Magritte ist keine Pfeife! – Die Schirn Kunsthalle Frankfurt widmet dem großen belgischen Surrealisten vom 10. Februar bis 5. Juni 2017 eine umfassende Einzelausstellung, die sein Verhältnis zur Philosophie seiner Zeit abbildet

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MAGRITTE. DER VERRAT DER BILDER, Ausstellungsansicht. © Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2017, Foto: Norbert Miguletz

Frankfurt am Main, Deutschland (Weltexpress). Ein gerne herangezogenes Schlüsselbild aus dem Werk von Magritte zeigt eine Tabakspfeife mit der Unterschrift, dass diese keine Pfeife sei. Abgesehen davon, dass dies keineswegs surreal sei, sondern nur auf die Differenz von tatsächlichem Gegenstand und bildlicher Repräsentanz verweist (wie Magritte in einem Wandtext selbst zitiert wird), hat dieses Werk offensichtlich eine Sogwirkung: Wer einen Katalog zur Ausstellung erwirbt, kann diesen in einer Papiertüte mit Pfeifenbild und der Aufschrift „Dies ist keine Tüte“ nach Hause tragen und am Eröffnungsabend konnte man das Produkt einer regionalen Apfelweinkelterei mit der Flaschenaufschrift „Dies ist kein Äppler“ (glücklicherweise ohne Pfeifenbild) erwerben.

Aber genug des platten Missbrauchs. Die Ausstellung, zuvor in Paris im Centre Pompidou schon ein Publikumserfolg, vereint rund 70 Arbeiten, darunter zahlreiche Meisterwerke aus bedeutenden internationalen Museen, öffentlichen und privaten Sammlungen, u. a. dem Musee Magritte in Brüssel, dem Kunstmuseum Bern, dem Dallas Museum of Art, dem Metropolitan Museum of Art in New York und anderen mehr, um eines deutlich zu machen: Magritte verfolgt über die Jahre hinweg das Ziel, den erkenntnistheoretischen Beitrag der Malerei gegenüber dem Text, den Begriffen, zu belegen und zu verteidigen. Wie Didier Ottinger, Kurator der Ausstellung, betont: „Über Jahrhunderte galt eine durch die Philosophie hermetisch abgeriegelte Hierarchie, die die Musiker und Dichter über die Maler, die Worte meilenweit über die Bilder stellte. Von Platon bis Hegel setzten die Philosophen die Malerei mit einer Verwirrung der Sinne gleich und erklärten die Poesie zum vollkommenen Mittler des Geistes“. Rene Magritte hat sich mit dem Ausdruck „dumm wie ein Maler“, auf den sich auch die mit ihm befreundeten Pariser Surrealisten beriefen, nicht abgefunden. Deshalb beschränkte sich Magritte nicht nur auf die Produktion von Bildern, sondern suchte immer wieder die Kommunikation mit den Philosophen seiner Zeit, fand aber erst bei Michel Foucault in den 1970er Jahren die gesuchte Anerkennung.

Seine Werke geben Impulse, denn sie sind geprägt von Widersprüchlichkeiten und Paradoxien, sowohl innerhalb des Abgebildeten, wie auch zwischen Bild und Titel. Zuweilen gibt es gar kein Bild sondern nur Worte auf der Leinwand. Frappierend auch, wenn er z.B. ein auf einer Staffelei in einer Landschaft stehendes Bild mit genau dem Anblick ausstattet, der sich ergäbe, wenn dieses Bild nicht dort stünde: Landschaft (Realität?) und Abbild trennt nur der kaum sichtbare Rand der Leinwand in der Leinwand.

Die Schirn präsentiert Magrittes meisterhafte Bilderrätsel der 1920er- bis 1960er-Jahre, wie etwa das emblematische Selbstbildnis La Lampe philosophique (Die philosophische Lampe) (1936), La Condition Humaine (So lebt der Mensch) (1948), Les Memoires d’un Saint (Die Erinnerungen eines Heiligen) (1960), Le Beau Monde (Schöne Welt) (1962) oder L’Heureux Donateur (Der glückliche Stifter) (1966). Es ist die erste große Einzelausstellung Magrittes in Deutschland seit 20 Jahren.

„Magritte. Der Verrat der Bilder‘. Eine Ausstellung organisiert von dem Centre Pompidou, Musee national d’art moderne, Paris, in Kooperation mit der Schirn Kunsthalle Frankfurt. Die Ausstellung geht noch bis zum 5. Juni 2017. Es gibt neben dem schon erwähnten Katalog (208 Seiten, 157 farbige Abbildungen, Prestel Verlag, München, London, New York, 2017, 35€) in guter Schirn-Tradition wieder ein Digitorial (www.schirn.de/digitorial) und ein Begleitheft (7,50€, im Klassensatz für nur 1€).

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