„Europa“ als Spiel von Günter Burkhardt ist kleinbürgerlicher, westdeutscher Nonsens

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Die Karte auf dem Küchentisch in der Redaktionsstube des WELTEXPRESS als Stein des Anstoßes. © Münzenberg Medien, Foto: Stefan Pribnow
Berlin, Deutschland (Weltexpress). Günter Burkhardt, der seit über zehn Jahren als Spieleentwickler arbeitet und in dieser Zeit über 50 Spiele entwickelte, bietet in seiner Geographie-Reihe neben „Deutschland“, besser bekannt als „Finden Sie Minden?“ auch „Europa“.

Zugrunde liegt dem Spiel eine Karte, die alles andere als richtig ist: sie ist falsch. Das ist Mist. Europa ist ein Teil der Erde, der sich laut Wikipedia „über das westliche Fünftel der eurasischen Landmasse erstreckt“. Offensichtlich ist das dem Spieleverlag mit Namen Kosmos zu kleingeistig.
Das Franz-Josef-Land, eine große Inselgruppe am Rande des Arktischen Ozeans fehlt völlig wie auch die große sichelförmige Insel Nowaja Semlja, die Barentssee und Karasse trennt. Gegen Nowaja Semlja sind Sizilien, Sardinien, Zypern, Korsika und Kreta, um nur die fünf größten Mittelmeerinseln zu nennen, die auf der Karte abgebildet sind, gemeinsam noch kleiner als Nowaja Semlja. Und gegen das Franz-Josef-land sind die Balearen ein Fliegenschiss. Spitzberge – größer als Island und Irland zusammen – fehlt auch völlig.
Auch der wasserreichste und längste Fluss Europas, die Wolga ist nur mit enem Fitzelchen vom Oberlauf zu sehen. Russland scheint für den 1961 geborenen Burkhardt nur halber Kram zu sein und dessen europäischer Teil weit vor dem Ural zu enden.
Warum aber der anatolische und also asiatische Teil Türkei fast vollständig zu sehen ist, während der von den Griechen in Raubzügen eroberte Teil völlig ausgereicht hätte, jedenfalls Ostthrakien bis Konstantinopel. Was soll eine Stadt wie Ankara in einem Spiel namens Europa?
Warum sind auf der verfälschten Europa-Karte politische Grenzen eingezeichnet und die Krim, dessen Bevölkerung sich mit übergroßer Mehrheit in einer Volksbefragung – das ist ein wahrhaft demokratisches Mittel, dass in der Bundesrepublik Deutschland von den Regierenden nicht genutzt wird – erklärte und zur Russischen Föderation gehört. Warum sind die Volksrepubliken Donezk und Lugansk nicht als eigenständige Staaten zu sehen, obwohl sie ebenfalls nicht mehr zur Ukraine gehören?
Offensichtlich haben andererseits Burkhardt und der Kosmos-Verlag das Kosovo anerkannt. Keine Frage, die können Karten drucken oder fälschen, wie sie wollen, aber an der teils topografischen, teils thematischen „Europa“-Karte von Burkhardt und Kosmos stimmen weder Gelände noch (Geo-), aber das Gewissen schimmert durch und zwar ein kleinbürgerliches und westdeutsches.
Darüber, über die Verballhornung von Gebildeten haben wir uns in der Redaktion des WELTEXPRESS so sehr geärgert, dass wir keine Lust mehr aufs Spielen und Suchen in „Stadt-Land-Fluss“-Manier hatten. So ist das, wenn man eine gute Idee dermaßen verhunzt.
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Europa, Autor: Günter Burkhardt, Alter; ab 10 Jahre, Spieler: 2 bis 6, Dauer: 45 Minuten, Format: 298 x 298 x 74 mm (LxBxH), Inhalt: 1 Spielplan, 1 Ortsanzeiger, 224 Ortskarten, 6 Spielfiguren, 6 Tipptafeln, 24 Tippsteine, 12 Tauschchips, Verlag: Kosmos, EAN: 4002051692636, Artikel-Nummer: 69263, Preis auf der Verlagswebseite: 29,99 Euro (inklusive Mehrwertsteuer und in der BRD versandkostenfrei)
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