen Jobaspiranten klaut. Unaufhaltsam – bis er auf Kunstfreund Greve trifft. Der Flitzer unter Nesbí¸s Werken.

7

7

(8)

Joe R. Lansdale: Kahlschlag

Aus dem Englischen von Katrin Mrugalla

Golkonda, PB, 368 S., 16,90 €

Ost-Texas: Mitten in der Großen Depression. Sunset erschießt ihren Mann. Sie will sich nicht mehr verprügeln lassen. Umsturz im Hinterwäldlerkaff Camp Rapture: Eine Frau als Constable, Nigger werden vom Gesetz geschützt, Männer gleichgestellt. Windungsreich, blutig, optimistisch, wüst. Ein Meisterwerk.

8

8

(-)

Kurt Bracharz: Der zweitbeste Koch

Haymon, geb., 180 S., 17,90 €

Wien: Gourmetkritiker Xaver Ypp vermisst den zweitbesten Koch der Welt. Wie es das Glück, zwischen Essay und Spitzenkimi schwankend, will: Ypp findet ihn nach etlichen gastronomisch-erotischen Abenteuern eingelocht im Käfig. Er wollte Pandas verkochen – und wenn die globalisierte Welt in Schnitzel fällt. Hmm!

9

9

(6)

Solange Fasquelle: Trio Infernal

Aus dem Französischen von Irène Kuhn und Ralf Stamm

Lilienfeld, geb., 192 S., 19,90 €

Marseille: Der 1.Weltkrieg ist vorbei. Anwalt Sarret und die deutschen Schwestern Schmidt beherrschen die Methode, Leichen in Geld zu verwandeln: Mord & Versicherungsbetrug. Fasquelles Tatsachenroman wurde 1974 mit Michel Piccoli und Romy Schneider verfilmt. Historisches Semifreddo, mit spitzem Finger serviert.

10

10

(-)

James Sallis: Dunkle Vergeltung

Aus dem Amerikanischen von Kathrin Bielfeldt und Jürgen Bürger

Heyne, TB, 238 S., 8,95 €

Im Hinterwald des US-Südens: Turner, Ex-Therapeut und Ex-Cop, jetzt Deputy, entdeckt im Kofferraum eines Rasers 200.000 Dollar Mafia-Geld. Darum geht es Sallis im zweiten Turner-Roman am Rande auch. Zwischen Jetzt und Erinnerungen begreift Turner: „Wir verstehen so wenig von allem.“ Sehr hart, sehr fein.

  Die „Bestenliste“ wird im Hörfunk immer am letzten Wochenende des Monats vorgestellt, aber diesmal am 31.12.2010 gegen 8.40 Uhr live mit Tobias Gohlis im NordwestRadio.

Das Beste vom Besten: Immerhin erscheinen übers Jahr verteilt über 800 Kriminalromane auf Deutsch. An jedem letzten Samstag im Monat geben Literaturkritiker und Krimispezialisten aus Deutschland, Österreich und der Schweiz die Kriminalromane bekannt, die ihnen am besten gefallen haben. Sie halten nach dem literarisch interessanten, thematisch ausgefallenen, besonderen Kriminalroman Ausschau. Die besten Zehn werden mit Bibliographie und Kurzbeschreibung hier veröffentlicht.

Die Jury hat sich verändert und setzt sich zusammen aus:

Tobias Gohlis, Hamburg, Kolumnist DIE ZEIT, Moderator und Jury-Sprecher der KrimiWelt Volker
Albers, Hamburg, Hamburger Abendblatt, Herausgeber „Schwarze Hefte“
Andreas Ammer, Berg, „Druckfrisch“, Dlf, BR
Sven Boedecker, Zürich, Sonntagszeitung
Fritz Göttler, München, Süddeutsche Zeitung
Michaela Grom, Heidelberg, SWR
Lore Kleinert, Bremen, Radio Bremen
Thomas Klingenmaier, Stuttgart, Stuttgarter Zeitung
Ekkehard Knörer, Berlin, Perlentaucher, Crime Corner
Kolja Mensing, Berlin, Tagesspiegel
Ulrich Noller, Köln, Deutsche Welle, WDR
Jan Christian Schmidt, Berlin, Kaliber 38
Margarete v. Schwarzkopf, Köln, NDR
Ingeborg Sperl, Wien, Der Standard
Sylvia Staude, Frankfurt/M., Frankfurter Rundschau

Jochen Vogt, Literaturwissenschaftler
Hendrik Werner, Bremen, DIE WELT
Thomas Wörtche, Berlin, Kolumnist Freitag, Plärrer

In der Jury der KrimiWelt-Bestenliste hat es einige Veränderungen gegeben: Kathrin Fischer und Jochen Schmidt sind ausgeschieden. Neu hinzugekommen ist Jochen Vogt, einer der wenigen akademischen Literaturwissenschaftler, der den Kriminalroman schon vor Jahrzehnten erforscht hat.

Alle weiteren plazierten Krimis entnehmen Sie bitte den Krimi-Besprechungen in den vormonatlichen Artikeln, die Sie unter Kultur. Bücher oder unter dem Autorennamen im Archiv finden. Dreimal darf ein Buch einen Platz bekommen, dann scheidet es aus und hat nur noch die Chance, in der Jahresbestenliste wieder aufzutauchen, die diesmal Ende Januar herauskommt.

Unter www.arte.tv/krimiwelt finden Sie die Bestenliste mit Kurzrezensionen der Juroren, Kommentaren des Jurysprechers („What’s New?“) und weiteren Informationen zu Büchern und Autoren („Krimiautoren A-Z“). 

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