Vom Küchenlatein zum Küchenlatinum

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© Münzenberg Medien, Foto: Stefan Pribnow, 2016
Berlin, Deutschland (Weltexpress). Kochen ist schick. Die Kochbuchsammlung ziert auch die Küche, in der am Abend allenfalls eine Dose geöffnet oder die tiefgefrorene Pizza in die Mikrowelle geschoben wird. Tendenz steigend. Essen und Trinken stehen zwar an zweiter Stelle der deutschen Leidenschaften (Forsa), doch die Verhältnisse, sie sind nicht so. Wer hart arbeitet, hat zum Kochen oft keine Zeit oder keine Lust mehr. Arbeitslosen fehlt das Kleingeld fürs große Menü. Und so mancher muss gar erst zur »Tafel« gehen, damit er seinen Tisch decken kann. Apropos Pizza: die wird von 71 Prozent der Hungrigen bevorzugt. Mehr Burger und Bockwurst war früher. Broiler sowieso.

Nur in der Hälfte aller Haushalte gibt es laut einer Studie noch täglich ein selbst zubereitetes Mahl. Häufig wird nicht mal ein Pausenbrot für die Schulkinder geschmiert. Das mag verschiedene Gründe haben: Zahllosen Menschen fehlt die Ruhe zum Kochen, viele können das nicht, so mancher hat es einfach satt. Gegessen wird in vielen Familien vor dem Fernseher. Und in den Dienststellen nebenbei am Computer. Noch schlimmer: Gerade habe ich gelesen, dass in gewissen Büros essen als Zeitverschwendung gilt und mitunter sogar weniger getrunken wird, damit man das, was man in sich hinein geschüttet hat, nicht wieder hinaus bringen und den Laptop allein lassen muss. 
Ja, in den Zeitungen steht so mancher schwer verdauliche Text. Und das, obwohl in beinahe jeder Redaktion auch ein Gastrokritiker seine Schrippen, Pardon: Wecken verdient. Die Bedeutung dieser Experten wird ohnehin überschätzt. Nach dem Studium ihrer kulinarischen Reportagen, Reiseberichte und Restaurantempfehlungen gucken die Leser nicht scharenweise bei den Starköchen beziehungsweise Sterneküchen vorbei, sondern erst einmal ins Portemonnaie. Sie eilen da hin, wo es eine Pizza, einen Salat oder einen grünen Smoothie to go gibt. Und das nicht  zu den traditionellen Mahl-Zeiten, sondern wenn es der Terminplan erlaubt. Heute leisten sich nur noch die großen Firmen und Behörden Kantine und Betriebsessen. Convenience Food, das sind Lebensmittel zum »bequemen« sofortigen Verzehr, werden von Bäckern, Fleischern und Discountern, an jeder Tankstelle und in Gartencentern angeboten. So ist ein Milliardenmarkt entstanden, der rund 10 %  des Haushaltsgelds schluckt, das die Familien für Lebensmittel ausgeben. Und der, nebenbei erwähnt, jede Menge Müll produziert. Allein 320 000 Kaffeebecher werden hierzulande stündlich verbraucht, die bei ihrer Produktion und Entsorgung ein gewaltiger Kostenfaktor sind.  Billig hingegen ist die Importware, die in den Backshops in den Ofen geschoben wird. Die »Teiglinge« schmecken so fad, wie sie aussehen. Auch die Großküchen, die Schulen, Kindergärten und Altersheime beliefern, verarbeiten industriell vorbereitete Produkte. Die mit zahlreichen Zusatz- und Aromastoffen den Verbraucher auf bestimmte Marken fixieren wollen. Wem das alles nicht geheuer ist, dem werden »Nahrungsergänzungsmittel« überall und teilweise aggressiv offeriert. Dreiviertel der Bundesbürger greifen zu. Bei den Sportlern liegt die Quote noch höher. Was in den Pastillen, Pillen und Pülverchen steckt, weiß niemand.  Auf jeden Fall saftige Renditen für die Hersteller.
Im Übrigen will ich noch einmal auf die Sterneköche zurückkommen. Es werden auch in ihren Gourmet-Tempeln größere Summen auf den Tisch gelegt. Für Süppchen und Sößchen, Schäumchen und Träumchen – natürlich am karamellisierten Salbeiblatt. Eine gute Investition, selbst wenn man den Betrag nicht von der Steuer absetzen kann. Denn die deliziösen Gerichte sind nicht schlechthin Hochgenüsse, sondern Statussymbole. Wozu auch Bio-Kisten, Öko-Körbe, der Naturkost-Lieferservice und überhaupt die Lebensmittel-Bringedienste gezählt werden können. Denn die zeigen der Nachbarschaft, dass man isst, was man ist.

Punkten kann man im Freundes- und Kollegenkreis auch durch Buchung eines Kochkurses bei einem der zahllosen Küchenchefs, die in sämtlichen TV-Kanälen ihr Süppchen kochen. Apropos Kochsendungen: Für diese äußerst kostengünstigen Programmteile muss der Sender nicht mehr als eine Markenküche (Achtung, Sponsoring!) investieren, er kann sie jedoch prima als »seriös gemachte Lebenshilfe« und »Zuschauermagnet« verkaufen.

Auf ihre Kosten kommen auch die Frauen und Männer, die es einmal persönlich und oft in Begleitung einer ebenfalls telesüchtigen »Schnippelhilfe« bis ins Fernsehen geschafft haben, selbst wenn es zur Topfprämie nicht gereicht hat. Denn den meisten Hobbyköchen, zum Beispiel der Pseudo-Kochvorführung »Das perfekte Dinner«, geht es weniger um die Demonstration ihrer ohnehin oft bescheidenen handwerklichen Fähigkeiten, sondern um die Präsentation von Haus  oder Wohnung (und dort besonders gern einer Sammlung von Highheels, Handtaschen oder Hochzeitsfotos), um Werbung für die eigene Firma und vermeintliche Talente. Dafür macht sich immer wieder einer zum Klops. Was die Produktionsfirma freut und die anschließend in zahlreichen Foren lästernden Zuschauer auch.

Nicht zuletzt hebt eine spezielle Ernährungsphilosophie den Menschen aus der Masse der »Allesfresser« heraus. »Wie hast du’s mit der Paleo-Diät?« beispielsweise  ist kein  steinzeitliches Problem, sondern die Gretchenfrage bei der zeitgenössischen Partnersuche. Und nix ist mit gemeinsamem Heim und Herd, wenn der andere – sagen wir mal – Frutarier ist. Diese Spezies beißt nur in Lebensmittel, für die  nicht Muttertier oder Mutterpflanze sterben mussten. Was einer isst, ist eben nicht reine Geschmackssache.

Viele Menschen genießen Tafelfreuden ganz spezieller Art: Es schmeckt ihnen nur, was sie zunächst fotografiert und in der Hoffnung gepostet haben, ihren virtuellen Freunden den Mund wässrig zu machen. Oder neidisch?

Wenn vom Genuss gesprochen wird, kommt die Rede bald auf Diäten. Darüber reden viele Leute viel zu viel, andere aber gar nicht gern. Denn die meisten bleiben immer nur zweiter Sieger im Kampf gegen die Pfunde. Und nicht jeder trägt die so würdevoll wie der Mops, der allabendlich zwecks Marktbeeinflussung über den Bildschirm schnauft. Wow. Und damit beende ich mein Köchelverzeichnis.

Anmerkung:

Die Erstveröffentlichung erfolgte in Ossietzy 5/2016.

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