Gute Freunde, strenge Rechnung – Der Dresdner Kulturpalast ist wiederhergestellt. Um welchen Preis?

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Modell vom Konzertsaal des Kulturpalastes Dresden. © STESAD GmbH

Dresden, Deutschland (Weltexpress). Gute Freunde, strenge Rechnung, sagt ein russisches Sprichwort. Jeder bezahlt seinen Anteil oder begleicht seine Schuld, und alle können einander weiterhin in die Augen sehen. Auch wo es nicht nur um Geld geht, steht jeder zu seiner Verantwortung, auch zu seinen Fehlern. Ein kluger Kaufmann oder Wissenschaftler, Bauherr oder Politiker weiß dann eben, welchen Fehler er nicht wieder machen wird. Reiner Tisch, und es geht weiter. Wie ist das also beim Kulturpalast Dresden?

Unumwunden: Der Umbau des Dresdner Kulturpalastes von 2013 bis 2017 war eine große Leistung der Stadtoberen, der Architekten, des Bauherrn, der Baubetriebe und (indirekt) der Musiker der Dresdner Philharmonie, die so lange »auf Wanderschaft« arbeiten mussten. Mitten im Herzen der Stadt entstand ein neues Kulturzentrum, denn wo ursprünglich seit 1969 ein Festsaal zur Verfügung gestanden hatte, sind nun ein neuer Konzertsaal, eine Kabarettbühne und das Domizil der Städtischen Zentralbibliothek angesiedelt. Schlechthin genial ist die räumliche Gestaltung des Gebäudes. Der Konzertsaal wurde schmaler und höher, um seinen Kubus schließt sich auf den beiden oberen Etagen ringförmig die Bibliothek, und im Keller liegt der Saal der »Herkuleskeule«. Wer hatte die Idee? Eine Gruppe von Fachleuten, sagt der ehemalige Kulturbürgermeister Ralf Lunau (2008 bis 2015). »Wir mussten etwas finden, das in der Luft lag. Wenn ich mittags um zwölf auf dem Altmarkt stand, ging in den Kulturpalast keiner rein oder raus. Da musste Leben rein«. Eine mehrseitige Nutzung war schließlich die Vorgabe für den Architektenwettbewerb, den die Architekten von Gerkan, Marg und Partner gewannen. Gleichzeitig baute die Stadt von 2014 bis 2016 das Kraftwerk Mitte zum Theater für die Staatsoperette Dresden und für das theater junge generation (tjg) um. Beide Theater konnten endlich aus Nachkriegsprovisorien in echte Theaterbauten ziehen.

Man kann vergleichen: Die Elbphilharmonie Hamburg hat statt der geplanten 77 Millionen rund 900 Millionen Euro verschlungen, der Umbau der Berliner Staatsoper kostet statt 239 voraussichtlich 400 Millionen Euro, beides für eine Einzwecknutzung. Die Stadt Dresden hat für 200 Millionen gebaut: ein Operettentheater, drei Theatersäle des tjg, einen Konzertsaal mit einer Konzertorgel, eine Kabarettbühne und eine Riesenbibliothek, dies alles mit der nötigen Infrastruktur – Garderoben, Kantinen, Depots, Verwaltung und Gebäudetechnik. Gemessen daran war die Kostenüberschreitung beim Kulturpalast von 81,5 auf 100 Millionen Euro zu verantworten, davon ist auch der Chefdirigent Michael Sanderling überzeugt.

War sie unvermeidlich? Ja und nein. Nach Ansicht von Architekten war die Planung der Stadt »zu optimistisch«, gemeint ist: Kostennormen wurden für ein Bürogebäude angesetzt, nicht aber für Kulturbauten mit höchsten Ansprüchen, wie an eine exzellente Akustik. Zudem sei das Gebäude untersucht und seine Sanierung geplant worden, während es in Betrieb war. Bei Untersuchungen des Tragwerks nach seiner Freilegung kamen Materialmängel zutage, die eine aufwendige Betonsanierung sowie Nachgründungen erforderten. Auch die Ansprüche der Denkmalpflege weiteten sich aus, zum Beispiel zur Erhaltung des originalen Treppengeländers. Glück im Unglück war die Entdeckung der Matritzen der beim Abbau zerstörten »MoKidecke«, was die Wiederherstellung der originären Decke ermöglichte, aber auch andere Deckenleuchten und mehr Zeit verlangte. Hätte man darauf verzichten sollen?

Bei nüchterner Betrachtung ist zu bedenken, welche Maßstäbe man anlegt. Wer als Dresdner Stadtrat heute von Verschleuderung von Geld redet, möge sich erinnern, was im Jahre 2006 der Verkauf von 48 000 Wohnungen an die Heuschrecke Fortress darstellte. Daran maßgeblich beteiligt waren die Linken, denen die Erhaltung öffentlichen (ehemals Volks-) Eigentums ein Anliegen hätte sein müssen. So gesehen: wer für 1,4 Milliarden Euro Wohnungen verkauft, hat auch Geld für einen Konzertsaal.

Realistisch sah das Projekt der Finanzbürgermeister Hartmut Vorjohann (CDU), der 2012 sagte: »2019 läuft der Sozialpakt II aus. Was wir bis dahin nicht gebaut kriegen, schaffen wir nie wieder.« Nicht zu leugnen ist, dass der Umbau vor allem von der Dresdner CDU gestützt wurde. Er war ein Wahlversprechen der Oberbürgermeisterin Helma Orosz (CDU). Das wurde erfüllt, jedoch nicht ohne Widerstand. Bis heute ist nicht aufgeklärt, warum die eingeplanten 30 Millionen Fördermittel der Europäischen Union nicht gekommen sind. Insider führen das auf Intrigen bestimmter CDU-Kreise in der Sächsischen Staatsregierung zurück, die den Antrag bei der EU hintertrieben. Im Hintergrund tobte ein Kampf um ein neues Konzerthaus, zu dessen Bau Christian Thielemann und die Staatskapelle Dresden aufgerufen hatten. Jene wollten den Umbau des Kulturpalastes verhindern, was möglicherweise seinen Abriss bedeutet hätte.

Der Ausweg aus der Finanzlücke war die Heranziehung der aus dem Verkauf der Wohnungen gespeisten Kreuzchorstiftung und der Sozialstiftung, die je 13,5 Millionen Euro in die städtische Kommunale Immobilien Dresden GmbH einbrachten. Es tut weh, aber es ist wahr: ein Teil der Baukosten stammt aus dem Verkauf der 48 000 Wohnungen. Das haben nicht die Musiker und Musikfreunde zu verantworten, sondern gewissenlose Kommunalpolitiker. Doch es erhöht die Verantwortung für die Nutzung des Kulturpalastes im Interesse aller Dresdner.

Das ist nicht der einzige Verlust. 2011 übernahm Michael Sanderling die Leitung der Dresdner Philharmonie. Fünf Jahre lang führte er das Orchester in provisorischen Räumen und in als Konzertsaal nicht geeigneten Spielstätten. Sie nahmen das auf sich in der Hoffnung auf den neuen Konzertsaal. »Ich habe in Dresden den übergeordneten Auftrag, das Orchester über diese schwierige Zeit zu führen und zu tragen – zurück in den Saal«, sagte Sanderling der Zeitung „Neues Deutschland“. Dann kam fünf Monate vor der Eröffnung der »Schlag ins Kontor«. Auf Betreiben der Linken, der SPD und der Grünen kürzte der Stadtrat den Etat der Dresdner Philharmonie um je 250 000 Euro für 2017 und 2018. Sowohl künstlerische Projekte als auch die Personalausstattung gerieten ins Wanken. Sanderling erfuhr das nicht von der Kulturbürgermeisterin Annekatrin Klepsch, sondern aus der Zeitung – ein Vertrauensbruch. Diese Verantwortung wollte er nicht übernehmen und beschloss, seinen Vertrag über 2019 hinaus nicht zu verlängern. Noch schlimmer war die Verdächtigung Klepschs, sein »Ausstieg« sei ein Vorwand, weil er ein anderes Angebot habe. Aus Verantwortung vor dem Orchester bleibt Sanderling bis Juni 2019. Er wird der Dresdner Philharmonie noch viele Impulse geben, doch die »Spätlese« bringt er nicht mehr ein. Das 150jährige Jubiläum des Orchesters im Jahre 2020 sieht ihn nicht mehr als Chefdirigenten. Nicht sein Rückzug, sondern der Rücktritt Klepschs wäre angebracht gewesen. Auch jene Stadträte, die schon immer gegen den Umbau waren, haben Porzellan zerschlagen. In der Kunststadt Dresden sind sie fehl am Platze. Es wird so kommen, wie es immer kommt: die dagegen waren, heften sich den Erfolg ans Revers, oder wie man sagt: Auszeichnung der Unbeteiligten, Bestrafung der Unschuldigen.

Zur Rechnung unter Freunden gehört auch: Der Konflikt um die Kürzungen hat zwei Seiten. Natürlich bringt eine Kürzung jeden Plan durcheinander, zumal Gastorchester, Dirigenten und Solisten über Jahre im voraus verpflichtet werden müssen. Und es geht auch stets ums Prinzip. Auch ist die Frage, nach welchem Maßstab man sich misst oder sich andere messen müssen. Hier fehlen von 18,5 Millionen Euro »nur« 250 000, dort bekommen zum Beispiel die Berliner Symphoniker aus dem Berliner Haushalt nicht mehr als 200 000 Euro im Jahr. So oder ähnlich geht es vielen Orchestern, die auf diese oder jene Weise kaputtgespart werden. Das darf nicht heißen, auf legitime Ansprüche zu verzichten. Doch es gibt eben auch jene, die nichts oder zu wenig haben und Solidarität brauchen, zum Beispiel durch Einladung zu Gastspielen.

Alles im allem: Ob es die Stadtväter wahrhaben wollen oder nicht: mit dem Denkmal Kulturpalast Dresden wurde ein Stück Erbe der DDR erhalten, mit seinen schönen historischen Elementen der Innenarchitektur. Auch das Mosaik »Der Weg der roten Fahne« von Gerhard Bondzin bleibt. Es gibt keine Bilderstürmerei in Dresden.

Die beste Nachricht: im Bespielungskonzept erscheint kein Bundeswehrorchester. Friede sei mit euch!

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