Revolutionäre Musik in Afrika

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Fela
Berlin (Weltexpress) - Der Titel ist aus journalistischen Gründen gewählt und eigentlich irreführend. Er bietet aber eine gute Möglichkeit, eingangs ein verbreitetes Missverständnis aufzuklären. Es gibt überhaupt keine im politischen Sinn revolutionäre Musik – weder in Afrika noch sonstwo. Soweit die Formenwelt der Musik gemeint ist, kann “revolutionär” nur den Bruch mit tradierter musikalischer Formenwelt und Ästhetik bedeuten,und das kann wie beispielsweise die sehr unterschiedlichen Positionen der Vertreter des Futurismus im zweiten und dritten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts deutlich gemacht haben für gegensätzliche politische Ziele genutzt werden oder besser mit solchen verbunden werden. “Revolutionär” sind höchstens die Texte zur Musik.

In dieser Hinsicht ist Ekkehard Jost zuzustimmen, der in seiner “Sozialgeschichte des Jazz” (Frankfurt/M. 2003) im Kapitel “Jazz und Politik” einerseits auf die empörte Reaktion eines Teils der Öffentlichkeit auf manche “revolutionären” Titel mancher Jazzkompositionen schwarzer Musiker wie Charles Mingus. Max Roach oder Archie Shepp hinweist, dann aber deutlich macht, dass die Beziehungen zwischen Titel und Musik nicht selten völlig beliebig waren. Er betont, dass im Gegensatz zu Literatur und bildender Kunst – zumindest in ihren traditionellen Erscheinungsformen – die von der Musik getragenen Bedeutungsgehalte ja prinzipiell ungegenständlich seien: Sie wiesen nicht über sich selbst hinaus, vermittelten nicht das Bild einer dinghaften Realität und vermöchten allein aus sich heraus gesellschaftliche Realität weder zu loben noch zu kritisieren. Dass etwa Leo Trotzki umfassend zur Literatur schrieb aber die Musik ignorierte, hat genau damit zu tun.

Das Alles ist in Afrika nicht anders, aber hier – gemeint ist insbesondere “Schwarzafrika” – sind Musik und der mit ihrverbundene Tanz zusammen mit der Bildhauerei/Holzschnitzerei die einzigen überall verbreiteten tradierten Kunstarten. Die Musik stand damit in den fast ausnahmslos illiteralen Gesellschaften im Zentrum auch für den Transport von konkreten Inhalten. In religiösen Kulten wie dem Voudou in Dahomey (heute Benin) werden durch das Schlagen bestimmter Trommeln und Rhythmen bestimmte Götter an- und in die Mitglieder des Kultes hineingerufen. Anderenortes werden Botschaften durch Trommeln auf größere Entfernungen übersandt, und vorallem in staatlich organisierten Gesellschaften werden dynastische Epen und andere Arten von letztlich politischen Botschaften von spezialisierten “Barden” (im Kulturbereich der Mande in Westafrika unter dem Namen `Griots’ bekannt) meist mit konservativerZielsetzung zur Musik z.B. der Kora (Harfe mit Kalebassenklangkörper) vorgetragen.

Angesichts dessen, dass bis heute der Analphabetismus in Afrika grassiert, ist es offensichtlich, dass hier die über Musik transportierte kognitive Botschaft eine wesentlich größere soziale Bedeutung hat als etwa im heutigen Europa und dass zumal angesichts der unvergleich katastrophaleren sozialen und politischen Zustände in diesem Elendsgürtel der Welt Künstler mit sozialer und politischer Botschaft eine wesentlich größere Popularität genießen können.

Natürlich wollen auch in Afrika die Menschen in erster Linie keine politischen Botschaften hörten, sondern tanzen und in Hinblick auf ihre “privaten” emotionalen Bedürfnisse angesprochen werden. Aber die Musik, oder besser die Lieder, und ihre Interpreten, die sich (auch) offen gegen soziale und politische Missstände wenden, können viel leichter als in Europa aus einem subkulturellen Ghetto ausbrechen, und sie tun es, indem sie sich in unterschiedlicher Mischung weit bekannter Formen aus den lokalen und den verschiedenen afro-amerikanischen Musikkulturen bedienen.

In den beiden Jahrzehnten nach der Unabhängigkeit der meisten afrikanischen Staaten haben insbesondere antiimperialistische populistische Regime Sänger genutzt, um den antikolonialen Kampf der Vergangenheit und den von ihnen zumindest verbal vertretenen Panafrikanismus der Gegenwart zu glorifizieren und propagieren. So genoss etwa in Guinea der aus einer Griot-Familie stammende Kouaté Sory Kandia die Förderung von Staatspräsident Sékou Touré,dessen Partei PDG er, sich mit der Kora begleitend, auch ebenso besang wie die antikolonialen Taten von El Hadj Omar, mit dem Sékou Touré weitläufig verwandt war, im 19. Jahrhundert. Nachdem die großen “Väter der Nation” gestürzt waren und eher zumindest einen schalen Beigeschmack hinterlassen hatten, war es mit der regimebejahenden Musik weitgehend ebenso aus wie mit dem “Antiimperialismus” afrikanischer Führer. Seitdem ist eine wachsende Zahl afrikanischer Musiker eher ins oppositionelle Lager abgewandert und musste sich dabei damit abfinden, ein gefährliches Leben zu führen.

Der wohl bekannteste “revolutionäre” Musiker Afrikas ist wohl nach wie vor der verstorbene Fela `Anikulapo’ Kuti. Fela, der zunächst in Nigeria eine High Life-Band geführt hatte, hatte sich nach seiner Rückkehr von einer Konzerttournée in den USA musikalisch beeinflusst von Soul und Funk und ideologisch von den `Black Panthers’ inden 70er Jahren unter dem Militärregime zu einem oppositionellen Volkshelden und Schöpfer (zusammen insbesondre mit dem Drummer Tony Allen) eines neuen Stils, des `Afro Beat’, entwickelt. In seinen auf Pidgin English, der plebeischen Lingua Franca Nigerias und anderer ehemaligen britischen Kolonien Westafrikas,  gesungenen Songs griff er ganz offen die Militärmachthaber, aber auch die hinter diesen stehenden multinationalen Konzerne, so in dem 1980 veröffentlichten Stück “ITT 2”, an. Sein “unabhängiges Kulturzentrum” Kalakuta vor den Toren von Lagos, wo er mit einer Anzahl Frauen, Kindern, den Musikern seiner Bigband und weiteren Anhängern residierte, wurde schließlich 1977 vom Militär auf brutalste Weise geschleift. Er selbst starb später an Aids. Seine Musik hat etwa seit 2008 auch außerhalb Afrikas erneut wachsendes Interesse gefunden.

Die malische Sängerin Oumou Sangaré, die 1989 mit ihrem ersten Album `Mousoulou’ (Frauen) gegen Polygamie und Mädchenbeschneidung ansang und damals eine Vielzahl gefährlicher Drohungen von reaktionären Kräften erhielt, wurde, da sie sich andersrseits politischer Angriffe auf die Machthaber enthielt, 2003 zur Botschafterin der Weltewrnährungsorganisation der UN ernannt. Im Zusammenhang mit ihrem Anfang des Jahres erschienenen neuen Album `Seya’(Lebensfreude) erklärte sie “Die Botschaft wird immer in meiner Musik an erster Stelle stehen”.

Die Botschaft nimmt naturgemäß auch bei vielen Musikern derjüngeren Generation, die sich afrikanischer Formen des Hop Hop verschrieben haben, eine wichtige Stelle ein. So heißt es beispielsweise im Song “Nyel’aka”(Help!) des Duos “Coal City’s Finest” aus Enugu und Südost-Nigeria:
“Who’s responsible for bomb blasts, the masses react
Against the leadership, with false promises of scholarships
Better road networks, clinics in rural areas
No power policies just paper work and mad embezzlement of oil proceeds Lets proceed in judging these thieves”¦”

In einer ebenso sozialen und sich selbst teilweise als revolutionär verstehenden Tradition stehen viele afrikanische Raggae Künstler. Inder Elfenbeinküste, obwohl eine ehemalige französische Kolonie, istder Reggae seit Alpha Blondy , seit den 80er Jahren die lokale Ausgabe von Bob Marley, extrem populär. Ein neuerer Vertreter des Genres, der Sänger Kajun wies darauf hin: “Aber hier spielte man als die Armee die Macht übernahm. (im Radio) Raggae, weil in unserem Land der Reggae als die Musik des Wandels bekannt ist, die Musik des Kampfes.” Während des inzwischen eingestellten Bürgerkriegs im Lande fand allerdings auch eine Art Musikerkrieg zwischen Raggae-Musikern, die Stattspräsident Gbagbo unterstützten und solchen, die es mit seinen Gegnern im Norden hielten, statt. Der zusammen mit Alphy Blondy wohl bekannteste afrikanische Raggae-Künstler war Südafrikas Lucky Dube. Während Südafrikas bekannteste Sängerin Miriam Makeba ihren politischen Kampf gegen die Apartheid, d.h. die rassistische Unterdrückung der scharzen Mehrheitdes Landes führte, widmete sich der erst 1964 geborene Lucky Dube sich vorallem nach Ende des Apartheidregimes vorallem auch den fortbestehenden und sich zum Teil verschärfenden sozialen Problemen der neuen Gesellschaft mit Titeln wie “Crime&Corruption”, “Slave” oder “Prisoner”. Er selbst wurde am 19.10.2007 Opfer von Straßenräubern, eines der wachsenden Probleme des Nach-Apartheidstaates.

Der neben Fela möglicherweise bekannteste afrikanische Sänger, der unmittelbar Opfer staatlicher Willkür wurde, ist aber Lapiru de Mbanga, der im `Makossa’ Stil singt, einem der überall in Afrika verbreiteten kongolesischen Tanzmusik verwandten Stil. Er wurde im September 2008 in Kamerun zu drei Jahres Haft verurteilt, weil er sich angeblich an Demonstrationen gegen das Ansinnen von Präsident Paul Biya, sich durch eine Verfassungsänderung nach 25 Jahren von Korruption und Krise geprägten Herrschaft eine weitere Amts- und Pfründezeit zu gönnen, beteiligt hatte. Er leugnet das. Aber er steht an der Spitze der im ganzen Land bekannten Künstler, die sich als “Krieger gegen die Korruption” betätigen. Nach den viertägigen gewaltsamenDemonstrationen vom Februar hat nun also das Schicksal einer ganzen Reihe von Journalisten nun auch bis dahin durch ihre Popularität geschützte Sänger ereilt.

Die Tatsache, dass Sänger mit derartigen Botschaften, deren Auftreten und Musik ansonsten nichts Subkulturelles an sich haben, wie das oft im Westen für “revolutionäre” Künstler typisch ist, derart zu Publikumslieblingen – hier vielleicht vergleichbar mit Grönemeyer, Heino oder Udo Jürgens – geworden sind – nicht nur in den erwähnten Ländern, sondern fast überall in Afrika -, zeigt die Isolation der herrschenden Klasse, die sich immer mehr auf die bewährte Kombination von Repression und fehlender politisch organisierter Alternarnative stützt. Das Fehlen der politischen Alternative allerdings schlägt sich auch in den Liedern der genannten und vieler weiteren ähnlichen Künstlern nieder. Ihr Horizont ist in unterschiedlicher Mischung einer des bürgerlichen Demokratismus, eines afrikanischen Nationalismus und Antiimperialismus. Eine bewusste Orientierung auf Klassenkampf ist wenn überhaupt nur überaus indirekt auszumachen.

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