Vernebelte Betrachtung – „Don Carlos“ kam mir nicht spanisch vor beim Theatertreffen

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Berlin (Weltexpress) - Ist Philipp II ein Revolutionär, der tollkühn dem Treiben der Inquisition ein Ende setzt? Bei Roger Vontobels Inszenierung von Schillers „Don Carlos“ am Staatsschauspiel Dresden drängt dieser Gedanke sich auf. Gerade noch wurde der König zur Rede gestellt, weil er durch die Erschießung des Marquis Posa der Inquisition ins Handwerk gepfuscht hat, und schon handelt Philipp   wiederum eigenmächtig und selbstherrlich: Anstatt, wie bei Schiller   vorgegeben, Carlos lebend der Inquisition auszuliefern, erschießt Philipp seinen Sohn und sagt dann, wie von Schiller geschrieben, zum Großinquisitor: „Kardinal! Ich habe das Meinige getan. Tun Sie das Ihre.“, so, als sei die Inquisition   ein Beerdigungsunternehmen.

Vontobel hat es so vermutlich nicht gemeint. Was er jedoch gemeint hat mit seiner unentschlossenen Regieführung, ist schwer feststellbar. Mit Schiller lässt sich viel machen, so verwaschen und halbherzig wie er hier zu erleben war, lässt sich allerdings kein Staat, und schon gar kein spanischer, mit ihm machen. Die Inszenierung schleicht sich so irgendwie dahin, nicht wirklich modern, klassisch aber auch nicht wirklich, irgendwo im nebulösen Bereich des Mittelmaßes.

Don Carlos (Christian Friedel) hat gleich bei seinem ersten Erscheinen einen Tobsuchtsanfall und kreischt mit schrillem Stimmchen seine Szene mit Domingo, wobei er dessen Part gleich mit übernimmt. Ein Held ist der Kronprinz mit dem Koboldgesicht nicht. Während des gesamten Stücks ist das Verhalten des Prinzen das eines Psychopathen. Als Heerführer ist dieser junge Mann ohne jede Selbstkontrolle ganz sicher nicht zu gebrauchen.

Schillers Drama enthält eine Vielfalt von politischen und menschlichen Themen, die in Roger Vontobels Inszenierung alle angerissen werden ohne dass die Einzelteile sich zu einem schlüssigen Gesamtbild zusammenfügen.

Wo und in welcher Zeit Vontobel das Stück angesiedelt hat, ist nicht herauszufinden. Auch die sehr schönen Bühnenbilder von Magda Willi geben keinen Aufschluss: Im ersten Akt wehen luftige weiße Vorhänge auf die Bühne und vermitteln die entspannte Atmosphäre der Sommerfrische in Aranjuez. In einem Planschbecken spielt die zauberhafte kleine Infantin, liebevoll beaufsichtig von Lore Stefanek als freundliche Hofdame. Die dienstbereiten Herren, die den Damen poppig dekorierte Cocktails reichen, schreiben allerdings  auch eifrig Gespräche mit, und hinter den durchsichtigen Vorhängen sind die Umrisse von Lauschern erkennbar.

In Madrid residiert Philipp in einem düsteren, fensterlosen Sitzungssaal, verkleidet mit beweglichen dunklen Holzpaneelen. Wenn die oder die große Tür sich öffnen, strömt blendend weißes Licht herein.

Carlos und der Marquis von Posa tragen zu Beginn moderne Freizeitkleidung (Kostüme Dagmar Fabisch), später Nadelstreifenanzüge, während König Philipp sich im hellgrauen Anzug präsentiert.  Die Damen sind mit eleganten Cocktailkleidern im Stil der 1960er Jahre ausgestattet und ziehen, bei Ausgängen, Trenchcoats über.

Nun ist es ja durchaus üblich, Klassiker in zeitlich verfremdeter Ausstattung zu spielen, um die aktuellen Bezüge deutlich zu machen, aber in Roger Vontobels Inszenierung passt nichts zusammen. Der Königshof könnte ein Wirtschaftsimperium sein. Dass dieses jedoch in Flandern Krieg führt, ist merkwürdig. Außerdem stört Schillers Sprache, viel zu viel Pathos für Industriebosse. Die SchauspielerInnen mühen sich eifrig, ihre Texte möglichst alltäglich klingen zu lassen. Dann ist da aber auch noch die Inquisition, und die passt überhaupt nicht ins Bild.

Burghart Klaußner als Philipp II ist das Klischee des unsympathischen Unternehmers unserer Zeit, ein gestandenes Mannsbild, großspurig, machtbesessen, zu Jähzorn und Gewalttätigkeit neigend. Vermutlich hat er sich, aus kleinen Verhältnissen stammend, hochgearbeitet. Philipps Einsamkeit und Verletzbarkeit sind bei der Gestaltung dieser Figur nur schwach herausgearbeitet.

Der Malteserritter Marquis von Posa (Matthias Reichwald) erscheint zu Beginn wie ein fröhlicher Ausflügler mit schwarzer Umhängetasche. Ein argloser, netter Mensch, dessen verhängnisvolle Intrigen nicht ganz verständlich werden. Ab und zu versucht Matthias Reichwald sich in entschlossener Begeisterung, aber meistens nuschelt er seine Texte herunter und hängt gern Füllwörter an Schillers Sätze an. Dass er „nicht Fürstendiener sein“ mag, zeigt dieser Posa, wenn er mit tief in die Hosentaschen vergrabenen Händen seiner verehrten Königin gegenüber steht, obwohl auch das wahrscheinlich so nicht gemeint ist.

Die Königin (Sonja Beißwenger) und Prinzessin von Eboli  (Christine Hoppe) redaktihaben es schwer, da der ausschließlich auf sich selbst bezogene, herumzappelnde Prinz Carlos kein wirkliches Gegenüber darstellt. Die Damen mit ihren unglücklichen Liebesgeschichten agieren daher wenig nachvollziehbar im luftleeren Raum.

Aber vielleicht war die Vorstellung, die ich am Freitag dem 13. gesehen habe, einfach ein bisschen verunglückt. Trotzdem gab es auch da einen Lichtblick:

Lore Stefanek agierte mit der Spannung und Präsenz, die allen anderen Mitwirkenden fehlte. Als Page der Königin in Rock und weißer Bluse gestaltet Stefanek die perfekte Untergebene, die mit Blicken und kleinen Gesten ein Heer von Dienstboten befehligt. Am Schluss, als Großinquisitor, das Gesicht im Schatten einer weiten Kapuze, leise und eindringlich sprechend, ist Lore Stefanek eine wahrhaft grauenerregende Erscheinung, durch die schließlich doch noch deutlich wird, worum es in Schillers Drama eigentlich geht.

„Don Carlos“ von Friedrich Schiller, Regie Roger Vontobel, hatte am 27. März 2010 Premiere am Staatsschauspiel Dresden und ist eine der zehn bemerkenswerten Inszenierungen, die im Rahmen des Theatertreffens 2011 im Haus der Berliner Festspiele zu erleben war.

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