In diesem Jahr 2009 feiert das Land Baden-Württemberg das Schillerjahr – ein Überblick – Serie: Auf den Spuren des jungen Schiller zum 250. Geburtstag (Teil 1/3)

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An Schillers Geburtstag am 10. November werfen die Grundschulkinder von Marbach kleine bunte Blumensträuße auf die Schillerfigur auf der Schillerhöhe in Marbach. Wer es schafft seinen Blumenstrauß in die Armbeuge des Dichters zu werfen, der hat „gewonnen“.
Marbach (Weltexpress) – Wo anders als in der Geburtsstadt Friedrich Schillers kann die Spurensuche dieses großen deutschen Dichters beginnen, dort, wo im kleinen Geburtshaus ein winziges, mit Borten und Pailletten besticktes Taufhäubchen an jenen 10. November 1759 erinnert und an jenen kleinen „Fritzi“, von dem noch niemand ahnte, dass er einst ein großer deutscher Dichter werden sollte. In einem einzigen Raum mit einer kleinen angrenzenden Küche im Erdgeschoss wohnte die Familie in ärmlichen Verhältnissen zur Miete, wo heute liebevoll drapiert ein Leinen-Kinderanzug des kleinen Jungen die Blicke der Besucher auf sich zieht.

Das sind die ersten Spuren in der historischen Niklastorstraße, wo nicht weit entfernt die ältere Schwester Christophine zur Schule ging und der kleine Schiller in den Gassen gespielt haben mag, nur wenige Schritte entfernt von dem prachtvollen Gasthof seines Großvaters, des Löwenwirts Georg Friedrich Kodweiß, der durch ein finanzielles Missgeschick mit folgendem Bankrott seinen Gasthof verlieren sollte. Seine Tochter Elisabeth Dorothea Schiller (1732-1802), nahm es hin, dass ihr Ehemann und Vater des Dichterfürsten, Johann Caspar Schiller (1723-1796) wieder in seinen Militärdienst zurückkehren konnte, um seiner Familie wenigstens ein bescheidenes Leben zu ermöglichen. Trotz der prekären finanziellen Situation blieb die Familie in Marbach geachtet, wie im Taufregister mit elf Paten nachzulesen ist.

„Mir ist es immer ein unaussprechliches Vergnügen, mich im möglichst kleinsten körperlichen Raum im Geiste auf der großen Erde herum zu tummeln“, schrieb Friedrich Schiller später einmal, der vom Marbacher zum Weltbürger wurde, wenngleich er die „große weite Welt“ nie bereist hat und sich mittels Büchern und durch Erzählungen von ihr berichten ließ.

Ausgehend von einer Antwort des Philosophen und Schriftstellers Rüdiger Safranski im Deutschlandradio am 2. Januar 2009 wurde das Marbacher Konzept für das Schillerjahr 2009 entwickelt: „Schiller und Europa“, so lautet nun das Motto im Jubiläumsjahr.

Safranski erklärte die Person Schillers und seine Lebenssituation: „Er selbst war krank, hockte in seiner Stube, kam nicht mehr raus, und auf Flügeln der Fantasie hat er die Erde umrundet“. Schiller sei somit ein polyglotter Geist, insbesondere ein europäischer Geist. Man erinnere sich an sein Werk Maria Stuart, welches in England spielt, dann die Jungfrau von Orléans in Frankreich, Wilhelm Tell in der Schweiz und Demetrius in Russland, wie auch sein gewaltiges europäisches Epos über den Dreißigjährigen Krieg – Literatur und Geschichte zugleich.

Dieser Spannungsbogen von Enge und Weite, von Nähe und Ferne, das ist der Rahmen für die Literaturreihe im Schillerjahr, wenn europäische Autoren lesen und diskutieren und international angesehene Wissenschaftler die Ideen Schillers aufgreifen und sie mit aktuellen Debatten verknüpfen.

Auf den Spuren des jungen Schiller taucht der „Spurensucher“ ein in Schillers Lebenswelt, in die Zeit der Aufklärung mit revolutionären Umbrüchen und Erneuerungen, mit der Abkehr vom Absolutismus und dem Aufstieg des Bürgertums – die Gesellschaft veränderte sich zwischen 1700 und 1800 radikal.

Die Schillerstadt Marbach am Neckar mit ihrer historischen Altstadt ist eine der ältesten Landstädte in Württemberg, ein kleines schwäbisches Städtchen, hoch über dem Neckar gelegen mit heute etwa 15.000 Einwohnern. Liebevoll von den Bürgern gepflegt und jetzt mit Frühlingsblumen großzügig geschmückt, atmet Marbach mit den sorgfältig restaurierten Fachwerkhäusern aus dem 18. Jahrhundert – es sind 163 an der Zahl – eine ganz eigene Geschichte. Durch alte Brunnen und Türme innerhalb der Stadtmauern und durch die malerischen kleinen Sträßchen, den „Holdergassen“ in der Altsstadt, einst die Heimat von Weingärtnern und Bauern, erlebt der Besucher eine ganz eigene Zeitreise bis ins Mittelalter. Hier ist auch noch die Schule zu erkennen, wo der kleine Fritzi seine zwei Jahre ältere Schwester Christophine wohl nach Schulschluss abgeholt haben mag, bis dann sich von der Familie Schiller nach ihrem Wegzug aus Marbach ihre Spuren verwischten und sogar vergessen wurden, dass sie einst hier gelebt hatte. Nur vier Jahre hat Schiller hier gelebt und kam nie wieder nach Marbach zurück. Neue Spuren finden sich dann wieder im Jahre 1764 in Lorch, wo Schiller die ersten Schuljahre erlebte. Und dann wurde wieder umgezogen, diesmal 1766 nach Ludwigsburg, wo man noch heute zu den Fenstern der Lateinschule hinaufblicken kann und zur Wohnetage, wo die Familie einst lebte. Nur einen Fußweg weit entfernt liegt das prachtvolle Residenzschloss, in dem später erste Opern- und Theaterbesuche den jungen Schiller begeisterten.

Eigentlich wollte Schiller Theologie studieren, doch der absolutistische Herzog Karl Eugen von Württemberg befahl 1773 den 13-Jährigen an seine „Karlsschule“ nach Stuttgart, zunächst zum juristischen, ab 1776 zum medizinischen Studium. Militärischer Drill setzte dem jungen Mann sehr zu. In dem von der normalen Welt abgeschotteten Kasernenleben brachen seine ersten dichterischen Gedanken auf. Als Medizinstudent erschien 1776 sein erstes gedrucktes Gedicht „Der Abend“, er studierte die Werke Plutarchs, Shakespeares, Voltaires, Rousseaus und Goethes, den er später in Weimar persönlich kennen und schätzen lernte. Der militärische Drill war sicherlich ein Grund mehr für ihn, sein erstes Theaterstück „Die Räuber“ 1781 anonym zu drucken, bis das Stück am 13. Januar 1782 vom Mannheimer Theater unter der Intendanz Wolfgang Heribert von Dalbergs erfolgreich aufgeführt wurde. Vor allem beim jungen Publikum entfachte das Stück wahre Jubelstürme, in den folgenden Monaten gab es in Süddeutschland viele „Räuberbanden“ freiheitsbegeisterter Jugendlicher. Von dem despotischen Herzog, der sich in den obrigkeitskritischen Passagen der „Räuber“ persönlich angegriffen sah, drohte dem jungen Autor Arrest und Schreibverbot. Schiller floh 1782 nach Mannheim, unterstützt von Privatleuten, und schrieb weiter an den heute bekannten Stücken.

Alle diese Spuren sind im Schillerjahr 2009 in Baden-Württemberg zu finden, mit vielen Veranstaltungen, Sonderausstellungen und bunten Festprogrammen in der Schillerstadt Marbach, in Lorch, in Ludwigsburg, welches in diesem Jahr sein 300-jähriges Stadtjubiläum feiert, dann in der damaligen Residenzstadt Stuttgart mit dem Schloss Solitude mit Sonder- und Kostümführungen, gefolgt von Mannheim, das mit den 15. Internationalen Schillertagen im Juni aufwartet, zum Beispiel im „Museum Schillerhaus“, versteckt in einem Hinterhof.

Die Spuren des jungen Schiller werden hier spürbar und können fassbar erlebt werden. Da hat sich das Tourismus-Marketing Baden-Württemberg viel Interessantes und Spannendes ausgedacht, Schiller wird wieder lebendig nach 250 Jahren, vor allem dann, wenn wie zu jedem Schillergeburtstag in Marbach auf der Schillerhöhe an seinem Denkmal die Grundschulkinder am 9. November kleine, bunte Blumensträuße hinauf werfen. Wer es schafft, seinen Strauß in die Armbeuge des freundlich herunterschauenden Dichters zu werfen, der hat einen besonderen Preis errungen.

Begonnen hat das Schillerjahr ohnehin in seinem Geburtsort Marbach, als am 3. Februar dieses Jahres sein Geburtshaus nach umfangreichen Arbeiten wiedereröffnet wurde. Weltbekannt wurde Marbach nicht nur als Schillers Geburtsort, sondern auch durch das Deutsche Literaturarchiv und die Literaturmuseen auf der Schillerhöhe. Wer das Schillerjahr da oder dort mitfeiern möchte, ist eingeladen und wird um viele Neuigkeiten rund um Schiller bereichert werden. Über das Schillerjahr 2009 wird weltexpress.info weiter berichten.

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Internet:

www.schiller-bw.de

www.tourismus-bw.de

www.schillerjahr2009.de

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