Viel Blech in Chorin – Der Choriner Musiksommer 2015 kündigt ein vielseitiges Programm an

0
153
© Choriner Musiksommer e.V., Foto: Kerstin Schlopsnies
Chorin, Brandenburg (Weltexpress). Des Landes schönsten Schmuck nennt die Klosterverwaltung das Kloster Chorin bei Eberswalde. Für diesen Titel könnten sich Konkurrenten melden, aber konkurrenzlos ist in Brandenburg der Choriner Musiksommer – nunmehr der Zweiundfünfzigste, von längerem Bestand als die DDR. Die Klosterkirche und der dazugehörige Innenhof sind eine einzigartige Spielstätte, die auf die Besucher genau so viel Anziehungskraft ausübt wie die Musik selbst. Für den Erfolg sprechen Zahlen: 2013 kamen 27 000 Besucher zu 20 Konzerten (im Jubiläumsjahr) und 2014 25 000 Besucher zu 16 Konzerten. In Chorin spielt das Wetter eine unberechenbare Rolle, aber immerhin ist die Auslastung je Konzert um etwa 15 Prozent gestiegen.

Christoph Drescher, seit 2013 Nachfolger des bereits legendären Künstlerischen Leiters Gunther Wolff, versucht den Spagat zwischen dem traditionellen klassischen Sinfoniekonzert und »neuen Akzenten«, womit hauptsächlich Blechbläser und Musik mit  unkonventionellen Instrumenten wie Akkordeon, Hackbrett, Alphorn und andere gemeint sind. Dabei bleiben Klamotten in klamottigen Kostümen nicht ausgespart.
Das Rückgrat des Programms bilden noch immer die Sinfoniekonzerte mit bekannten sowie in Chorin noch unbekannten Orchestern. Zur Pflege der klassischen Tradition stützt sich Drescher hauptsächlich auf die langjährigen Partner – das Konzerthausorchester als erste »Erwerbung« Gunther Wolffs (damals Berliner Sinfonieorchester), das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin und das Brandenburgische Staatsorchester Frankfurt. Verstärkung bringt 2015 das Orchester der Komischen Oper Berlin. Wer im kommenden Jahr fehlt, sind die Berliner Symphoniker. Dafür hatte Drescher in einer Pressekonferenz keine überzeugende Erklärung. Es soll Differenzen bei der Bezahlung teurer Solisten gegeben haben. Die Ausladung ist keineswegs am Platze bei einem Orchester, das sich seit zehn Jahren ohne Zuschüsse des Berliner Senats durchschlagen muss, aber unbeirrt seine Arbeit als populäres Berliner Orchester fortsetzt.

Für eine gute klassische Einstimmung und den stimmungsvollen Ausklang sorgen korrespondierende Programme mit Werken Antonin Dvorí ks. Zur Eröffnung am 27. Juni spielen das Konzerthausorchester unter Christoph Altstaedt und die Cellistin Marie-Elisabeth Hecker Dvorí ks Cellokonzert und zum Abschluss am 30. August spielt das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin unter Marek Janowski das Violinkonzert (Solist Guy Braunstein) sowie die 8. Sinfonie.

Einen Höhepunkt zu nennen ist hier gewagt, denn es gibt deren viele, im klassischen Repertoire, im Chorgesang und in der Unterhaltung. Das Orchester der Komischen Oper brilliert am 5. Juli mit dem Solo-Oboisten der Berliner Philharmoniker, Albrecht Mayer, und das Konzerthausorchester kommt am 18. Juli ein zweites Mal mit dem Stardirigenten Christoph Eschenbach. Es spielt von Peter Tschaikowski das Violinkonzert mit Iskandar Widjaja und die 5. Sinfonie, denn, so das Programmheft, »der russische Bär wärmt sich gerne im Musiksommer«. Sei er willkommen. Keine Sanktionen in Chorin. Freundschaftliche Beziehungen dokumentieren auch Gastspiele der Philharmonie Poznan (28. Juni), der Polnischen Kammerphilharmonie (26. Juli) und des Nationaltheaters Prag (2. August), letzteres mit der Coriolan-Ouvertüre und dem Violinkonzert von Beethoven, gespielt von der jungen Amerikanerin Tai Murray.

Spannend werden die Konzerte des künstlerischen Nachwuchses. Michael Sanderling, Chefdirigent der Dresdner Philharmonie, präsentiert das Young Philharmonic Orchestra Jerusalem Weimar, bestehend aus israelischen und Weimarer Musikstudenten (8. August). Ein Paradestück verspricht Dimitri Schostakowitschs Cellokonzert Nr. 1 Es-Dur zu werden, gespielt von Alexej Stadler. Dies Konzert hat Sanderling in seiner Laufbahn als Cellist einst selbst gespielt. Weiter gastiert die Philharmonie der Nationen, junge Profis aus ganz Europa. Ihr Gründer Justus Frantz dirigiert und interpretiert am Flügel Mozarts A-Dur-Konzert KV 488 (9. August).

Vielfalt bietet das Brandenburgische Staatsorchester Frankfurt. Sein Programm am 11. Juli beginnt mit einem Kinderkonzert, in dem Jennifer Antoni das musikalische Märchen »Die Hexe und der Maestro«, erfunden vom Dirigenten Howard Griffith, erzählen wird. Es folgt ein Skandinavisches Programm mit Werken von Johan Halvorsen, Edward Grieg und Jean Sibelius und am 29. August ein Schweizer Potpourri mit Hackbrett, Alphorn und Jodel.

»Kracher« sind das berühmte Blechbläserensemble »Canadien Brass« (1. August) und am 23. August Ludwig Güttlers Blechbläserensemble. Güttler wird den verstorbenen Künstlerischen Leiter des Choriner Musiksommers, Gunther Wolff, mit der Uraufführung einer Partita von Eckehard Mayer ehren. Hohe Kunst auf der Trompete beweist Reinhold Friedrich mit Werken von Giuseppe Tartini und Michael Haydn, begleitet von der Polnischen Kammerphilharmonie.

Für die zarteren Töne bürgen das Männerquartett New York Polyphony (25. Juli), der 1441 gegründete King ´s College Choir aus London (in nostalgischen Schuluniformen) (12. Juli) und  der (einzig von den Kinderchören der DDR übriggebliebene) Kinderchor des MDR gemeinsam mit dem Leipziger Barockorchester (22. August). Ein Extra gestaltet der Akkordeonist Denis Patkovic mit den Goldberg-Variationen von J.S.Bach am 15. August in der Dorfkirche Chorin. Nicht mit von der Partie ist die Kammeroper Schloß Rheinsberg. Ihr neuer Künstlerischer Direktor Frank Matthus will über eine neue Form der Präsentation nachdenken.

Absolute Neuheit sind eine neue Bestuhlung im Kirchenschiff und eine neue, leichter umzubauende Bühne. Zu Stühlen musste sich die Klosterverwaltung entschließen, weil die schweren Holzbänke den denkmalgeschützten Steinfußboden beschädigen. Die Besucher werden bequemer sitzen, aber die Zahl der Sitzplätze verringert sich von 1 200 auf 1 080. Der Ausfall von 10 Prozent der Plätze soll durch eine Erhöhung der Eintrittspreise um zwei Euro aufgefangen werden. Die ermäßigten und die Rasenplätze werden nur um einen Euro erhöht, auf dem Rasen von 7 auf 8, ermäßigt unverändert 5 Euro. 840 Hörplätze stehen zur Verfügung. Eine tiefere Staffelung der Preiskategorien soll der unterschiedlichen Güte von Hören und Sehen angepasst werden. Der Geschäftsführer Lars Döbler glaubt, dass die Stammbesucher auch »mit gering steigenden Preisen zurechtkommen.« Angesichts der auf 10 000 Euro reduzierten Förderung durch die Landesregierung (40 Cent pro Karte) ist die Unterstützung durch die Ostdeutsche Sparkassenstiftung, die Kulturstiftung der Sparkasse Barnim und die Feuersozietät für den Choriner Musiksommer existenzerhaltend. Zu begrüßen ist, dass nicht wie in vergangenen Jahren der Musiksommer zugunsten eigener Theaterfestspiele der Klosterverwaltung unterbrochen wird. Döbler verspricht sich davon weniger Unsicherheit beim Kartenkauf. Der Vorverkauf hat begonnen. Bisher sind 60 Prozent der Karten verkauft. Im Angebot sind noch schöne Konzerte, darunter das New Yorker Vokalquartett.

Anzeige