Fußball-EM der Frauen: Die etwas andere Sportart – und mit Männerkick kaum vergleichbar

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Quelle: Pixabay

Berlin, Deutschland (Weltexpress). Noch ist die Mission Titelverteidigung der deutschen Fußballerinnen bei der Fußball-EM in den Niederlanden eher im Zuckel-Rumpel-Tempo als in voller Fahrt. Drei Spiele in der Vorrunde mit zwei Siegen und einem Unentschieden bescherten ungefährdet Gruppenrang eins vor der K.o.-Runde mit den besten acht Mannschaften im 16-er Feld. Doch lediglich vier Treffer des Favoriten trotz einer Vielzahl an Tormöglichkeiten stärkten das Lager der Skeptiker.
Zumal drei Treffer aus Elfmeterpfiffen nach eher ungeschicktem Zweikampfverhalten der Gegner resultierten und der vierte aus einem Fangfehler der italienischen Torfrau nach einem Freistoß…

Durchaus mager für die deutsche Elf, die sich im Vorjahr in Rio de Janeiro den Olympiasieg sicherte und bei bisher elf EM-Auflagen seit 1984 acht Mal Rang eins eroberte! Und am Samstag über Dänemark den Einzug unter die besten Vier schaffen will.
Dass die Schützlinge der Neu-Bundestrainerin Steffi Jones in der Offensive nicht wie gewohnt zum Zuge kamen, ist andererseits ein Indiz dafür, dass Frauen-Fußball (nicht nur) in Europa auf dem Vormarsch ist. Und allgemein die Konkurrenz ausgeglichener geworden ist. Selbst kleinere Verbände präsentieren Spielerinnen mit Fertigkeiten, die deutlich über das hinausgehen, was man beim Freizeitkick mitbekommt. Nein, da steckt schon systematische Ausbildung in punkto Technik/Taktik dahinter.

Wie berechtigt die erstmalige Aufstockung der EM-Endrunde von zwölf auf nun 16 Mannschaften ist, zeigen die Vorstellungen der Österreicherinnen. Austrias Kickerinnen verwiesen als EM-Neuling in der Vorrunde immerhin den Mitfavoriten Frankreich auf den zweiten Platz.

Ähnlich positiv überraschten die Gastgeberinnen mit drei Erfolgen und dem ungefährdeten Einzug als Gruppen-Primus ins Viertelfinale. Da konnte auch der frühere Bayern-Trainer Louis van Gaal nicht umhin, die Fortschritte von Team Oranje zu loben: „Wie sich der niederländische Frauenfußball entwickelt hat, ist unglaublich“, sagte er der „Süddeutschen Zeitung“. „Ich war seit 2001 nicht mehr bei einem Frauenspiel, der Unterschied zu den Männern war damals viel größer.“

Der von Journalisten in Deutschland zum „Trainer des Jahres“ gewählte Coach der Hoffenheimer, Julian Nagelsmann, äußerte sich gleichfalls mehr als anerkennend zum Rasenballsport der Damen.

„Ich schaue es total gerne, weil es ein ehrlicher Sport ist, viel ehrlicher als Männerfußball“, meinte der 30-Jährige fern jeglicher Macho-Attitüde. „Frauen heulen halt viel weniger rum, liegen selten am Boden… Deshalb liegt deren Nettospielzeit bei 85 Minuten, im Männerfußball lag sie beispielsweise bei Darmstadt zu Hochzeiten bei 51 Minuten und bei Ingolstadt nicht mal ganz eine Halbzeit lang.“

Es sei auch deshalb fast ein „ganz anderer Sport, du kannst dich mehr auf Technik und Taktik konzentrieren. Die athletische Komponente ist unbedeutender als bei uns.“

Einen direkten Vergleich zwischen Männer- und Frauen-Fußball stellen van Gaal und Nagelsmann nicht an.

Ganz im Gegensatz zu manchen Kommentaren in den sozialen Medien. Nicht wenige Fans meinen dort – um sich wohl nicht dem Verdacht einer Macho-Betrachtungsweise auszusetzen -, Frauen-Fußball könne man mit der Performance der Männer einfach nicht vergleichen. Das sei halt schon ein „anderer Sport“.

Für diese Betrachtungsweise liefert auch die EM einige Belege. So unverkennbar das allgemein gestiegene Niveau in der individuellen Ballbehandlung ist, funktioniert das aber überzeugend eher, wenn die Spielerinnen genügend Zeit und Raum bekommen. Werden sie jedoch hautnah bedrängt oder müssen schneller agieren, flippert die Kugel oft hin und her.
Auch beim Direktspiel des Balles, in der Branche one-touch-Fußball, hapert es. Erkennbar, dass die Fehlerquote dann steigt, wenn die Kräfte ab der 65. Oder 70. Minute nachlassen.

Erhebliche Unterschiede zu ihren männlichen Kollegen offenbaren bei dieser EM vor allem die Torfrauen. Jede hoch in den Strafraum geschlagene Flanke oder Ecke birgt hohe Torgefahr. Weil kaum eine Torhüterin aufgrund mangelnder Körpergröße und Sprungkraft in der Lage ist, durch Herauslaufen diese brenzlige Situation zu entschärfen. So führten weite Einwürfe ebenso zu kuriosenTreffern, wie Fangfehler oder Abschläge direkt in die Beine der gegnerischen Stürmerinnen…

So kommt es denn, dass ein männlicher Beobachter in einem Internetforum dem Frauenfußball eine harsche Absage erteilt: „War mal Fan, das schlimme Gekicke der Deutschen und auch der Schweizer Damen lässt mich zukünftig abstinent von der Frauen EM werden. Was nützen mir 85% Spielzeit wenn ich mir Fehlpässe und Ballgeschiebe anschauen muss. Nein Danke, dann lieber heute 3. Liga, die können mit dem Ball umgehen und haben besseres Spielverständnis.“

Auf eine Gefahr bei der Entwicklung des Frauenfußballs weist der Potsdamer Fußball-Lehrer Bernd Schröder, rund 50 Jahre Trainer der Turbine –Frauen: „Frauenfußball ist taktisch anspruchsvoller geworden, mit Pressing und Gegenpressing wie bei den Männern“, meint er in einem Spiegel-Interview. „ Die Frage ist, ob das der richtige Ansatz für den Frauenfußball ist. Ich habe immer gesagt: Die Zuschauer wollen Tore sehen, da musst du auch mal mit offenem Visier nach vorne spielen, auch mal Fehler machen..“ Beim Männerfußball führe das Spiel von Pressing und, Gegenpressing oft zu einer Neutralisation: „ Da passiert nicht viel. Die Gefahr sehe ich beim Frauenfußball auch. Vor allem, weil im Frauenfußball die Kreativität nicht ausreicht, um diese Situationen zu durchbrechen. Das ist ja das Besondere an Messi oder Ronaldo, dass sie dann den Unterschied machen.“

Dass Frauenfußball weniger eine andere Sportart ist als die kleinere Schwester des Männer-Fußballs, zeigt sich auch am Rahmen der aktuellen EM. So werden die Begegnungen in sieben Städten ausgetragen, in denen fünf Stadien mit einer Kapazität von 8000 bis 14 000 Zuschauern zur Verfügung stehen. Nur zwei sind größer. Das Maximum bietet am 6. August der Endspielort Enschede mit 30 000 Plätzen.

Beim Deutschen Fußball-Bund, wo man mittlerweile mehr als 250 000 kickende Mädchen und Frauen registriert (Italien nur rund 26 000!), hat man übrigens generös die Titelprämie auf 37 500 Euro pro Spielerin erhöht. Hört sich attraktiv an, ist aber um Längen von der nicht zur Auszahlung gekommenen Anerkennung von 300 000 Euro pro Nase bei der Männer-EM im Vorjahr.

Dass Frauenfußball andererseits von der Popularität der beliebtesten Sportart gerade in Deutschland profitiert, verdeutlicht die große TV-Präsens. Auf ARD/ZDF, auf ARD One oder auf Eurosport waren nahezu alle Spiele live zu sehen. Selbst, wenn die Deutschen nicht in Aktion traten.

Das hat Neid bei anderen Sportarten hervorgerufen. So beklagte Friedhelm Julius Beucher, Präsident des Behindertsport-Verbandes (DBS): „… Aber wenn ich die Berichterstattung zur Para-WM der Leichtathletik mit der zur Fußball-EM der Frauen vergleiche, dann befinden wir uns hier in einem unangemessenen Verhältnis.“

Wenn in London bei den Paralympics 300.000 Tickets verkauft wurden, müsse dieses Event den Anspruch haben, sich mit der Fußball-EM der Frauen vergleichen zu können: „ Aber es gab eine krachende Niederlage zulasten des Behindertensports, was hier an Berichterstattung stattgefunden hat. Da sind ARD und ZDF ihrem öffentlichen Sendeauftrag nicht nachgekommen.“

Fußball ist eben Fußball – hierzulande eben was anderes als eine von vielen Sportarten.

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