Tradition und Erneuerung: der Kulturpalast Dresden – Gute Bilanz der Bauarbeiten am Jahresende. Kaum zu glauben: planmäßiges Bauen ist noch möglich

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Berlin, Deutschland (Weltexpress). Der Umbau des Kulturpalastes Dresden macht große Fortschritte. 1969 eröffnet, brauchte das Gebäude eine Grundsanierung, denn technische Anlagen veralten. Zugleich sollte ein anderes Problem gelöst werden: die schlechte Akustik im großen Saal. Sowohl die im Kulturpalast ansässige Dresdner Philharmonie als auch die Staatskapelle Dresden und andere Gastorchester hatten damit Schwierigkeiten. Die Musiker konnten sich gegenseitig kaum hören. Deshalb wurde vom Dresdner Stadtrat 2012 beschlossen, den Kulturpalast im Inneren umzubauen.

Ein moderner Konzertsaal mit 1 800 Plätzen sollte eingebaut werden, dessen wichtigste Eigenschaft eine exzellente Akustik sein soll. Zusätzlich sollen ein Theatersaal für das Kabarett »Die Herkuleskeule«, die Städtische Bibliothek und das Besucherzentrum der Frauenkirche im Gebäude Platz finden. Damit kann der Palast intensiver genutzt werden. Äußerlich bleibt das Gebäude unverändert; es steht unter Denkmalschutz. 81,5 Millionen Euro stehen für den Umbau zur Verfügung. 
2012 wurde der Palast geschlossen, im August 2013 begannen die Bauarbeiten. Im September 2014 wurde der Grundstein des neuen Konzertsaals gelegt, am 29. Mai 2015 war Richtfest.
Die Stadtverwaltung und die mit dem Umbau beauftragte Kommunale Immobilien Dresden GmbH und Co. KG lassen es sich angelegen sein, die Dresdner Bevölkerung und die Presse regelmäßig vom Stand der Bauarbeiten zu informieren und, wenn es die Sicherheit erlaubt, sie auch hineinblicken zu lassen.

Im November konnte sich die Presse erneut vom Umfang und vom Fortschritt der Arbeiten überzeugen. »Wir sind im Endspurt. Mit Terminen und Kosten liegen wir im Plan», sagte Axel Walther, Chef der »Kommunale Immobilien Dresden», der Bauherr. Das bestätigt er auch heute. Im Saal wird betoniert und montiert, von einer provisorischen Zwischendecke in 16 Metern Höhe aus werden die Deckenelemente und die Tragepunkte für Beleuchtung und Tontechnik montiert. 

Was man nicht sehen kann, ist der eigentliche Zweck, ist das Wesen des neuen Konzertsaals, die Akustik. »Eine gute Akustik gehört zu den entscheidenden Bedingungen für die erfolgreiche Arbeit eines jeden Dirigenten», sagt der Chefdirigent der Dresdner Philharmonie, Michael Sanderling. Die entsteht nicht irgendwie, sondern durch Planung, Berechnung, Messungen und immer wieder Kontrolle, bis der Klang den Ansprüchen eines Spitzenorchesters genügt. Im entkernten »Baufenster« des alten Mehrzwecksaals entsteht nach der besten raumakustischen Saalgeometrie ein neuer Saal von 51 Metern Länge, 44 Metern Breite und 20 Metern Höhe mit 1785 Plätzen, ausgeführt als Weinbergstufensaal und gekrönt von einer Konzertorgel. Der Saal wird höher und schlanker. An jedem Platz soll sich der Hörer »von Musik umschlungen fühlen«, wie Margriet Lautenbach vom Akustikbüro Peutz/Holland erklärt. Das wichtigste ist die Bühnenakustik, damit  die Musiker und die Instrumentengruppen einander gut hören. Auf reinen, reichen Klang kommt es an. Lautsprecher und Scheinwerfer werden während der Konzerte aus dem Saal verbannt sein. Ebenfalls neu: Die Besucher können trockenen Fußes in den Palast  gelangen. Ein Tunnel von der Tiefgarage Altmarkt in den Palast ist im Rohbau fertig.
Wie der Palast als ganzes stehen viele Elemente der Innenarchitektur unter Denkmalschutz: Treppen, Decken, Wandbilder und anderes. Mit Hilfe eines Stukkateurs des ehemaligen VEB Baureparaturen Dresden wurden die Gussformen für die monolithische Gipsdecke wiedergefunden. Die Decken der Foyers werden nun originalgetreu wiederhergestellt.
Ein Treppenwitz im wahrsten Sinne des Wortes sind die Treppengeländer, die seit der Erbauung des Palastes 40 Jahre gehalten haben. Jetzt aber dürfen nach bundesdeutschem Baurecht die Abstände zwischen den eisernen Stäben statt 14 nur noch 12 Zentimeter betragen. Also für mindestens 500 000 Euro alle neu anfertigen! Walther hat sie im Etat. Wie viele Wohnplätze für Flüchtlinge könnte man damit schaffen?

Am 31. März 2017 soll der Saal fertig sein. Am 1. Mai 2017 wird der Kulturpalast mit einem Konzert der Dresdner Philharmonie eröffnet. In der Spielzeit 2017/18 wird das volle Programm laufen. Ein Bespielungskonzept und der Spielplan 2017/18 sind in Arbeit, erklärte die Intendantin der Dresdner Philharmonie, Frauke Roth. »Nun müssen wir langsam daran denken, den Sack zuzumachen. Die Zeit sitzt uns im Nacken.» Sanderling und sein Orchester können 100 Konzerte im Jahr spielen. Darüber hinaus aber gibt es eine große Unbekannte: Die Sächsische Staatskapelle Dresden. Ihre Vorbehalte sind nicht neu. Sie wollte ein neues Konzerthaus und ist misstrauisch, ob der neue Saal ihren Ansprüchen genügt. Wird die »Kapelle« im Saal spielen? Frau Roth äußert sich vorsichtig. Es gäbe Gespräche, aber es wäre Sache der Kapelle, sich zu entscheiden. Das ist wenig. Angesichts der langen Planungsfristen bei Opern und Orchestern müsste nun bald klar sein, was gespielt wird und von wem. Roth ist überzeugt, dass im neuen Saal glanzvolle  Orchester gastieren werden. Für gute Arbeitsbedingungen der Gäste werde der Palast bestens ausgestattet sein. Doch auch die Staatskapelle ist Dresden. Desto unverständlicher ist, dass zu solch wichtigen Präsentationen wie im November die »Kapelle« von der Stadt nicht eingeladen wird. Kaum vorstellbar, dass Musiker auf einen neuen Konzertsaal nicht neugierig sind. Die Verständigung  »oben« jedoch ist  noch ein Problem. An der ausgestreckten Hand Michael Sanderlings hat es nie gefehlt. Der Generalmusikdirektor der Staatsoper Christian Thielemann könnte endlich reagieren. Die Mitglieder beider Orchester haben sowieso ein gutes Verhältnis zueinander. Zeit für vertrauensbildende Maßnahmen.

Etwas völlig Neues für Dresden wird die Konzertorgel sein. Auch ihr Zustandekommen ist ein Kabinettstück für sich. Ihr Platz war immer reserviert – in den Plänen der Architekten von Gerkan, Marg und Partner für den Umbau des Kulturpalastes. Doch die Gesamtbaukosten waren den Stadträten zu hoch. So wurde der Bau der Orgel auf unbestimmte Zeit zurückgestellt, um den gesamten Umbau nicht zu gefährden.

Das ließ Lutz Kittelmann, dem Geschäftsführer des Fördervereins der Dresdner Philharmonie, keine Ruhe. 1,3 Millionen Euro kostet die Orgel. Ermutigt durch eine Spende der Familie des in Dresden geborenen jüdischen Unternehmers George Gerard Arnhold und ihrer Freunde in Höhe von 420 000 Euro, begann Kittelmann um Spenden zu werben. Wenn der Verein eine Million schaffte, versprach die Oberbürgermeisterin Helma Orosz (CDU), gäbe die Stadt 300 000 Euro hinzu. Ein Marathon begann. Die Schlußsteine setzten Benefizkonzerte der Dresdner Philharmonie am 8. Mai 2015 unter Michael Sanderling mit einem Reinerlös von 23 500 Euro und am 20. September unter Peter Schreier mit dem Requiem von W. A. Mozart in der überfüllten Kreuzkirche mit 56 000 Euro. Das kaum Glaubliche gelang. Heute sind 999 000 Euro beisammen. Die 300 000 Euro der Stadt sind überwiesen. 

Im Januar 2016 beginnt der Bau der Orgel mit ihren 60 Registern und 4 000 Pfeifen beim Orgelbau Eule in Bautzen. Er entfaltet eine Eigendynamik – jetzt setzt die Orgel die Termine. Wenn sie im Oktober fertig ist, muss sie in der Werkstatt demontiert und im Konzertsaal sofort eingebaut werden. In Walthers Plänen liegt der Termin später. »Wir finden eine Lösung,« sagt er. »Bei der Frauenkirche haben wir das auch hingekriegt.« Im März 2017 muss der Konzertsaal fertig sein. 17 Wochen lang wird dann die Orgel intoniert. Nach der Orgelweihe im September 2017 wird der Förderverein die Orgel der Stadt Dresden schenken. In der Saison 2017/2018 sind Orgelkonzerte eingeplant, verrät Kittelmann. »Für mich«, sagt Michael Sanderling im Gespräch mit dem Autor, »wird die Konzertorgel – die erste, die Dresden je hatte – durch authentische Aufführungsmöglichkeiten ein Meilenstein in der Entwicklung des Orchesters sein.«

Der erneuerte Kulturpalast hebt das Alte im Neuen auf. Auch das 30×10 Meter große Wandbild »Der Weg der roten Fahne« von Gerhard Bondzin an der Westfassade wird restauriert und als Zeitzeugnis bewahrt.

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