Ist die Hölle Gegenstand der Wirklichkeit oder kann sie nur realistisch gemalt werden? – Serie: „Realismus. Das Abenteuer der Wirklichkeit. Courbet, Hopper, Gursky”¦“ in der Hypo-Kulturstiftung München (Teil 2/3)

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Christian Schad,Maika, 1929, Öl/Leinwand, 65 x 53 cm, Privatsammlung
Frankfurt am Main (Weltexpress) - Schnitt. Und im nächsten Raum für uns wunderbare Porträts der neuen Sachlichkeit, einer Kunstrichtung, die sich angesichts des Nationalsozialismus nicht weiterentwickeln konnte, aber in ihrer Art hyperrealistisch sofort bildtechnisch und von der Aussage her perfekt war: Christian Schad „Malina von Kluck“ 1930, „Maika“, 1929 oder Rudolf Schlichter, „Frauenporträt“ 1933, auch die Bleistiftzeichnung „Ernst Jünger“ von 1937 sowie der uns unbekannte Nicolai Wassilieff „Porträt eines Mannes“, 1929, sind ihre Meister, denen in der Ausstellung die Foto-Porträts von Thomas Ruff aus dem Jahr 1988 gegenübergestellt sind, angeblich offen und wahr im Blick, sagen sie letzten Endes nichts über die Person aus, nicht mehr, sondern weniger als der fotorealistisch gemalte „Nat“ von Chuck Close aus den Jahren 1972-73, Aquarell auf Papier und Leinwand. Geradezu unheimlich, diesem gemalten Mann in seine so echt wirkenden Augen zu blicken.

Im nächsten Raum erwartet uns der „Akt“, denn nach der anfänglichen Differenzierung der Gattungen aus dem noch einheitlichen christlichen Bild, in Porträt, Landschaft usw., zeigt sich hier die uneinheitliche Terminologie doch als Problem. Dem Historienbild hätte auch das mythologische Bild mit seinen vielen schönen nackten Frauen gegenüberstehen können, aber das hat natürlich mit „Wirklichkeit“ genauso wenig zu tun, wie Bilder von Gott, dem Himmel, dem Teufel und den Heiligen. Aber – und das ist ein gewichtiger Einwand – will man denn mit „Realismus“ das Sujet des Bildes umfassen oder die Art und Weise der Darstellung des Bildinhalts. Denn „realistisch“ gemalt, kann auch die Hölle sein. Dieses Changieren hat die Ausstellung mit der Terminologie der Kunstgeschichte gemein, in der es auch ganz schön durcheinander geht. Der Akt also, was ist so realistisch, wie Nacktheit? An Fleisch denkt man sofort und dabei mehr an Lucian Freud als Francis Bacon. Beide sind hier nicht vorhanden, aber Otto Dix hat 1927 seinen Sohn Ursus mit Nabelschnur auf einem hinreißend gemalten weißen Tuch so drapiert, daß er wie wirklich aussieht, aber mehr als äußere Wahrheit interessiert einem die Ausdruckskraft, wie Dix die Gequältheit eines Neugeborenen darstellen kann. Ein kleines Meisterwerk.

Noch nie gesehen haben wir „Akt“ von Joseph Breitenbach, nach 1950 auf Gelantinenentwicklungspapier, wo einen eine ungeheuere Sehnsucht nach seiner unbewußt/bewußten (?) Vorlage, nämlich Courbets „Ursprung der Welt“ ergreift. Auch hier ist es die leicht geöffnete weibliche Scham, aber wie platt ist dieses Foto von vorne, was Courbet durch seine Schräge spannender macht. Nicht Duane Hanson ist es, dessen Nackte am Boden vor uns liegt, denn ihn und John de Andrea unterscheidet in der Ausführung alles. Hanson will Wirklichkeit, de Andrea will Schönheit. Schön ist sie wirklich, die auf dem Bauch liegende Nackte, mit einer sanftglänzenden Patina auf der Haut und mit dem zusammengewickelten Haar leicht madonnenhaft, als Frau schöngliedrig gestaltet, überschlank und eben idealisiert. Wie war das mit dem Realismus?

Als nächstes folgt das Genrebild. Auch dieses hatte sich als Alltagsszenen aus dem kirchlichen Bild herausgeschält und vor allem in den Niederlanden Triumphe gefeiert. “Die Apotheose der Freude“, ein Riesenschinken mit Halli Galli feiernden jungen modernen Leuten, von Terry Rodgers aus dem Jahr 2005 läßt einen urplötzlich fragen, wie ist das eigentlich mit der abstrakten Malerei, der gegenstandslosen, die nach 1945 nicht nur den deutschen Kunstmarkt beherrschte, wogegen erst vorsichtig in den Neunzigern und dann forsch nach dem Jahr 2000 die figurative Malerei in Ausstellungen moderner Künstler wieder Thema wurde und sich längst durchsetzte, in der Skulptur und dem Foto, hier Franz Gertsch „In Lucianos Haus 1973“ sowieso. Ist beim Thema “Realismus“ auch passend.

Duane Hanson, seit 1995 schon tot, ist auch so einer, der einen an der Wirklichkeit der eigenen Wahrnehmung zweifeln läßt. Man kennt das schon, die doch grobe, sehr rosafarbige Gesichtshaut, die man noch als künstlich registriert, bis man in die so echten Augen blickt und einen leichten Schock erhält, denn leibhaftig scheinen sie vor einem zu stehen, diese Normalbürger aus dem Arbeits- und Einkaufsleben, meist der unteren Schichten. Die vier Männer, die hier stehen, heißen „zZwei Arbeiter“? Oh, Schreck, da dreht sich der eine herum, ein Besucher, der von hinten wie eine Hansonfigur aussah, während der dort in der Ecke, der edel im Anzug gekleidet, mit blauem Hemd starr auf uns blickt, wohl der Aufseher der beiden Arbeiter sein soll, bis er sich auch bewegt und uns klar macht, er ist wirklich ein Aufseher, allerdings für die Besucher, im Moment besonders für uns, die sich – mit dem Kugelschreiber heftig ins Buch schreibend – schon ein wenig verdächtig macht, ob man gegenüber den hehren Kunstwerken etwa böse Absichten hege. Und so zuckt man zusammen, als sich die Aufsichtsfigur plötzlich bewegt und in der Kunstausstellung durch Reduktion die Wirklichkeit überhand nimmt und der Titel der Installation mit den dargestellten Figuren übereinstimmt. Und dennoch war die vorherige ganz kurzfristige und kurzweilige Viererkonstellation, die Leben und Kunst mischte, auch Realismus, also Wirklichkeit.

Bis 5. September

Die Ausstellung geht leicht verändert in die Kunsthal Rotterdam.

Katalog: Realismus. Das Abenteuer der Wirklichkeit, hrsg. von Christiane Lange und Nils Ohlsen, Hirmer Verlag 2010

Der Katalog bildet nicht nur alle Bilder der Ausstellung ab, sondern handelt die Themenstellung „Realismus“ auch durch kunsthistorische Aufsätze ab, in denen nach `Bild und Wirklichkeit` – als Ausgangspunkt genommen – gefragt wird, „Wie kommt die Wirklichkeit ins Bild?, geht es weiter und eine“ Begriffsbestimmung Realismus“ wird vorgenommen. Dies setzt voraus, daß auf die Fotografie eingegangen werden muß und Courbet die Hauptrolle spielt. Sehr hilfreich ist am Ende die alphabetische Auflistung der Künstler und ihrer Werke, bei denen die Seitenzahl der Abbildung zugefügt ist. Der Katalog zeigt, daß die Ausstellung auf ihren Stationen Bilder verliert und gewinnt, ein normaler Vorgang auf Ausstellungwegen, weshalb aber die Kataloge umfassender als die Ausstellungen sind.

www.hypo-kunsthalle

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