Ins Herz von Brasilien: Traum einer Frachterreise? – Vom herben Spezialisten-Alltag beim Bewerkstelligen einer Reportagereise

MS Weisshorn - der Amazonas-Alptraum auf dem bei Manaus.

„Wir liegen gut im Rennen“, hört man ´s vom anderen Ende der Leitung – und ist erleichtert. Das „date“ für den übernächsten Tag klappt also.

Welch freudige Überraschung am Flughafen von Fort-de-France, der Inselhauptstadt von Martinique: Hinter der Barriere hält jemand ein Schild mit deinem Namen hoch. Na bitte, das Fax und du – beides angekommen. Begrüßung, breites Lächeln. Aber dann die andere Überraschung: „Das Schiff ist noch nicht im Hafen.“ Ein heißer Schock bei 31 Grad! Gérard, der Taxifahrer, wedelt mit einem Stück Papier. Zum Kühlen? Es ist ein englisches Telex vom deutschen Containerfrachter an den französischen Hafenagenten: Man treibe vor Trinidad und bedauere den Maschinenschaden. Ein Techniker samt neuem Regler für die Hauptmaschine werde aus Europa erwartet.

Kaum angekommen, schon gestrandet. Aber keine Panik, der rührige Antillen-Agent der deutschen Reederei hat bereits für Taxi und Hotel gesorgt. Welcher Spruch fällt einem dazu ein? Na klar: Erstens kommt es anders, zweitens als man denkt. Da helfen nur Galgenhumor und cool bleiben. Man hat kapiert: Auch ein „Fahrplanschiff“ ist vor Pannen nicht gefeit. Dieses Risiko trägt der Passagier im Gepäck.

Kein Schiff wird kommen …

Statt sich am heißen Karibikstrand zu aalen, hockt man air-condition-unterkühlt im Hotelzimmer, grübelt hin und her und lauert auf einen Anruf. Kein Schwein ruft mich… Doch: Prompt bimmelt es. Aber: Kein Schiff wird kommen, weiß der Agent nach einer Telex-Kanonade. Obwohl er Wichtigeres zu tun hat, lässt er Mitgefühl durchblicken. Amazonas passé? Sieht fast so aus. Den letzten Stand der Dinge müßte die Reederei in Deutschland wissen. Tut sie: Das Schiff liegt in Warteposition, und man müsse abwarten. Kommt mir irgendwie bekannt vor. Die für Martinique bestimmten Container werde später ein anderer Frachter übernehmen. Aber nur wenn dieser und ein weiterer Hafen ausgespart würden, könne der Fahrplan aufrecht erhalten bleiben.

Bleibt noch eine Chance? Rückfragen beim Agenten, wie es mit Flügen nach Port of Spain stehe. Tja, Freitagmittag ginge einer – allerdings nur bis Santa Lucia. Bon dort ab erst nach zwölf Stunden weiter, allerdings zunächst mal auf Warteliste. Was tun, wenn man in St. Lucia strandet? Schon jetzt die Notbremse ziehen und den Rückflug antreten? Vorbeugen ist besser. Anfrage bei der Air France in Frankfurt am Main kurz vor Büroschluss, ob in der Abendmaschine Fort-de-France – Paris noch Platz ist. Zittern und Bangen, denn Feiertage stehen bevor, und das Spezialticket ist nur an einem bestimmten Datum gültig. Das fällt mit der (bis dahin noch fahrplanmäßigen) Rückkehr in vier Wochen vom Amazonas nach Martinique zusammen.

Cool bleiben, Junge … !

Glück, ein paar „gute Drähte“ und Flexibilität spielen Gott sei Dank mit: Die Umbuchung klappt per Computerbefehl aus der deutschen Airline-Zentrale. Ein Platz ist auch sicher. Wie der Spatz in der Hand. Air France hat den Flexibilitätstest mit Bravour bestanden! Und die Sonne lacht dazu vom blauen Himmel. Noch sind ein paar Stunden Zeit. Cool bleiben, Junge! Vielleicht zur Abkühlung ein Bad im Penthouse-Pool mit Fernblick zu den Traumgestaden? Erst die Pflicht! Auf dem Merkzettel ist noch eine Frage offen: Warteliste Trinidad – Veränderungen? Lange Mittagspause im Reisebüro. Carpe diem, nutze den Tag! Telefonischer Lagebericht vom Kapitän. Das Schiff ankert in starkem Schwell vor Port of Spain. Im Laufe des Tages soll die Maschine repariert werden. Keine Ahnung, wann der Dampfer im Hafen festmacht. Ich hingegen könnte erst gegen 23 Uhr dort sein – vorausgesetzt, der „Inselhüpfer“ von St. Lucia nimmt mich mit. Die letzte Auskunft „steht“ eisern: Warteliste. Na gut, mit dem Zusatz „priority – Vorrang“. Das wäre jetzt die Taube auf dem Dach. „Vielleicht werden Sie noch von den Immigration-Leuten festgehalten, stehen dann glücklich an der Kai, und wir sind längst weg“, dämpft der Kapitän den allerletzten Hoffnungsschimmer. Er hat ja recht: Vorfahrt hat nun mal die Containerfracht, denn time is money. Davon lebt jede Reederei wie jedes Unternehmen. Betriebswirtschaft hautnah.

Vielleicht ließen sich noch ein paar Badetage rausschlagen, schweifen die Überlegungen ab. Damit nicht alles völlig umsonst war. Aber: traumhafte Preise – nein, danke! Damit ist der Möchtegern-Individualreisende sofort wieder auf dem Teppich. Erschwingliches gibt’s anscheinend nur im Pauschalpaket.

Im Kopf spult derweil ein Zeitrafferfilm ab: Gestrandet – Schiffbruch vor einer Frachterreise… Wie hatte doch der Witzbold von Kapitän gleich gesagt: „Für Sie hat das Amazonas-Abenteuer schon begonnen. Fortsetzung folgt demnächst.“ Noch einmal Vorfreude, wie schön! So wendet sich die karibische Kurzgeschichte gar ins Positive. Richtig ärgerlich wird ´s erst auf der Rückfahrt vom Flughafen nach Hause im 90-Kilometer-Autobahn-Feiertagsstau.

Und dann die Fax-„Nachricht der Woche“ vom fürsorglichen Agenten – lieb von ihm! – aus Martinique: „Dringend! Müssen Ihnen mitteilen, daß das Schiff nicht Fort-de-France anläuft. Es treibt mit Maschinenschaden vor Trinidad.“ Da bin ich (gerade von Paris aus) in die Luft gegangen. Handy – natürlich flugsicherheitsbedingt – ausgeschaltet.

Karibische Nullrunde

Vom Kapitän tickert – während meine Frau und ich die glückliche Heimkehr nach kurzer Langstreckenreise feiern, ein „Solidaritäts-Telegramm“ aus dem Gerät: „Wir sehen uns unter einem günstigeren Stern!“ Die Transatlantik-Strapazen sind wie verflogen. Wer will da noch behaupten, daß außer Spesen nichts gewesen sei? Sicheres Fazit des Drei-Tage-Ausfluges: eine nicht ganz preiswerte, dafür umso spannendere karibische Nullrunde.

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