Keine Skandale – Kulturbauten in Dresden wachsen planmässig

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Dresden, Sachsen, Deutschland (Weltexpress). Katastrophenmeldungen sind im deutschen Kulturleben alltäglich. Theater, Kulturhäuser, Kinos, Bibliotheken, Jugendklubs werden geschlossen, stillgelegt, abgerissen oder zweckentfremdet. Soeben hat der Deutsche Musikrat den Kannibalismus und die Projektititis in der Kulturszene beklagt. Gemeint ist: die Kultureinrichtungen machen sich gegenseitig das Geld und die Existenz streitig oder hangeln sich von Projekt zu Projekt, anstatt planmäßig ihr künstlerisches Profil entwickeln zu können. Und wo schon einmal etwas neu gebaut (Elbphilharmonie in Hamburg) oder saniert (Staatsoper in Berlin) wird, wachsen die Kosten auf das Mehrfache des Geplanten. In Hamburg kommt es sogar zu Protestdemonstrationen der Blockopy-Bewegung, weil »die Geschichte der Elbphilharmonie nicht eine von Kultur und Kunst, sondern von Geldverschwendung« ist.

In Dresden sind zwei Großprojekte im Gange, die lange diskutiert und 2012 endlich beschlossen wurden: der Umbau des Kulturpalastes Dresden für 81,5 Millionen Euro und der Ausbau des Industriedenkmals Kraftwerk Mitte zum Theater für 96 Millionen. Ein Brocken, aber der Finanzbürgermeister Hartmut Vorjohann (CDU) meinte mit Blick auf das Auslaufen des Solidarpakts II im Jahre 2019: »Was wir jetzt nicht gebaut kriegen, schaffen wir in Jahrzehnten nicht mehr.«

Baustart für die Theater im Kraftwerk Mitte war am 14. April. Für die 1994 stillgelegte Industrieruine wurde eine interessante Lösung gefunden. Das alte Maschinenhaus wird als Funktionsgebäude und Depot aus- und ein Theaterneubau für die Staatsoperette Dresden und das theater junge generation angebaut. Der soll 2016 fertig sein. Am Dienstag vergangener Woche war die Grundsteinlegung, vollzogen von der Oberbürgermeisterin Helma Orosz (CDU), vom Sächsischen Innenminister Markus Ulbig (CDU, der zehn Millionen beisteuert) und von den Intendanten des tjg und der Staatsoperette, Felicitas Loewe und Wolfgang Schaller. Endlich können beide Theater, bereits begehrt und bewährt in der DDR, aus ihren Nachkriegsprovisorien in Leuben und Cotta in einen perfekten Theaterbau umziehen. Helma Orosz schwebt ein neues Zentrum zwischen Altstadt und Friedrichstadt vor – Trümpfe der CDU im Wahlkampf für die Landtagswahlen im August und für die Wahl der Oberbürgermeisterin im kommenden Jahr. Für die Theaterleute ist es zweifellos eine gewaltige Verbesserung ihrer Arbeitsbedingungen und ein Zug näher an das städtische Publikum.
Orosz rühmte den entscheidenden Anteil der Belegschaft der Staatsoperette, die aus Ungeduld mit der ständigen Verschleppung eines Neubaus im Jahre 2009 beschlossen hatte: »Wir verzichten bis 2021 auf acht Prozent unseres Gehalts. Mit der Summe von 13 Millionen Euro finanzieren wir ein Drittel der Baukosten des neuen Operettentheaters.« Damit war die Stadt im Zugzwang. Schaller ist mächtig stolz auf sein Ensemble, es bleibt jedoch die Frage, ob der werktätige Lohn-, Mehrwert-, Öko-, Strom-, Kraftfahrzeugsteuer- usw- Zahler (ganz zu schweigen von Kranken-, Arbeitslosen- und Pflegeversicherung) vom Rest seines Gehalts seinen Arbeitsplatz oder Sozial- und Kulturbauten noch zusätzlich selbst finanzieren soll. Die Mittelständler sehen ihre Verpflichtung zur Zahlung von Erbschaftssteuer (für öffentliche Aufgaben) bekanntlich völlig anders. Jener Hintergrund wird bald vergessen sein. Was im Bewusstsein der Macher bleibt: der einzige Operetten-Neubau in Europa für das einzige Operettentheater Deutschlands ist ihr Werk.

Und wie stehts im Kulturpalast? In vollem Gange ist der Abriss des großen Saales. Ich durfte ins Innere des ausgeweideten Gebäudes blicken. Das Haus wirkt wie ein großes hohles Ei, vom Dach bis zur Sohle misst es 20 Meter, und die Bagger fressen sich noch tiefer hinein, um unter dem Konzertsaal Raum für das Kabarett »Die Herkuleskeule« zu schaffen. Der Rohbau des neuen Konzertsaals beginnt im Spätsommer, fertig sein soll der Palast im Oktober 2016.
Im Gegensatz zu Hamburg und Berlin gibt es hier keine Skandale. Der Projektleiter Peter Hinkel ist ganz ruhig. Termine und Kosten liegen »im Plan«. Axel Walther, Hauptverantwortlicher der beiden Bauvorhaben, meint, dass sie in Dresden zwar weniger Risiken hätten als in Hamburg, aber sie hätten sehr genau geplant. Das Risikobudget von zehn Prozent mussten sie bisher nicht antasten.

Was sich am Plan ändert, ist Gewinn. Die Projektanten von Gerkan, Marg und Partner haben zwar den Platz für eine Orgel geplant, wegen der »knirschen« Baukosten sollte sie aber später eingebaut werden. Das ließ den Förderverein der Dresdner Philharmonie nicht ruhen. Die Orgel kostet 1,3 Millionen Euro. Die Stadt versprach 300 000, wenn der Verein eine Million Spenden sammelt. 800 000 hat er beisammen und wird nach Überzeugung des Geschäftsführers Lutz Kittelmann die Million schaffen. Denn: »Zu einem erstklassigen Konzertsaal gehört eine erstklassige Orgel. Dresden wird zum ersten Mal einen reinen Konzertsaal mit einer Konzertorgel haben. Die Konzertorgel wird der Schlußstein in der Orgellandschaft der Stadt sein«, sagt Kittelmann. Bauherr der Orgel ist der Förderverein. Er wird sie der Stadt schenken. Der Auftrag an die Orgelbaufirma Eule in Görlitz ist erteilt. Nach der Fertigstellung des Konzertsaals wird die Orgel von Oktober 2016 bis März 2017 eingebaut und Pfeife für Pfeife Intoniert. Im März 2017 soll der Konzertsaal eröffnet werden – mit der Orgel. Problem: während des Orgelbaus können im Saal keine Orchesterproben der Dresdner Philharmonie als hausansässigem Orchester stattfinden. Die Bauleiter und die neue Intendantin Frauke Roth grübeln, wie sie das lösen können. Fest steht, im Kulturpalast gibt es kein Zurück mehr. Demnächst wird das Gebäude mit einer Plane mit Bildern des neuen Palastes eingehüllt, damit sich alle Dresdner ein Bild davon machen können.

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