Fremd bin ich eingezogen – Schuberts „Winterreise“ in der Oper Bonn

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© Foto: Thilo Beu, 2015
Bonn, NRW, Deutschland (Weltexpress). Einsamkeit und Verzweiflung, Wehmut und Hoffnungslosigkeit. Ergreifend und zu Herzen gehend durchmisst Schuberts „Winterreise“ mit Texten von Wilhelm Müller musikalisch alle Stadien einer kummervollen Wanderschaft. Einer Reise, deren vorgegebenes Ziel in seiner Endgültigkeit als unausweichlich erscheint. Vor diesem ernsthaften existenziellen Hintergrund ist die „Winterreise“ der sicherlich bekannteste und am meisten anrührende Liederzyklus der Romantik.

Komponiert für Singstimme und Klavierbegleitung, fordert sie in der fast 200jährigen Aufführungspraxis durch ihre Gefühlsintensität geradezu heraus zu alternativen Interpretationen. Zu Neuaufführungen, die die in dem Werk angelegte Orientierungslosigkeit mitsamt allem Liebeskummer durch jeweils unterschiedliche musikalische Mittel zum Ausdruck bringt. Mit der Neuinszenierung von Jürgen R. Weber (Konzept, Regie, Ausstattung) reiht sich die Oper Bonn ein in den Versuch, Schuberts „Winterreise“, diesmal in Form des Musiktheaters, auf andere Weise nachvollziehbar zu machen.

Intendierte Gefühlsregungen

Zurückgreifen kann die Regie dabei auf ein musikalisches Arrangement von Ekaterina Klewitz (Musikalische Leitung) für Singstimme (Christian Georg), Chor (Jugendchor des Theater Bonn), Saxofon (Tobias Rüger), Klavier (Adam Szmidt), Harfe (Helene Schütz) und Violoncello (Johanna Zur). Eine völlig neue Zusammenordnung, die jedoch, wie sich schnell herausstellt, die von Schubert intendierten Gefühlsregungen auf neue und ungewohnte Weise hervorzurufen weiß.

So auch die Regie, die die Liebesbeziehung des einsamen Wanderers konkrete Gestalt annehmen lässt. Doch dabei erfährt das jugendliche Liebespaar, das sich per Computer austauscht, die Umwelt als eine emotional zu Eis erstarrte Landschaft. Allerdings wird es unterstützt vom Chor, der einzelne Passagen wie „Der Lindenbaum“ eigenständig übernimmt und dabei schauspielerisch mit sparsamen Gesten die vom Text zum Ausdruck gebrachten Gefühle unterstreicht. Wie auch bei der tragischen Figur des „Leiermanns“, an dessen Hosenbeinen sich in auswegloser Situation aggressive Straßenhunde zu schaffen machen.

Intensive szenische Darstellung

Darf man Schuberts Liederzyklus, so stellt sich die Frage, mit den Mitteln des Musiktheaters neu interpretieren? Man darf! Diese Einschätzung legt sich nahe, wenn man die von intensiven Bildern geprägte Art der Darstellung unbefangen auf sich wirken lässt. Unglaublich dicht gearbeitet die szenische Darstellung des Eingangsstückes „Gute Nacht“, als der Gedemütigte in seiner Aufbruchsstimmung aus unerfüllter Liebe heraus noch einen Gutenachtgruß an der Tür seiner Liebsten hinterlässt.

Oder als in „Die Wetterfahne“ die Lieblosigkeit der Umwelt durch Mobbing verdeutlicht wird. Überzeugend auch „Die Post“, die mit gleichmäßigen Trommelschlägen auf rostigen Blechfässern angekündigt wird. Und die doch in einem Aufschrei tiefsten Herzschmerzes enttäuschen muss, als der ersehnte Brief einmal  mehr auf sich warten lässt.

Bühne des Lebens

Unglaublich, mit welcher Ernsthaftigkeit der Jugendchor des Theaters Bonn unter der engagierten Leitung von Ekaterina Klewitz die ihm zugedachte Aufgabe meistert. Als ein Klangkörper, dem man die von der Rolle vorgegebenen Emotionen abnimmt, ohne dabei in der schauspielerischen Leistung  nachzulassen. Bis der vom „Leiermann“ und dem sensibel musizierenden Saxofon angeführte Zug, vergleichbar einem mittelalterlichen Totentanz, die Bühne des Lebens verlässt.  

Außer einigen Wenigen, die sich mit ihrer hellen Kleidung von der in einem Seitenausgang des Zuschauerraums verschwindenden Mehrheit abhebt. Um durch ihr Zurückbleiben doch noch ein Stückchen existenzieller Hoffnung in dieser von Bitterkeit geprägten Welt zu verbreiten? Angerührt und konzentriert verfolgt das Publikum diese Wendung und bedankt sich mit frenetischem Beifall und stehenden Ovationen für diesen durchweg gelungenen Premierenabend.

Weitere Aufführungen: 24. und 26. April 2015.

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