Livestreams von der Handball-WM in Frankreich – Neuer Trend oder Notlösung?

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Livestream von der Handball-WM in Frankreich Dank DKB Bank. Quelle DKB AG, Web: https://handball.dkb.de, Screenshot 2017-01-22

Berlin, Deutschland; Paris, Frankreich (Weltexpress). Das liest sich erfreulich: Mehr als 700.000 Interessierte klickten sich auf der Homepage der DKB Bank für den Livestream von der Handball-WM in Frankreich ein. Die Deutschen gewannen ihr letztes Gruppenspiel vor dem Achtelfinale gegen den Angstgegner Kroatien 28:21. Vorher hatten das beim Erfolg über Weißrussland mehr als 600.000 Fans getan. Der Schnitt der Internetkundschaft lag vor der Kroatienpartie bei 550.000.

Das ist durchaus beachtlich, ber nicht vergleichbar mit der Resonanz auf die öffentlich-rechtlichen Anstalt ARD und ZDF. Da waren es vormals rund zehn Mal mehr Zuschauer gewesen. Und mit der jetzigen Mannschaft – erfolgreich, kämpferisch, sympathisch – wäre ein Mehr in allen Bereichen der öffentlichen Wahrnehmung, inklusive bei Sponsoren, logisch.
Deshalb darf man von einer verpassten Chance reden, wenn diese Handball-WM aus deutscher Sicht mit dem in letzter Minute zustanden gekommene Internet-Livestream leben muss. Das ist einer Notlösung.

Ausgangspunkt dafür war die Vergabe der TV-Rechte für die Rekordsumme von 80 Millionen Euro durch den Welthandball-Verband an die katarische TV-Rechtefirma BeIN-Sports, 2003 als als Al Jazeera Sport gegründet. BeIn Sports ist ein Sportkanal mit Sitz in Doha.

ARD und ZDF hatten mitgeboten, neben einem halben Dutzend Privatsender oder Rechtehändler. Wie hoch das deutsche Angebot war, wurde nicht öffentlich. BeIN Sports geht es nicht um darum, Sportarten eine möglichst große Bühne zu bieten. Nach Beispiel der Hedgefonds wird in Heuschreckenmanier das Produkt – in diesem Falle Sportrechte – separiert und möglichst profitabel auf dem Markt verhökert werden.

Als es nach der Erstvergabe um Sublizenzen ging, forderten die Kataris von den Deutschen eine Verschlüsselung, damit nicht deutsche Nachbarn gratis Zugang zum Free-TV bekämen. Das lehnte ZDF mit dem Hinweis ab, eine Extra-Empfangsschüssel einzig für ein Ereignis sei Millionen Haushalten nicht zuzumuten. Nachvollziehbar. Ein ZDF-Sprecher merkte an, finanziell unterschiedliche Vorstellungen seien nicht der Grund für das Scheitern gewesen. Er erhob entsprechende Vorwürfe in Richtung Internationale Handballföderation. Der Welthandballverband IHF konterte mit dem Hinweis, dass das Verfahren korrekt verlaufen sei. Es liege an den Deutschen selbst, Ordnung in ihren Laden zu bekommen, denn beispielsweise in Dänemark, Kroatien, Frankreich, Norwegen, Polen und Spanien sei es gelungen, die Handball-WM in Frankreich im Free-TV anzubieten.

Das sind alles Länder, die finanziell bei der Zahl Handball-Verbandsmitglieder oder in ihrer Relevanz für den entsprechenden Fernsehmarkt weit hinter Deutschland rangieren. Offensichtlich genießen Handball-Großereignisse dort einen höheren Stellenwert genießen. In Deutschland hat es mehrfach vergebliche Anläufe gegeben, Handball in den ersten Kreis der bedeutsamen TV-Sportereignisse bei ARD und ZDF zu hieven. Dazu gehören im Sinne einer medialen Grundversorgung gemäß des staatlichen Auftrages Übertragungen von Olympischen Spielen, Welt- und Europameisterschaften im Fußball und Fußball in allen Facetten bis runter zur Dritten Liga.

ARD und ZDF kassieren nach Umwandlung der GEZ-Gebühren in zwangserhobene „Rundfunkbeiträge“ jährlich ca. 8,3 Milliarden Euro. Ein Großteil der Milliarden fließt nicht unmittelbar in die Programmgestaltung, sondern ins Personal (25.000 Festangestellte, dazu etwa die gleiche Zahl an Freien Mitarbeitern), an 22 TV- und 67 Radiosender, an diverse Ergänzungskanäle und Online-Plattformen sowie in Investitionen für modernste Technik.
Deutschland leistet sich dieses Rundumpaket – global vermutlich ohne Parallele – gleich in doppelter Ausführung. So als ob es zwei Fernseh-Deutschlands gäbe – das eine für die ARD und das andere für das ZDF.

Das ist ein Konstrukt wider jegliche Vernunft und Wirtschaftlichkeit. Geschuldet ist dies einem Größenwahn, der sich auch anderweitig äußert. So hat die höchste Volksvertretung, der Bundestag, weltweit nach China die meisten Abgeordneten. Oder die Splittung des Regierungssitzes zwischen der Hauptstadt an der Spree und Bonn am Rhein, bei der monatlich Millionen Euro durch die Jetdüsen verbrannt werden.

Zudem gibt es interne strukturelle Probleme, die bei Verhandlungen mit Sportrechteinhabern zum Störfaktor werden können. So kann die Rechte-Tochterfirma von ARD und ZDF nicht wie übliche Rechtefirmen Pakete erwerben, um die dann wie BeIN Sports in Profit umzuwandeln. Auch die Online-Formate von ARD und ZDF funktionieren nicht so wie „normale“ Internetstreams. Dem Vernehmen nach hat die DKB-Bank, Hauptsponsor der Handball-Bundesliga, die Internetlizenz für etwa eine Million Euro erhalten. Peanuts für ARD und ZDF. Doch die dürfen laut Vorgaben nur Online-Ergänzungen für ihre eigentlichen TV-Kanäle bieten. Da aber beide nicht Live-Bilder im Hauptprogramm liefern, entfällt auch der Livestream.

So ist es allem in allem kein Wunder, dass ARD und ZDF in der heutigen Konstellation beim Hauen und Stechen um Sportrechte immer weiter ins Hintertreffen geraten ist. Selbst bei der heiligen Kuh Fußball-Bundesliga gingen die Live-Rechte fast völlig an den Pay-TV-Sender Sky verloren.

Ganz bitter war dann die Ausbootung von ARD und ZDF beim Rechte-Geschachere um die Olympischen Spielen 2018 bis 2024. Die hat das US-Unternehmen Discovery für 1,3 Milliarden Euro bekommen. Für entsprechende Sublizenzen wollte Discovery 150 Millionen Euro kassieren. Doch ARD und ZDF sprangen bei 100 Millionen Euro ab.

Das IOC wollte den deutschen Free-TV-Zuschauer nicht außen vor lassen. Und so darf sich der hiesige Olympia-Fan schon in Pyeongchang 2018 (Winter) und Tokio 2020 (Sommer) auf frei zugängliche Bilder der Discovery-Tochter Eurosport 1 oder DMAX einstellen. Oder auch Eurosport 2 und deren Stream nutzen. Inwieweit ARD/ZDF dann aktuelle Bilder vom Tagesgeschehen in den Nachrichten verwenden darf, ist noch ungeklärt.

Gab es im deutschen Fernsehen mit Übertragungen von der Fußball-WM 2014 beziehungsweise von der vorjährigen Fußball-EM keine Einschränkungen, so sind die Modalitäten für die EM 2020 und die WM 2022 noch offen. Aus der Sicht der Zuschauer ist zu befürchten, dass die Kommerzialisierung nicht zu stoppen sein dürfte. Ein Indiz dafür ist die Tatsache, dass RTL das Rechtepaket für alle Qualifikationsspiele zur WM 2022 erworben hat.

Bleibt die DKB-Bank als Anbieter von künftigen Livestreams bei Handball-Weltmeisterschaften und -Europameisterschaften? Nein, erklärte ein Banksprecher, das solle eine Einmaligkeit in einer Notsituation gewesen sein.

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