In Afghanistan tobt der Krieg und die Koalitionregierung in Berlin redet darum herum – Presseschau vom 08.09.2009

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Berlin (Weltexpress) - Die überwältigende Mehrheit der Deutschen will den Abzug der Bundeswehr aus Afghanistan. Die überwältigende Mehrheit der Abgeordneten im Reichstag will seit acht Jahren den Krieg am Hindukusch, ohne ihn so zu nennen. Was die 35 toten Bundeswehrsoldaten, die dieser Krieg bisher an Soldatenleben direkt gekostet hat wollen, das wissen wir nicht. Was die Kommentatoren deutscher Zunge schreiben, dagegen schon.

Sebastian Christ nennt es in seinem Kommentar im Stern (www.stern.de, 08.09.2009) "schlicht feige oder zynisch, das Wort Krieg im Bezug auf Afghanistan zu umschiffen". Konsequenterweise betitelt er seine Stellungnahme mit den Worten "Es herrscht Krieg" und schreibt: "… Zynisch wäre die Vermeidung des Wortes "Krieg" dann, wenn dadurch politische Unaufrichtigkeit vertuscht werden sollte. Die Begründung nämlich, die Bundesrepublik könne sich mit Berufung auf den "deutschen Sonderweg" nicht aus solchen Einsätze heraus halten, ist schlicht falsch. Oskar Lafontaine hat Recht, wenn er sagt, dass die Bundeswehr mit der gleichen Rechtfertigung auch am Irakkrieg hätte teilnehmen müssen. Und: Wer Kampfeinsatz sagt obwohl Krieg herrscht, verniedlicht solche Vorfälle wie den Tankwagen-Beschuss leicht als "militärischen Ausnahmefall". Nein, Frau Merkel. Es war ein hässlicher Angriff in einem hässlichen Krieg, an dem die Soldaten die wenigste Schuld tragen. Sie wurden schon zu Zeiten von Rot-Grün als Instrument der Außenpolitik missbraucht. Das rächt sich nun…"

In der jungen Welt (www.jungewelt.de, 08.09.2009) hält Werner Pirker in seinem Kommentar unter der Überschrift "Große Kriegskoalition" fest: "Die Verteidigung Deutschlands am Hindukusch macht auch vor Kriegsverbrechen nicht halt. Nachdem Verteidigungsminister Franz Josef Jung vorerst stur behauptet hatte, daß ausschließlich Taliban bei den von der Bundeswehr befohlenen Luftangriffen getötet worden seien, mußte er letztlich doch der Tatsache des Zivilistenmordes ins Auge blicken. Damit hat auch seine ständig wiederholte Behauptung, die Präsenz deutscher Soldaten in Afghanistan sei nicht als Kriegseinsatz, sondern als Aufbauhilfe zu bewerten, völlig an Glaubwürdigkeit verloren…"

In der Frankfurter Rundschau (www.fr-online.de, 08.09.2009) meint Stephan Hebel unter "Krachende Ohrfeige für Jung", daß dem Rheingauer Rhetoriker Jung lässt sich dieses gefährliche Unternehmen, womit er den Afghanistan-Krieg meint, ganz bestimmt nicht führen. Zum Desaster an Hauptkampflinie und Heimatfront notiert er: "Sie (Merkel, d.R.) hat durch die schlichte Selbstverständlichkeit, das Bedauern für die Opfer auszusprechen, noch deutlicher gemacht, dass es dem Minister genau daran fehlt. Dass sein moralisches und humanitäres Potenzial bis zur Bundestagsdebatte noch nicht mal ausreichte, wenigstens rhetorisch die Frage der unschuldigen Opfer anzusprechen." Hebel fährt fort: "Vier Tage lang wie eine eiskalte Sprechmaschine jede kritische Nachfrage wie Vaterlandsverrat zu behandeln, den Opfern die kalte Schulter zu zeigen und aus Dumm- oder Verschlagenheit die Unwahrheit zu verteidigen: So blöde, aus solch zynischem Versagen kein Kapital bei der afghanischen Bevölkerung zu schlagen, kann nicht mal der verbohrteste Taliban sein. Das werden zuerst die deutschen Soldaten zu spüren bekommen, als deren Beschützer Jung sich aufspielt. Und wenn es sehr schlimm kommt, auch die Deutschen zu Hause…"

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Unter der Überschrift „Allein gelassen“ kommentiert Markus Drescher im Neuen Deutschland (www.nd-online.de, 08.09.2009) anläßlich von Bundestagsdebatte über den Krieg in Afghanistan und die Einweihung eines Soldatenmahnmals dies mit den Worten: „… Wenn den politischen Kriegsbefürwortern wirklich nichts Besseres zur Unterstützung der Bundeswehrsoldaten einfällt als ein Ehrenmal für die Toten, dann stehen die Uniformierten tatsächlich alleine da. Anerkennung schön und gut, tot sind sie trotzdem. Das, was den Soldaten tatsächlich helfen würde und von einer Mehrheit der Bevölkerung befürwortet wird, nämlich ein Konzept zum schnellstmöglichen Abzug aus Afghanistan, haben Diejenigen, die die Soldaten in den Krieg zum Töten und Sterben schicken, nicht. Anstatt sich um friedliche Konfliktlösungen zu bemühen – generell, nicht nur in Afghanistan –, die ein Ehrenmal gar nicht erst notwendig machen würden, wird weiter auf kriegerische »Lösungen« gesetzt…“

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