Geschichte auf dem Bürgersteig – Ein Flohmarktfund führte dazu, dass Rüdersdorf bei Berlin nun seine ersten Stolpersteine hat

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© 2018, Foto: Hartmut Rößler

Rüdersdorf bei Berlin, Brandenburg, Deutschland (Weltexpress). Es nieselt bei Temperaturen um den Gefrierpunkt. In Herzfelde, einem Straßendorf am östlichen Rand Berlins, ist morgens um neun kein Fußgänger zu sehen. Nur vor dem Haus Nr. 29 in der Strausberger Straße hat sich an diesem März-Morgen eine Menschentraube versammelt. Daneben steht ein Baufahrzeug, dessen Besatzung soeben zwei blitzblanke Stolpersteine in das Pflaster des Bürgersteigs eingelassen hat. Die schwarz-golden uniformierte Bergkapelle Rüdersdorf spielt den jiddischen Gassenhauer „Bei mir bist du schön“.

© 2018, Foto: Hartmut Rößler
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Im Vorgängerbau des Einfamilienhauses Nr. 29 wohnte die Familie Jakobsthal. Max Jakobsthal kam im KZ Sachsenhausen ums Leben; seine Mutter Karoline starb in Theresienstadt. Ihre Namen tragen die ersten Stolpersteine in Herzfelde, wo bei Kriegsausbruch fast vierzig Juden lebten.

„Diese Stunde hat eine lange Vorgeschichte“, sagt Liesel Becker, die als Kind Bombennächte und Kriegsende in Berlin-Köpenick erlebte. Max Jakobsthal war der jüdische Ehemann der Schwester ihrer Mutter. „Als mein Onkel starb, war ich neun Jahre alt, doch sein Schicksal hat mich ein Leben lang begleitet“, sagt die 85-Jährige, die nach dem Krieg in Hennickendorf zur Schule ging, wo ihr Vater Lehrer war.

Seit Jahrzehnten lebt Liesel Becker in der Pfalz; sie kann aber immer noch berlinern. Erst vor fünf Jahren fasste sie den Mut, das Konzentrationslager in Sachsenhausen zu besuchen. Dort fand sie den Namen ihres Onkels in den Totenbüchern: Max Jakobsthal, Beruf: Händler, Wohnort: Herzfelde, geb. am 07.03.1900 in Budsin, Kreis Kolmar; Zugang am 07.05.1939, Sterbedatum: 10.03.1942.

© 2018, Foto: Hartmut Rößler
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Tragisch ist es, dass der Jude aus Herzfelde noch kurz vor seiner Verhaftung eine Einladung nach New York erhielt. „Doch er vertraute auf den deutschen Rechtsstaat“, erzählt Liesel Becker, die als Kind viele Gesprächsfetzen aufgeschnappt hat. „Die Erwachsenen redeten über solche Dinge nicht mit uns. Doch wenn sie untereinander tuschelten, spitzten wir die Ohren.“

Vor zwei Jahren stolperte Liesel Becker erneut über das Schicksal ihres Onkels. „Eines Morgens, als ich im Bett lag und Zeitung las, klingelte das Telefon“, erinnert sie sich „Ein mir unbekannter Mann fragte, ob ich etwas mit dem Namen Jakobstahl verbände. Das war für mich wie eine Stimme aus dem Jenseits. Ich war mehrere Wochen lang durch den Wind.“

Der Anrufer war Dmitri Silbermann, ein Russe, der seit 25 Jahren in Berlin lebt und sich für die deutsch-jüdische Geschichte interessiert. Tagsüber arbeitet er als Programmierer; in der Freizeit sammelt er Feldpostbriefe deutscher Soldaten, um deren Haltung zum Nationalsozialismus zu erforschen.

© 2018, Foto: Hartmut Rößler
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Auf dem Flohmarkt hatte Silbermann eine Postkarte gefunden, die Max Jakobsthal im Februar 1942 aus dem Konzentrationslager an seine Familie in Herzfelde schrieb – sein letztes Lebenszeichen; zwei Monate später war er tot. Die Nachricht ist banal und belanglos. „Es handelt sich um eine typische Karte aus einem KZ, wo jegliche Post streng zensiert wurde“, erklärt Silbermann. Doch man vernimmt die Verzweiflung hinter Jakobsthals letzten Worten „Ich wäre gern bei Euch. Es soll doch nun nicht sein.“

Silbermann fand ebenfalls den Ausweis von Jakobsthals Tochter, der fünfjährigen „Halbjüdin“ Anneliese; mit einem J auf dem Deckblatt und dem Namenszusatz „Sarah“. Er kaufte die beiden Dokumente, die beschmutzt und beschädigt waren; der Postkarte fehlt die Ecke mit der Briefmarke.

Wenn Dmitri Silbermann ein interessantes Dokument findet, versucht er, das Schicksal des Schreibers zu recherchieren und Angehörige zu finden. „Meist lande ich in einer Sackgasse, da keine Verwandten mehr leben“, meint er. „Max Jakobsthal fand ich aber im Verzeichnis der israelischen Gedenkstätte Yad Vashem. Als ich jedoch sah, dass der Eintrag von 1986 stammt, sank meine Zuversicht.“

Damals hatte Liesel Becker die Gedenkstätte in Jerusalem besucht. „Als ich meinen Onkel dort nicht aufgelistet fand, ließ ich mir ein Antragsformular geben und ihn in das Verzeichnis der Ermordeten eintragen“, erinnert sie sich. Auch ihre eigene Adresse hatte sie hinterlassen. So konnte Silbermann ihre Nummer ganz einfach im Telefonbuch finden.

Kurz dem Telefonat trafen sich die beiden in Berlin, und Silbermann schlug vor, für Max Jakobsthal einen Stolperstein in Herzfelde legen zu lassen. Er hat mit der Prozedur bereits Erfahrung – ein anderer Flohmarktfund führte dazu, dass er zwei Stolpersteine im Berliner Scheunenviertel legen ließ. „Die Verbrechen der Nationalsozialisten kann ich nicht rückgängig machen“, erklärt Silberstein. „Aber Stolpersteine dienen für jene Menschen, die umgebracht wurden und ohne Grab blieben, zumindest als symbolische Grabsteine. So werden ihre Namen nicht vergessen.“

Zwei Jahre nach dem Postkartenfund haben die Jakobsthals endlich ihren symbolischen Grabstein. Obwohl Liesel Becker schon in ihrem ersten Brief an den Herzfelder Heimatverein schrieb: „Da ich Jahrgang 1933 bin, wird nun die Zeit etwas knapp.“ Es musste eine Gemeinderatssitzung einberufen und die Zustimmung des Bürgermeisters eingeholt werden.

Der Hauptgrund für die Verzögerung ist jedoch der Andrang bei dem Kölner Bildhauer Gunter Demnig, dessen Stiftung europaweit bereits über 68.000 Stolpersteine verlegt hat. Mehr als 440 Steine pro Monat schafft die Werkstatt nicht; daher gibt es eine Wartezeit.

In Herzfelde war Demnig persönlich dabei, mit Schlapphut und Jeanshemd. Er fährt einen roten Kombi, in dessen Laderaum ganze Paletten mit Stolpersteinen liegen. „Jedes Schicksal ist anders. Das ist für mich nie Routine geworden“, meint er.

Liesel Becker ist froh, dass ihr Onkel nun einen Stolperstein hat. Doch ihr Resümee bleibt skeptisch: „Nach dem Krieg waren wir uns jahrzehntelang sicher: So etwas darf und wird nie wieder passieren. Inzwischen bröselt diese Zuversicht.“

Die Gedenkfeier wurde dann ein größerer Akt, als sie sich das anfangs vorgestellt hatte. Dmitri Silbermann, der Finder der Postkarte, reiste ebenso an wie Mitglieder der jüdischen Gemeinde aus Frankfurt/Oder. Viele Anwohner, der Bürgermeister, Pfarrer und Mitglieder der Verwaltung waren ebenfalls dabei. Liesel Becker fand es besonders aufregend, dass sie in Herzfelde zwei entfernte Verwandte kennenlernte.

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