Watt? Wangerland und Meer! oder An der Nordseeküste: mehr als Fisch und Friesen

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Watt
Jede Menge Watt. © 2016, Münzenberg Medien, Foto: Stefan Pribnow

Schillig, Deutschland (Weltexpress). Fisch und Friesen, Watt und Meer. Alles an der Nordseeküste. Wattenmeer und Wangerland. Wangerland? Was ist denn das?! Wirklich, nie gehört?

Dafür braucht der Bundesbürger weder einen Blick in ein Wörterbuch noch in ein Who’s Who. Gibt es das Personenlexikon des schottischen Verlegers schottischen Verleger Adam Black überhaupt noch oder Nachschlagewerke seiner Nachahmer? Egal, uns Surfer der Weltnetze reicht ein Klick in die freie Enzyklopädie Wikipedia.

Geschichte

„Wangerland ist eine Gemeinde im Landkreis Friesland“, lesen wir und wissen wenig später, dass die Gemeinde „mit 9.213 Einwohnern“, die sich „auf einer Fläche von 176 Quadratkilometern“ erstreckt, im Bundesland Niedersachen liegt.

Andererseits liegt das Wangerland nicht nur für Friesen im Nordosten der ostfriesischen Halbinsel, die sich vom Dollart bis zum Jadebusen an der Nordsee erstreckt. Zählt man die Gegend Budjardingen und Wursten östlich der Weser noch zu Ost-Friesland hinzu, dann liegt das Wangerland wieder mitten drin in diesem oft falsch verstandenen Ost-Friesland, das mehr ist als Ostfriesland. Doch selbst die Friesen an der Küste, einer Region nördlich des Rheins, die von Utrecht bis hoch nach Sylt reicht, leben seit Jahrhunderten in zwei Staaten. Sie wissen wenig von ihrer eigenen Geschichte, die sie nicht wirklich überliefern, sondern das, was davon übrig ist, nur in Schubladen, hinter Vitrinen und in Fotoalben bewahren. Von ihren Häuptlingen und ihrem Mare Frisicum ganz zu schweigen. Keine Frage: Die Friesen sind faktisch tot und ihre Kultur steckt in den Schaukästen der Museen. Schade.

Doch wenn den Nachfahren wichtiger ist, dass die Touristen wissen, wie sie nach Hooksiel, Horumersiel oder Schillig kommen und wieder weg, dann wundert das wenig. Dass sie kommen, dafür tun sie augenscheinlich mehr als für die Renaissance ihrer Sprache und Kultur.

und Gegenwart

Ein Schild bei Schillig zeigt vier Luftbilder. Eines zeigt nicht das Wangerland. © 2016, Münzenberg Medien, Foto: Stefan Pribnow
Ein Schild bei Schillig zeigt vier Luftbilder. Eines zeigt nicht das Wangerland. © 2016, Münzenberg Medien, Foto: Stefan Pribnow

Doch wir wollen nicht weiter klagen. Blicken wir in die Gegenwart, die nicht weit zurückreicht, und erwähnen gerne, dass sich die 1990 gegründete Geschichtswerkstatt Wangerland gegen Verwurzelung und Entfremdung stemmt und um Identität kümmert. Beim Erinnern und der Trauerarbeit kamen Chroniken heraus. Immerhin. An ein bajuwarischen Mia san Mia mit dicken Backen reicht das nicht ran.

Blicken wir weit über das Wangerland und die Leute, die dort leben. Vom Westen bis Süden liegen als Städte Esens, Wittmund, Jever, Schortens und Wilhelmshaven nicht wirklich rund ums Wangerland. Vom Norden bis Osten wird das Wangerland nämlich von Watt und Wasser begrenzt. Ein Blick zudem auf Google Maps zeigt, dass das Wangerland vor allem von zwei, drei Landstraßen und unzähligen Gräben durchzogen wird. Hier und dort tauchen Altdeiche, Grooden und Siele auf.

Doch mehr denn je wird das Wangerland von einem Ort dominiert, der außerhalb liegt, aber dennoch am Busen der Natur, genauer: am Jadebusen. Die Reede ist von Wilhelmshaven, wo Kriegs- und Handelsschiffe liegen. Manche Frachtschiffe liegen auch vorm Wangerland auf Reede. Die meisten rauschen daran vorbei. Rauch steigt auf und mit ihm dreckiger, giftiger Schiffsdiesel. Immerhin wird weit weniger vorm Wangerland verklappt als früher, als die Verklappung legal und Geschäft war. Trauriger Höhepunkt ist der Tiefseehafen mit dem großkotzigen Titel Jade-Weser-Port. Ein aufgespültes Gelände für aufgeblasene Kleingeister und Krämer ohne Containerschiffe. Bisher ist der Port ein Pleiteprojekt.

Dat Seewief von Minsen

Außer auf dem Wappen von Wangerland. Das zeigt eine Seeweib (friesisch Seewief) mit blanker Brust und Arsch in Schuppen auf blauem Grund. Geil ist das nicht, lehnt sich aber an eine Sage vom Minsener Seewief an, die aus Rache das Wangerland unter Wasser setzte. Sturmflut gab es nicht nur in der virtuellen Welt des Wahns, sondern in der Tat viel. Jahreszahlen wie 1196, 1362, 1717 und 1962 werden genannt.

Das Seewief in Bronze, eine Skulptur, welche die Künstlerin Karin Mennen aus Horum 1992 ins Wangerland bei Minsen setzte, sieht noch ganz ansehnlich aus und taugt für Gruppenfotos besser als der Flaggenfummel. Auf der Webseite der Gemeinde Wanderlande lese ich, dass „Fischer aus Minsen, das … ach früher auf der Insel Minsener Oog gelegen haben soll, eine Nixe mit Fischunterleib eingefangen“ hätte. Weiter heißt es: „Das bat bitterlich, es wieder freizulassen. Sie aber wollten es nicht. In einem günstigen Augenblick stürzte es sich in die Fluten. Am nächsten Tag, einem Sonntag, waren alle Minser in der Kirche, als ein fürchterlicher Sturm losbrach. Gerade als der Pastor seinen Segen gesprochen hatte, da stürzten die Wogen herein und verschlangen das Land und das Dorf. Davon ist bis auf den heutigen Tag das Sprichwort geblieben:

„Dat geiht ut as dat Bäen to Minsen!“
Auf Hochdeutsch: „Das geht aus wie das Beten zu Minsen“

Die wenigen Leute, die sich gerettet hatten, bauten später das jetzige Dorf.“

Das Gästehaus in Minsen

Das Gästehaus Minsen. © 2016, Münzenberg Medien, Foto: Stefan Pribnow
Das Gästehaus Minsen. © 2016, Münzenberg Medien, Foto: Stefan Pribnow

In diesem irgendwie idyllischen Dorf Minsen steht ein Gästehaus beziehungsweise das Nationalpark-Haus Wangerland. Und das steht nicht nur bei der Dorfkirche, die zu umrunden und mehr als einen Blick hineinzuwerfen lohnt, allen Besuchern auch ohne Beutel für Silberlinge offen. Die dürfen vor allem viel anscheuen, durchlesen und zuhören, aber auch anfassen, nur nicht die Fische in den Nordseeaquarien. „In den Aquarien tummeln sich“, teilt der Veranstalter zum Nationalpark-Haus Wangerland mit, „verschiedene Plattfischarten wie Scholle, Seezunge, Flunder und Kliesche. Kleine Katzenhaie streifen ebenso durch die Aquarien, wie Wittlinge und Wolfsbarsche. Desweiteren gibt es Seeskorpione, Leier-, Butterfische und vieles mehr zu beobachten. Nicht fehlen dürfen natürlich Seestern, Strandkrabbe, Garnele und Co.“

Das alles und mehr in diesem einen von 18 Nationalpark-Häusern kostet keinen Eintritt. Die Mitarbeiter bieten in Kooperation mit Wangerland Touristik und der Wissenschaftlichen Arbeitsgemeinschaft für Natur- und Umweltschutz (WAU e.V.) als Dienst am Reisenden vor allem theoretische Einblicke in das, was vor allem vor dem Deich vorgeht. Toll ist die echt anschauliche Wattenmeerausstellung als Dauerausstellung gezeigt.

Die Forschungsstation in Schillig

Die Forschungsstation Wattenmeer in Schillig. © 2016, Münzenberg Medien, Foto: Stefan Pribnow
Die Forschungsstation Wattenmeer in Schillig. © 2016, Münzenberg Medien, Foto: Stefan Pribnow

Zu diesem Nationalpark-Haus Wangerland gehört auch die Infostation Nationalpark Wattenmeer, wo „Erleben, Entdecken und Erforschen“ groß geschreiben wird. Den Kopf über ein Mikroskop gebeugt sieht man einäugig „die Formenvielfalt des pflanzlichen und tierischen Planktons“, erklärt Ralf Sinning, der seine Gäste auch mit zum Wattenmeer nimmt, von denen Jahr für Jahr rund 20.000 kämen. „Im Plankton des Wattenmeeres such wir nach Larven von Muscheln und Schnecken und Würmern“, erklärt Sinning und ergänzt: „Mit etwas Glück entdecken wir sogar die winzigen Larven der Seesterne, Seeigel und Seepocken.“ Bei einem Spaziergang am Strand brauchen wir kein Glück, um jede Menge Müll, genauer: Plastikmüll, zu finden.

Ralf Sinning
Ralf Sinning © 2016, Münzenberg Medien, Foto: Stefan Pribnow

In der Forschungsstation Wattenmeer in Schillig sind nicht nur „die Kleinsten die Größten“. „Neben dem Mikrokosmos Nordsee“ seien der bei einer Wanderung am oder im Watt gefundene Müll aus dem Meer und seine Auswirkungen Thema“, erläuter Sinning, wie auch „die Nahrungskette im Wattenmeer“ und „das Leben im Wattenmeer“, dem sich der Mann, der einen auch mal mit Moin zur fortgeschrittener Stunde begrüßten, verschrieben zu haben scheint.

Leider werden die Mikroskopier-Kurse in der Saison 2018 nicht mehr in der Ochsenblutbude auf gründem Grund, wie ich die Forschungsstation Wattenmeer in Schillig kurzerhand nach einem Klaren umgetauft habe, sondern im schicken und modernen Nationalpark-Haus Wangerland in Minsen angeboten. Doch dorthin kann man schnell mit dem Rad fahren  oder wandern.

Gott schuf das Meer, der Friese die Deiche

Der Friese schuf die Deiche.
„Gott schuf das Meer, der Friese die Deiche“. Gesehen, gelesen und fotografiert 2016 im Gästehaus in Minsen. © 2016, Münzenberg Medien, Foto: Stefan Pribnow

Mit dem Wandern ist das so eine Sache. Durch die unentliche Weite des Wangerlandes kann man wunderbar wandern: vor allem über Stunden auf den Deichen. Der Hauptdeich, der entlang des Wattenmeeres verläuft und das flache Land Achtern Diek vor Überflutungen schützen soll, scheint kein Ende zu finden.

We diese Deiche schuf, das verheimichen die Friesen einem nicht. „Gott schuf das Meer, der Friese die Deiche.“ Das können Besucher im Gästehaus in Minsen lesen oder bekommen es in geselliger Runde in einer friesischen Eckkneipe zu hören. Diese Deiche setzen nicht nur den Fluten Grenzen, sie dienen an der Nordseeküste vor allem dem Schutz von Küsten und Kneipen, also auch denen in Schillig.

Schillig

Wattenmeer
Die Richtung stimmt. Wattenmeer! Schild am Ortausgang von Schillig im Wangerland. © 2016, Münzenberg Medien, Foto: Stefan Pribnow

liegt nicht auf einer Halbinsel, auch wenn das in den Kneipen an diesem Abschnitt der Küste gerne geschnackt wird. Eher schon am Arsch des Wangerlandes. Auf der einen Backe hocken die Camper, vor dem Deich so weit das Auge reicht, auf der anderen Sonnenanbeter am Sandstrand. Dass der Campingplatz mit vier Sternen einer der ältesten ist, das glaubt man gerne, dass er einer der größten ist, das braucht man nicht glauben, sieht man sofort, sobald man über den Deich gucken kann.

Der Strand ist eher lang als breit, so lang aber auch wieder nicht, wie er beworben wird. Das ist und bleibt ein Stück Küstensandstrand, der mit den Sandstrnd des Wellenbrechs vorm Wangerland, gemeint ist die Insel Wangerooge, selbstredend nicht mithalten kann. Weil aber an der Küste weit und breit kein Sandstrand zu finden ist, zieht er die Mensche an wie diese sich im Sommer dort aus. Unerbittlich. Auch für scheinbar herrenlose Hunde ist der Strand offensichtlich ein Vergnügen. Frauchen und Herrchen lassen ihre Vierbeiner auch dort gerne ohne Leine laufen.

Austroben können sich am Strand Groß und Klein bei einem Strandspaziergang, einer Wattwanderung, beim Schaukeln, Klettern, Rutschen und Trampolinspringen. Augenscheinlich bleibt Strandburgenbauen beliebt wie Drachensteigenlassen. Das alles können Touristen, auch köstlich-komische Schilder.

Frischer Fisch und Fischbrötchen

Matjes
Ein Matjesbrötchen. Quelle: Pixabay

Und Hinweisschilder auf Fischbrötchen sowie Kohl und Pinkel. Die Brötchen sind leider nicht mehr vom Bäcker. Sie kommen aus der Fabrik, wie der Fisch. Landet man vorm falschen Laden, schmeckt das mit Fisch belegte Brötchen ohne Remouladen oder sonstigen Saucen nicht und überhaupt nicht wie früher. Trifft der Tourist auf Anbieter mit Brötchen vom Bäcker und Fisch vom Fischer, darf er sich glücklich schätzen.

Favorit vieler Fischfreunde ist und bleibt der Matjes, ein besonders milder und junger Hering. Den meisten mundet vor allem der niederländische Matjes, aber auch der Loggermatjes schmeckt. Oft sieht man den Doppel-Matjes von der Hand in den Mund wandern. Das ist ein Fest.

Längst sind regelrechte Matjes-Feste Ende Mai Tradition, auch im Wangerland und gleichermaßen beliebt bei Besuchern und Bewohnern.

Kohl und Pinkel

 Grünkohl ohne Pinkel. © 2016, Münzenberg Medien, Foto: Stefan Pribnow
Grünkohl ohne Pinkel. © 2016, Münzenberg Medien, Foto: Stefan Pribnow

Übertroffen werden Matjes- und allerlei Fischer- und Bauernfeste allemal von Grünkohlfeiern. Im Wangerland kommt zum Grünkohl vor allem Pinkel auf den Teller. Dazu werden meist Salz- und Bratkartoffeln, mitunter auch Pellkartoffeln gereicht. Neben Kassler kommen auch Knacker und Speck auf den Tisch, aber immer diese geräuchter, grobkörnige und gräuliche Wurst namens Pinkel, die im Grunde aus Speck, Hafer- oder Gerstengrütze, Rindertalg, Schweineschmal und Zwiebeln besteht. Mit Salz und Pfeffer sowie weiteren Gewürzen wird der Pinkel abgeschmeckt wird. Die Rezepte, Mischungen und Mischverhältnisse wie auch die Zubereitung sind oft von Dorf zu Dorf unterschiedlich. Grob wird Fleisch-Pinkel von Oldenburger-, Bremer- oder Ammerländer Pinkel unterschieden. Die Vielfalt ging über die letzten Jahrzehnte flöten, weil immer mehr Fleischer über den Jordan gingen und die Wurst jetzt aus der Fabrik kommt. Der Wirt, der was auf sich hält, der stellt mehr als eine Sorte Senf und zwar die guten auf den Tisch und nicht nur Nullachtfünfzehn-Grütze. Grütze? Diese grobkörnige, geräucherte Grützwurst ist der Hit. Daran kann ich mich sattessen. Dazu friesisch-herbes Bier und Klare. Klasse!

Kohlfahrten sind im Winter angesagt. Dann treffen Touristen auf Teilnehmer von Kohl-und-Pinkel-Touren, die, vor allem wenn Einheimischer darunter sind, vorher gut und gerne boßeln.

Das Wangerland hat, wovon ich mich in wenigen Stunden überzeugen konnte, weit mehr zu bieten als Fisch und Friesen, Watt und Meer.

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