Schulterschluss in Wolfsburg: Dichter Ernesto Cardenal erhält Preis für sein Lebenswerk – „Ein Leben für Nicaragua“

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Ernesto Cardenal - Ein Leben für Nicaragua
Wolfsburg, Niedersachsen, Deutschland (Weltexpress). Ernesto Cardenal kommt nach Wolfsburg. Am Freitag, den 13. März wird er höchstpersönlich einen Preis für sein Lebenswerk entgegennehmen und über den geplanten Kanalbau berichten. Die Mexikanisch-Deutsche Gesellschaft Wolfsburg und das Bündnis „Schulterschluss“ der Wolfsburger Demokraten veranstalten eine zweisprachig deutschspanische Lesung-cum-Konzert. Oberbürgermeister Klaus Mohrs wird den Preis überreichen. Ein Duo der Musikgruppe „Grupo Sal“ – Aní­bal Civilotti und Fernando Dias Costa – sorgen für die musikalische Umrahmung.

Der Preis des „Schulterschlusses“ wird erstmals vergeben und ist mit 5000 Euro dotiert.

Im Bündnis „Schulterschluss“ sind die Stadt Wolfsburg, die IG Metall, der evangelische Kirchenkreis und das Katholische Dekanat vertreten.

Ernesto Cardenal, der Dichter, Revolutionär und Priester aus Nicaragua wird selbst auf spanisch – in der Originalsprache – Texte aus sieben Jahrzehnten lesen. Sprecher des deutschen Textes ist Lutz Kliche.

Die „Grupo Sal“ bezieht bereits seit 1982 Stellung zu entwicklungs- und umweltpolitischen Themen, wie der Kanalbau eines ist. Neben Dias Costa ist der Chilene Roberto Deimel Gründungsmitglied. Komplett wäre die sechsköpfige Formation mit dem Querflötisten Cesar Villafane, wie Civilotti Argentinier, und den zwei Deutschen Harald Schneider (Saxophon, Klarinette) und Kurt Holzkämper (Kontrabass). Am 13. 3. sollen die Percussion und Stimmen zweier Bandmitglieder erklingen, Civilotti spielt auch Gitarre.

Ernesto Cardenal Martí­nez, so sein vollständiger Name, wird über den Bau eines Kanals zwischen den Ozeanen Atlantik und Pazifik informieren. Ein zweiter Panamakanal. Der geplante Bau ist eine massive Bedrohung für Natur und Umwelt, unter anderem des einzigartigen Ökosystems des Nicaraguasees, in dem die Inselgruppe liegt, die mit Cardenals Leben eng verbunden ist. Der Abend steht unter dem Titel: „Ein Leben für Nicaragua! – Solentiname soll leben“.

Mitte der sechziger Jahre gründete Cardenal zusammen mit dem Schriftsteller William Agudelo eine nach urchristlichen Vorstellungen ausgerichtete Kommune auf der Insel Mancarron. Sie ist Teil der Solentiname-Gruppe des Großen Sees von Nicaragua.

Der Name Solentiname geht wohl auf ein Nahuatl-Wort zurück. Der im Süden Nicaraguas nahe der Grenze zu Costa Rica gelegene Archipel umfasst 36 Inseln, auf den Papageien und Tukane leben, teilweise auch Hirsche. Mancarrón ist die Hauptinsel, die an der breitesten Stelle vielleicht 6 Kilometer misst. Alle Inseln zusammen haben nur etwa eintausend Einwohner.

Cardenals Geburtsort Granada wurde im 16. Jahrhundert gegründet und liegt am Nordufer des Nicaraguasees. Heute ist es fast ein Großstadt und Nicaraguas fünftgrößte Siedlung.

Der riesige See prägt zusammen mit dem kleineren Managuasee die Geographie des Landes. Er bedeckt 8157 Quadratkilometer und ist damit der größte See Mittelamerikas. Er speist den Grenzfluss zu Costa Rica, den Rio San Juan, der in das Karibische Meer mündet. 400 Inseln gibt es in dem durchschnittlich ein Dutzend Meter tiefen See, die größten sind Ometepe und Zapatera, die nicht zu den Solentinameinseln gehören.

Die Ausmaße sind riesig, und es gibt viele Besonderheiten. All das wäre durch den Kanalbau bedroht. Auf der Isla de Ometepe leben 30.000 Menschen, sie ist die größte vulkanische Insel in einem Süßwassersee weltweit. Eine Doppelspitze gibt der Insel vom Wasser aus das Gesicht: Die Vulkane Concepción (1610 Meter) und Maderas. Hier findet man sowohl schwarzem Sand aus Vulkangestein als auch Sandstrände, wie sie für die Karibik typisch sind. Es gibt eine Baumart, die nur auf dieser Insel zu finden ist. Auf der zweitgrößten Insel im See, Zapatera mit 52 Quadratkilometern, leben nur 500-600 Menschen. Es sind Chorotega, die bis vor hundert Jahren die gleichnamige ausgestorbene Sprache beherrschten. 

Der Nicaraguasee ist als Binnensee ein Süßgewässer. Wenn er mit dem Stillen Ozean verbunden würde, könnte das unabsehbare Folgen für die Natur haben. Vier Städte liegen am Ufer. Östlich des Sees, am Atlantik, liegt eine Regenwaldregion, auch als Miskitoküste bekannt. Noch liegt des See 31 Meter über dem Meeresspiegel, er ist maximal 45 Meter tief. Aus Kostengründen würde man den Kanal nicht ausschließlich über Land ausheben, sondern die vorhandenen Gewässer ausnutzen. So geschah es auch am Panamakanal und am Sueskanal (Bitterseen). Was für Handel und Wirtschaft gut ist und in diesem Fall strategische Bedeutung hat, bleibt wohl nicht ohne Folgen für die Umwelt. Schon beim Toten Meer, das immerhin salzig ist, hat man Bedenken, es mit Wasser aus dem Roten Meer zu befüllen.

Das ganze Land ist etwa 130.000 Quadratkilometer groß. In den Nicaraguasee, auch Cocibolca genannt, würden Berlin und Malta, Guadeloupe und Martinique auch noch bequem hineinpassen – ohne das eine der schon vorhandenen 400 Inseln weichen müsste! Ometepe ist mit 270 Quadratkilometern größer als Malta (246). Wenn hier eine Umweltkatastrophe stattfinden würde, dann wäre es eine große.

Das Gesetz, das die Grundlage für das Kanalprojekt bildet, soll an einem Tag durchgepeitscht worden sein. Anschließend wurde in Windeseile die Konzession an einen Chinesen vergeben. Kritisiert wird auch die Machtfülle der Regierungsspitze, die solches Vorgehen ermöglicht.
„Mit Liebe füllen diesen blauen Planeten“

Von Ernesto Cardenal erschienen viele Bücher auch auf deutsch, so 1967 „Zerschneide den Stacheldraht. Südamerikanische Psalmen“, in den 70ern „Das Buch von der Liebe“, „Gebet für Marilyn Monroe und andere Gedichte“ und das zweibändige „Evangelium der Bauern von Solentiname“. „Meditation und Widerstand“, so ein weiterer Buchtitel aus dieser Zeit, war und ist sein Programm, sein Alltag, so kennt man ihn als Vorbild. In den 80ern zogen „Wolken aus Gold“ auf, „ – Für die Indianer Amerikas“, 1998 hie0 es poetisch „Mit Liebe füllen diesen blauen Planeten“. Im gleichen Jahr erschienen seine Memoiren an ein „Verlorenes Leben“, die nach der Jahrtausendwende fortgesetzt wurden mit Erinnerungen an „Die Jahre in Solentiname“ und „Im Herzen der Revolution“.

Wer kann sich nicht an „Under Fire“ mit Nick Nolte als Fotoreporter Russell Price, Joanna Cassidy und Gene Hackman erinnern. Der Spielfilm spielt hauptsächlich im Nicaragua des Sommers 1979, während der Revolution der Sandinisten bzw. Sandinistas gegen den von den USA gestützen Diktator Somoza. 
Ernesto Cardenal, der in Mexiko Philosophie und Literaturwissenschaft studierte, kann ein Lied von der Revolution singen. Durch sie war er acht Jahre lang, bis 1987, Kulturminister. Er ist einer der bedeutendsten Vertreter der Befreiungstheologie und der vielleicht größte Dichter Nicaraguas.

Auf jeden Fall ist er der größte lebende Dichter des Landes. 2016 wird Ruben Darios 100. Todestag gefeiert. Der 1925 geborene Ernesto Cardenal ist am 20. Januar 90 geworden. Die beiden Landsleute wandelten nie gleichzeitig auf Erden.

Der Preis für sein Lebenswerk ist hochverdient. Wer sich einen Überblick verschaffen will, dem sei der vor fünf Jahren in Wuppertal erschienene, von Juliane Steinbach illustrierte Gedichtband „Wieder kommst du zu mir wie Musik“ empfohlen. Der schöne, in der Slowakei gedruckte Halbleinenband versammelt Lyrik aus den allesamt vergriffenen Titeln „In der Nacht leuchten die Wörter“ (1979), „Wir sehen schon die Lichter“, „Wolken aus Gold“, „Teleskop in dunkler Nacht“ und „Den Himmel berühren“.
Einlass zu der Veranstaltung in der Wolfsburger Christuskirche ist ab 18.30 Uhr, Beginn: 19 Uhr. Karten (10 € bzw. 8 € ermäßigt) gibt es an der Abendkasse. Reservierung per E-Mail ist möglich: Sup.Wolfsburg-Wittingen@evlka.de
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