Stark wie der Tod – Gaza

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Zerstörungen im Gazastreifen (Archivbild).
Zerstörungen im Gazastreifen durch die IDF (Archivbild 2015), die nach eigenen Angaben moralischste Armee der Welt. Quelle: Pixabay

Tel Aviv, Israel (Weltexpress). Oh, Gaza. Stark wie der Tod ist die Liebe.

Ich mochte Gaza. Das ist ein Wortspiel. Im biblischen Lied der Lieder (8,6) heißt es: Liebe ist stark wie der Tod. Die feminine Form des hebräischen Wortes für „stark“ lautet asa. Asa ist auch der hebräische Name für Gaza.

Ich habe viele glückliche Stunden in Gaza verbracht. Ich hatte dort viele Freunde. Vom Linken Dr. Haidar Abd al-Shafi bis zum Islamisten Mahmoud az-Zahar, der jetzt Außenminister der Hamas ist.

Ich war dort, als Jasser Arafat, dessen Familie aus Gaza stammte, nach Hause kam. Sie setzten mich bei seinem Empfang an der Grenze in Rafah in die erste Reihe und noch am selben Abend empfing Arafat mich im Hotel am Strand von Gaza und wies mir bei der Pressekonferenz einen Platz an seiner Seite auf dem Podium an.

Überall im Gazastreifen begegneten mir die Menschen freundlich, in den Flüchtlingslagern ebenso wie in den Straßen von Gaza-Stadt. Überall sprachen wir über Frieden und über die Stellung Gazas im künftigen Staat Palästina.

Na gut, aber wie steht es mit der schrecklichen erz-terroristischen Organisation Hamas?

In den frühen 1990er Jahren schickte Ministerpräsident Jitzchak Rabin 415 bekannte Islamisten aus Gaza in den Libanon. Die Libanesen ließen sie jedoch nicht herein, deshalb vegetierten die Exilierten ein Jahr lang unter freiem Himmel an der Grenze dahin.

Wir protestierten gegen die Vertreibung und errichteten gegenüber dem Büro des Ministerpräsidenten in Jerusalem ein Zeltlager. Wir blieben dort 45 Tage und Nächte; an einigen Tagen schneite es. Im Lager waren Juden und Araber, darunter israelische arabische Islamisten. Die langen Tage und Nächte verbrachten wir mit politischen Gesprächen. Worüber? Natürlich über Frieden.

Die Islamisten waren freundliche Menschen. Sie begegneten meiner Frau Rachel mit äußerster Höflichkeit.

Als die Exilierten endlich nach Hause zurückkehren durften, wurde für sie im größten Saal in Gaza ein Empfang gegeben. Ich wurde gemeinsam mit einer Gruppe von Gefährten eingeladen. Man bat mich zu sprechen (natürlich auf Hebräisch) und danach war ich zu einem Festessen eingeladen.

Alles das erzähle ich, um die damalige Atmosphäre zu beschreiben. Bei allem, was ich in meiner Rede sagte, betonte ich, ich sei ein israelischer Patriot. Ich trat für Frieden zwischen zwei Staaten ein. Vor der Ersten Intifada (sie begann am 9. Dezember 1987) war Gaza kein Ort finsteren Hasses. Weit entfernt.

Massen von Arbeitern passierten jeden Morgen die Grenzübergänge, um in Israel zu arbeiten. Ebenso Händler, die ihre Waren in Israel verkauften, die auf dem Weg nach Jordanien durch Israel fuhren oder die ihre Waren in israelischen Häfen verschifften.

Wie is es uns – dem Staat Israel – also gelungen, Gaza zu dem zu machen, was es heute ist?

Im Sommer 2005 beschloss der damalige Ministerpräsident Ariel Scharon, alle Verbindungen zum Gazastreifen abzubrechen. „Arik“, der im Grunde seines Herzens Soldat war, entschied, dass die Kosten für die Besetzung des Gazastreifens höher seien als der Nutzen davon. Er zog Armee und Siedler aus dem Gazastreifen zurück und übergab ihn – ja, wem? Niemandem.

Warum niemandem? Warum nicht der PLO, die bereits die anerkannte palästinensische Behörde war? Warum nicht im Rahmen einer Vereinbarung? Weil Arik die Palästinenser, die PLO und Arafat hasste. Er wollte nichts mit ihnen zu tun haben. Also überließ er den Gazastreifen einfach sich selbst.

Aber die Natur hat eine Abneigung gegen das Leere. In Gaza entstand eine palästinensische Behörde. Demokratische Wahlen wurden abgehalten und die Hamas gewann sie in ganz Palästina. Die Hamas ist eine religiös-nationalistische Partei, die ursprünglich vom israelischen Geheimdienst (Schin Bet) gefördert wurde, damit sie die PLO untergrabe. Als die PLO die Wahlergebnisse nicht akzeptierte, übernahm die Hamas mit Gewalt die Macht in Gaza. So entstand die gegenwärtige Situation.

In all dieser Zeit hätten wir noch alles zum Guten wenden können.

Der Gazastreifen hätte zu einer blühenden Insel werden können. Optimisten sprachen von einem möglichen „zweiten Singapur“. Sie sprachen über einen Hafen von Gaza; die hereinkommenden Waren sollten entweder dort oder in einem neutralen Hafen im Ausland kontrolliert werden. Israel baute und nutzte einen Flughafen mit entsprechender Sicherheitskontrolle in Gaza und zerstörte ihn dann wieder.

Und was tat die israelische Regierung? Natürlich genau das Gegenteil.

Die Regierung unterwarf den Gazastreifen einer strengen Blockade. Alle Verbindungen zwischen dem Gazastreifen und der Außenwelt wurden abgeschnitten. Lebensmittel konnten nur durch Israel eingeführt werden. Israel erhöhte oder senkte nach Lust und Laune die Einfuhr von lebensnotwendigen Gütern. Die Affäre mit dem türkischen Schiff Mavi Marmara, das nahe dem Strand von Gaza blutig gestürmt wurde, verdeutlichte die vollkommene Isolation.

Die Bevölkerung in Gaza ist nun auf etwa zwei Millionen angewachsen. Die meisten sind Flüchtlinge aus Israel, die im Krieg von 1948 vertrieben wurden, und ihre Nachkommen. Ich kann nicht sagen, dass ich an der Vertreibung unschuldig war: Meine Armee-Einheit kämpfte im Süden Palästinas. Ich habe gesehen, was geschah. Ich habe darüber geschrieben.

Die Blockade zog einen magischen Kreis. Hamas und die kleineren (und extremeren) Organisationen führten Widerstandshandlungen (oder „Terrorakte“) aus. Als Reaktion verschärfte die israelische Regierung die Blockade. Die Bewohner von Gaza reagierten mit weiteren Gewaltakten. Die Blockade wurde schlimmer. Und so weiter bis zu den Ereignissen dieser Woche und diese eingeschlossen.

Wie steht es mit der Südgrenze des Gazastreifens? Ägypten kooperiert bizarrerweise bei der Blockade durch Israel. Und nicht allein wegen der gegenseitigen Sympathie zwischen dem ägyptischen Militärdiktator Abd al-Fatah as-Sisi und den Machthabern Israels. Es gibt auch politische Gründe: Das Regime as-Sisi hasst die verbotene Opposition im Inland, die Moslembrüder, und betrachtet sie als die Mutterorganisation der Hamas.

Auch die PLO-Regierung im Westjordanland arbeitet mit der Blockade durch Israel gegen die Hamas zusammen. Die Hamas ist der Hauptkonkurrent der PLO innerhalb des palästinensischen politischen Rahmens.

Darum ist der Gazastreifen fast vollkommen isoliert und hat kaum Freunde. Die einzigen Freunde sind ein paar Idealisten in aller Welt, die viel zu schwach sind, um etwas zu bewirken. Und natürlich die Hisbollah und der Iran.

Jetzt herrscht eine Art Gleichgewicht. Die Organisationen in Gaza führen Gewaltakte aus, die dem Staat Israel allerdings keinen wirklichen Schaden tun. Die israelische Armee hat keine Lust, den Gazastreifen wieder zu besetzen. Und dann haben die Palästinenser eine neue Waffe entdeckt: den gewaltfreien Widerstand.

Vor vielen Jahren kam ein arabisch-amerikanischer Aktivist und Schüler Martin Luther Kings nach Palästina, um diese Methode zu predigen. Er fand keine Abnehmer und kehrte in die USA zurück. Dann zu Beginn der Zweiten Intifada setzten die Palästinenser die Methode versuchsweise ein. Die israelische Armee antwortete mit Beschuss. Die Welt sah ein Bild, auf dem ein kleiner Junge in den Armen seines Vaters erschossen wurde. Die Armee wies die Verantwortung zurück, wie sie es immer tut. Der gewaltfreie Widerstand starb mit dem Jungen. Die Intifada forderte viele Opfer.

Die Wahrheit ist, dass die israelische Armee keine Antwort auf den gewaltfreien Widerstand hat. In solchen Kampagnen haben die Palästinenser alle Karten in der Hand. Die öffentliche Meinung in der Welt verurteilt Israel und lobt die Palästinenser. Also antwortet die Armee mit Beschuss, um die Palästinenser dazu zu bringen, mit Gewalt zu reagieren. Damit kann die Armee umgehen.

Gewaltfreier Widerstand ist eine sehr schwierige Methode. Sie erfordert enorme Willenskraft, strenge Selbstbeherrschung und moralische Überlegenheit. Derartige Eigenschaften sind in der indischen Kultur zu finden, die Gandhi hervorbrachte, und in der Gemeinde der Schwarzamerikaner um Martin Luther King. In der muslimischen Welt gibt es eine solche Tradition nicht.

Darum ist es doppelt erstaunlich, dass die Demonstranten an der Grenze zu Gaza diese Kraft in ihren Herzen fanden. Die Ereignisse des Schwarzen Montags, des 14. Mais, überraschten die Welt. Massen unbewaffneter Menschen: Männer, Frauen und Kinder, hielten den israelischen Scharfschützen stand. Sie zogen keine Waffen. Sie „stürmten den Zaun“ nicht. Das war eine Lüge, die der riesige israelische Propagandaapparat verbreitete. Sie standen da, setzten sich den Scharfschützen aus und wurden getötet.

Die israelische Armee ist überzeugt, dass die Bewohner von Gaza die Prüfung nicht bestehen werden, dass sie zu sinnlosen Gewalttaten zurückkehren werden. Am letzten Dienstag schien sich diese Einschätzung als richtig zu erweisen. Eine der Organisationen in Gaza führte eine „Racheaktion“ durch und schoss mehr als hundert Raketen auf Israel ab, die allerdings keinen wirklichen Schaden anrichteten. Es war eine sinnlose Geste. Gewaltaktionen haben keine Chance, Israel zu verletzen. Sie versehen nur die israelische Propaganda mit neuer Munition.

Wenn man an gewaltfreien Kampf denkt, sollte man sich an Amritsar erinnern. Das ist der Name der indischen Stadt, in der im April 1919 Soldaten unter britischem Kommando zehn Minuten lang das mörderische Feuer auf indische gewaltfreie Demonstranten richteten. Dabei töteten sie wenigstens 379 Menschen und verletzten etwa 1200. Der Name des Kommandierenden Colonel Reginald Dyer ging zu seiner ewigen Schande in die Geschichte ein. Die britische Öffentlichkeit war schockiert. Viele Historiker glauben, das sei der Anfang vom Ende der britischen Herrschaft in Indien gewesen.

„Der schwarze Montag“ an der Grenze zu Gaza weckt Erinnerungen an dieses Ereignis.

Wie wird das enden?

Die Hamas hat eine Hudna für 40 Jahre angeboten. Eine Hudna ist ein heiliger Waffenstillstand, den kein Moslem brechen darf.

Ich habe schon über die Kreuzfahrer geschrieben, die sich fast 200 Jahre lang (also länger als wir bisher) in Palästina gehalten haben. Sie schlossen einige Hudnas mit den ihnen feindlichen muslimischen Staaten in ihrer Umgebung. Die Araber hielten sich streng daran.

Die Frage ist: Kann die israelische Regierung eine Hudna annehmen? Würde sie das wagen, nachdem sie die Massen ihrer Anhänger aufgestachelt und ihnen tödlichem Hass gegen die Menschen in Gaza im Allgemeinen und die Hamas im Besonderen eingeimpft hat?

Wenn die Bewohner des Gazastreifens erstickt werden, keine Medizin bekommen und ihnen Nahrungsmittel, Trinkwasser und Elektrizität fehlen, wird unsere Regierung dann nicht der Illusion auf den Leim gehen zu glauben, dass die Hamas schließlich zusammenbrechen werde?

Natürlich wird das nicht geschehen. Wie wir in unserer Jugend sangen: „Kein Volk wird die Schützengräben seines Lebens aufgeben!“

In Jahrhunderten haben die Juden selbst bewiesen: Es gibt keine Grenze für das, was ein Volk erdulden kann, wenn seine bloße Existenz auf dem Spiel steht.

Das kann uns die Geschichte lehren.

Mein Herz ist bei den Menschen in Gaza.

Ich möchte sie in meinem eigenen und dem Namen meines Landes Israel um Verzeihung bitten.

Ich sehne mich nach dem Tag, an dem sich alles ändert, dem Tag, an dem eine weisere Regierung einer Hudna zustimmt, die Grenze öffnet und den Menschen von Gaza ermöglicht, in die Welt zurückzukehren.

Auch jetzt liebe ich Gaza mit der Liebe, von der die Bibel sagt, sie sei stark wie der Tod.

Anmerkungen:

Vorstehender Beitrag von Uri Avnery wurde aus dem Englischen von Ingrid von Heiseler übersetzt. Unter uri-avnery.de erfolgte am 31.5.2018 die Erstveröffentlichung unter dem Titel „Stark wie der Tod“. Alle Rechte beim Autor.

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