„Uwe ist ein richtiges Arschloch“ – Claudia Schulmerich im Gespräch mit Jan Weiler anläßlich seiner neuen CD „Uwes letzte Chance“ auf der Frankfurter Buchmesse

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Frankfurt am Main (Weltexpress) - Der Hörverlag hatte vor dem neuen, dem dritten Hörspiel um Sabine und Uwe, die zusammenkommen wollen, aber irgendwie und irgendwo immer wieder nicht können, schon in zwei CDs das von Jan Weiler formulierte und auch mit Annette Frier gesprochene Beziehungselend unters Volk gebracht, das sich weidlich an dem amüsieren kann, worüber man bei einem selber weint, aber laut lacht, wenn man anderen beim Beziehungsfechten und Beziehungsaufarbeiten und Beziehungsreparieren zuschaut, bzw. hier zuhört. Viel Spaß also. Den hat auf jeden Fall der Autor, den wir am Stand des Hörverlages trafen und mit ihm über ihn und sein Werk plauschten.

Was schreibt Wikipedia über Sie?

Ja, da habe ich mal geguckt. Ich weiß nicht, wer das geschrieben hat. Da sind zwei, drei kleine Fehler drin, es wird aber recht häufig aktualisiert. Ich wüßte gerne, von wem?

Aber, was steht drinnen?

Es steht zum Beispiel der falsche Ortsname drin, wo ich wohne, es steht drin, daß ich aus Düsseldorf komme, daß ich Chefredakteur war des SZ-Magazins, daß ich im Rahmen dieser Tätigkeit eine Kurzgeschichte geschrieben habe über meine italienische Familie und das daraus ein Buch gemacht wurde, „Maria, ihm schmeckt’s nicht“, und dann ein Film, in dem ich eine ’Cameo-Rolle` übernehme. Es steht auch drin, daß ich in einem Ort wohne, in dem ich aber gar nicht wohne.

Und was sollte drinnen stehen?

Von mir aus sollte gar nichts drinnen stehen. Ich habe mir nie die Mühe gemacht, zu korrigieren. Mir ist ehrlich gesagt wurscht, was drin steht. Das nervt manchmal, daß Veranstalter bei Tourneen häufig Biographisches dort abschreiben, und dann stimmt’s nicht, aber ich nehme mich nicht so wichtig, daß ich jetzt darauf drängen würde, alles richtig zu stellen. Wenn man alles richtig lesen will, dann muß man auf meine Homepage gehen.

Und wenn Sie die kurz zusammenfassen für unsere Leser, damit die wissen, um wen es bei unserem Interview geht?

Es geht um Jan Weiler, der wird jetzt 43, kommt ursprünglich aus Düsseldorf, lebt aber jetzt schon seit vielen Jahren in Bayern. Er ist gelernter Journalist, war elf Jahre beim SZ-Magazin, fünf Jahre als Chefredakteur und ist jetzt tätig als Schriftsteller und Kolumnist.

Auch Sie sagen nichts zu den Hörbüchern und Lesungen. Wie Wikipedia. Allerdings gibt es dort immerhin CD-Angaben. Und zu den Hörbüchern kommen wir jetzt. Was spiegelt sich in den Hörspielen, denn heute geht es um die neueste der drei Uwe-CDs, aus Ihrem eigenen Leben? Und: Haben Sie das im Vorhinein absichtlich gewollt oder im Nachhinein erstaunt festgestellt?

Sie sprechen über Uwe! Uwe! Uwe ist eine reine Kunstfigur. Ich habe sonst immer so Männerrollen oder männliche Typen zu karikieren versucht, die waren mir immer etwas ähnlich. Aber Uwe ist das nicht. Uwe ist ein richtiges Arschloch. Ich versuche im Alltag, keines zu sein, aber er ist eines, er ist ein verbitterter, zynischer, frauenverachtender, schwacher, würstchenartiger Mann und kein angenehmer Typ, durch und durch blöde und das macht einen riesigen Spaß, das Schreiben und das Sprechen. Das ist einfach eine tolle Figur.

Ja, aber er hat doch auch einen genialen Zug, weil diese Idee mit dem Diktieren seiner Briefanfänge im ersten Hörspiel, das ist doch ein Ding.

Ja, aber es ist eine Lüge. Es ist eine einzige riesige Lüge und der Mann kann einfach nicht aufrichtig sein. Er ist natürlich auch menschlich und das ist in jedem der Hörspiele der Trick, wie ich die Frauen gewogen mache, die haben dann immer Verständnis für ihn, die sagen, der ist doch eigentlich ein Romantiker, er mag sie doch eigentlich, ich versuche die immer so ein bißchen zu verführen, besser: Uwe versucht die immer ein bißchen zu verführen, doch das Gute in ihm zu sehen. Aber da ist in Wirklichkeit nichts. Er sagt im letzten Teil, er will sich ändern, er will ein anderer Mensch sein, er hat eingesehen, was er für ein schlechter Mann ist, aber er kann sich natürlich nicht ändern: Er ist wie er ist. Es ist zutiefst menschlich, macht ihn aber nicht sympathisch.

Aber nun sage ich Ihnen mal, mein Mann, der das mithören mußte, der fand die Frau so unangenehm.

Ja, ja, das ist so ein Trick bei mir. Die Frauen sind eigentlich genauso unangenehm. Ganz egal, ob es Sabine ist oder im zweiten Teil Karin Krämers, sie sind natürlich auch vorteilsbedacht und sind eigentlich gemein und der Tenor ist: Die Menschen sind eigentlich alle schlecht. Das trifft natürlich für die Wirklichkeit nicht unbedingt zu, aber in den Hörspielen sind die Frauen natürlich berechnend und gemein und auf diese Weise haben sie einander auch verdient: Uwe und Sabine.

Jetzt ist aber endgültig Schluß mit Uwe, oder gehen diese Hörspiele weiter?

Eigentlich ist Schluß. Jetzt im dritten Teil kommt ja nun raus, er ist nicht beziehungsfähig. Also das wird nix mit denen. Was man machen könnte, für einen vierten, fünften, sechsten Teil, wäre das Prinzip dieser Fernsehserie „Lost“, daß man halt Rückblicke macht. Schon im dritten Teil gibt es einen langen Rückblick, daß man jetzt einfach noch einmal einzelne Episoden aus deren Beziehungsleben erzählt, das könnte man schon machen, vielleicht mache ich es auch. Das ist ganz offen.

Sie sind studierter Journalist. Sie schreiben Drehbücher, Romane, Hörbücher. Worin liegt beim Schreiben der Unterschied dieser Medien für Sie? Und was machen Sie am liebsten.

Ich mache alles, was ich mache, am liebsten, weil ich nie etwas machen würde, was mir nicht gefällt. Das lehne ich total ab. Wenn ich merke, ich bekomme einen Auftrag oder eine Anfrage zu etwas, wozu ich keine Lust habe und was ich nicht gut finde, dann mache ich das einfach nicht. Wenn ich schreibe, dann schreibe ich wahnsinnig gerne, ich probiere mich gerne aus. In einem Roman muß man vollkommen anders arbeiten als für Kolumnen”¦

Aber wie anders?

Man hat einfach mehr Zeit, die Dinge zu entwickeln. Um den Unterschied klarzumachen, zwischen Uwe aus dem Hörspiel als Figur und einer Romanfigur: Uwe kann durch Aufziehen einer Schublade, einer Formulierung, eines dramaturgischen Kniffs ganz schnell dem Hörer und Leser klar werden. Man kapiert sofort, was das für ein Typ ist. Beim Roman kann ich mir dafür viel mehr Zeit nehmen, das kann viel szenischer sein und es kann viel weiter vor- und zurückgehen in der Biographie einer fiktiven Person. Bei einem Hörbuch muß das ganz schnell gehen.

Und warum sprechen Sie den Uwe auf der CD selbst?

Weil es mir solchen Spaß macht. Ich habe jetzt schon wahnsinnig viele Sachen gemacht, in der ich immer dieser Typ bin, der diese Maria-Geschichte erzählt, das ist ja auch derselbe, der die Kolumnen erzählt, das ist ein verhältnismäßig – hoffe ich wenigstens – Angenehmer. Und Uwe war die erste Figur, die das nicht war und ich war auch nicht sicher, ob ich das machen sollte. Aber der Verlag wollte es gerne und dann habe ich das ausprobiert und mit Annette Frier zum Glück eine Partnerin gehabt, die das auch sehr herausgefordert hat, als Schauspielerin. Da muß man ja gegenhalten, um einigermaßen als Nichtschauspieler dagegen anzukommen, da muß man sich schon sehr anstrengen. Das war eine tolle Herausforderung und hat totalen Spaß gemacht.

Verändern Sie bei der Aufnahme Ihren eigenen Text?

Nein!

Nie?

Nein, nein, ich meine das mit dem Schreiben schon ernst. Da wird nichts geändert. Es wird alles so gesprochen, wie es geschrieben ist. Es gibt einen phantastischen Regisseur, der die Aufnahmen leitet, der Leonhard Koppelmann, und wenn uns im Studio auffällt, daß ein Satz nicht so gelungen ist oder der Rhythmus nicht so läuft, kann man darüber diskutieren.

Wie stellen Sie sich Ihre Hörer vor? Mehr Hörerinnen als Hörer? Und was tun die beim Hören?

Interessante Frage. Also ich weiß, da ich viel auf Tournee bin und Lesungen mache, da kommen natürlich mehr Frauen, viel mehr Frauen als Männer, von Männern wird ja immer behauptet, die lesen nur die Tageszeitungen und Fachliteratur, was ich nicht glaube, aber es sind schon mehr Frauen und es sind Frauen aus allen Generationen und Schichten. In manchen Städten habe ich ein überwiegend studentisches Publikum, in anderen, wenn da keine große Uni ist, sind die Zuhörerinnen zwischen Anfang Dreißig und Ende Fünfzig. Frauen kommen gerne mit Freundinnen und da waren die vorher schon Prosecco trinken, dann hat man in Reihe sieben nebeneinander sechs bis zwölf Frauen sitzen, die sich einen abkichern, das sehe ich natürlich auch alles – oder oft – und ich mag die sehr. Ich habe ein sehr nettes Publikum.

Das ist das Publikum, das Sie sehen. Aber Ihre Hörerinnen, wo hören die und was tun die dabei?

Ich habe absolut keine Ahnung. Aber ich mache mir auch keine Gedanken darüber. Ich bin sehr glücklich, daß die Leute die CDs kaufen und offenbar hören, aber in welchen Aggregatzuständen oder bei welchen Tätigkeiten, ich weiß es nicht. Also ich höre Hörbücher eigentlich nur im Auto, aber ich bezweifle, daß alle anderen das auch tun. Vielleicht gibt es auch Menschen, die einfach hören. Mein Traum wäre, die setzen sich zu Hause in einen gemütlichen Sessel, lassen das über die Stereoanlage laufen und hören einfach zu. Ich ahne aber, daß sie währenddessen kochen, bügeln, Wäsche zusammenlegen, Illustrierte durchblättern, telefonieren oder essen.

Ich hatte Anlaß diese, von mir noch nie gestellte Frage zu stellen. Ich mußte in ganz kurzer Zeit Ihre drei Uwe-Geschichten hören und habe das beim Abwaschen getan – daran dachten Sie noch nicht – und ich fand, daß ist eine sehr gute Gelegenheit, aus einer solch banalen Tätigkeit etwas Interessantes zu machen.

Das freut mich sehr, daß Sie auf diese Weise dem Abwasch ein Krönchen aufgesetzt haben. Aber im Grund ist es mir egal. Ich bin nicht eitel und kann nicht verlangen, daß Leute einen 500 Euro teuren Kopfhörer aufsetzen und konzentriert die ganze Zeit lauschen, sondern freue mich einfach darüber, wenn sie überhaupt hören.

Gehen wir jetzt einmal über die Hörbücher hinaus, von denen Sie sagten, vielleicht kommen noch welche. Was ist gegenwärtig von Ihnen auf dem Markt, wo möchten Sie gesehen, gelesen, gehört werden?

Gesehen jederzeit auf der Bühne. Ich mag’s einfach gerne, wenn Leute kommen, wenn sie sich amüsieren und man hat hinterher noch ein Gespräch – bei den Lesungen. Außerdem kann man mich ab 21. Oktober sehen auf 3-Sat. Da gibt’s eine Serie, die heißt „Weilers Welt“, das ist eine Interviewsendung, die ich gemacht habe, die jetzt in vier Folgen hintereinander kommt. Dann gibt’s die Hörbücher, dann gibt’s nächstes Jahr den zweiten Kinofilm. Es gibt nächstes Jahr zwei neue Bücher und auf diese Art geht’s weiter. Man kann mich auch sehen auf der Homepage, da kann man Filmchen angucken und ganze Hörspiele anhören, die es noch nicht auf CD gibt, man kann dort meine Kolumne abonnieren, dann erhält man die geschickt. Wer will, der kann relativ viel Kontakt haben.

Gibt es eine weitere Frage, die Sie gerne gefragt worden wären?

Sind Sie nicht George Clooney?

Und die hat noch niemand gestellt?

Nein, das ist eine Sauerei. Ich finde gerade bei meiner frappanten Ähnlichkeit zu George Clooney hätte ich ein Recht darauf, gefragt zu werden.

* * *

Die Hörspiele aus dem Hörverlag:

Neu: Jan Weiler, Uwes letzte Chance, mit Jan Weiler und Annette Frier, 1 CD, der Hörverlag ab 15. Oktober 2010

Jan Weiler, Liebe Sabine, mit Jan Weiler und Annette Frier, 1 CD, der Hörverlag 2007

Jan Weiler, MS Romantik, mit Jan Weiler und Annette Frier, 1 CD, der Hörverlag 2009

Internet:

www.janweiler.de

www.hoerverlag.de

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