Entscheidungen im Alltag aus psychologischer Sicht – Replik auf den Beitrag zu Florian Schröder und sein Programm „Endscheidet euch“ von Egon Pichl

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Quelle: Pixabay, CC0 Public Domain

Frankfurt am Main, Hessen, Deutschland (Weltexpress). Heute schrieb Egon Pichl einen Artikel über den Kabarettisten Florian Schröder mit seinem Programm „Entscheidet euch“, zu dem ich einige Anmerkungen machen möchte. Der Autor und Florian Schröder haben recht. Auch meine Meinung ist, dass der Mensch ständig Entscheidungen trifft, in jeder Sekunde und Minute. Und wenn er gestresst aus Angst vor den falschen Entscheidungen die Bettdecke über den Kopf zieht, um so den Entscheidungen zu entgehen, ist das auch eine Entscheidung.

Der Hintergrund der Angst vor den falschen Entscheidungen ist, dass er meint, alles richtig machen zu wollen bzw. zu müssen. Wenn er nicht müsste, gerate er nicht so sehr in Stress. Das Müssen will er aber nicht. Er gerät also in die Zwangslage oder den Zwiespalt, etwas zu müssen, was er nicht will. Dann wird automatisch Trotz, Verweigerung, Opposition oder das Gegenteil zu machen, erzeugt, und er gerät in zusätzlichen Stress. Wenn ein Mensch gezwungen wird, gegen seinen Willen zu handeln, über seinen Kopf hinweg, etwas zu tun, gerät er in Trotz. Der Stress tritt auf, da er auf der unteren Ebene an das Richtige als die Wahrheit glaubt und trotzdem dagegen und gegen sich handelt.

Aber warum glaubt er? Weil er in einem Milieu aufgewachsen ist, wo ihm der Glaube transgenerationell vermittelt wurde, es gäbe ein richtig oder falsch, gut oder böse – eine Absolutheit und eine Spaltung. Dadurch gerät er in zusätzlichen Stress, wie er das Richtige findet. Die Wahrheit ist, das Richtige zu tun, ist eine Frage 1. des Standpunktes, 2. eine Frage des Standpunktes des Beobachters und 3. der Perspektive, in der die Wahrheit gesehen wird, 4. der Beleuchtung, d.h. der frühkindlichen Erfahrungen, in deren Lichte er die Wahrheit wahrnimmt, und 5. des Zeitpunktes. Zu verschiedenen Zeitpunkten hat er sich bewegt, und die Wahrheit sieht ganz anders aus.

Dann besteht die Neigung zu einer Starrheit, sich nicht zu bewegen, um seine Wahrheit der Richtigkeit der Entscheidung aufrecht zu erhalten und sie nicht zu verändern. Die Tragik ist, das gibt Anlass zum Streit, sich in der Subjektivität um die objektive Wahrheit zu streiten. Ähnlich wie bei einer Medaille, wobei sich zwei gegenüber sitzen, jeder sieht eine Seite, und sie streiten sich herum, wie die Medaille wahrhaftig aussieht. Ein Streit ohne Ende, und alle sind zerstritten, der Unterlegene muss dann sehen, wie er wieder Oberhand gewinnt. Der Sieg ist ein Pyrrhussieg. Jeder weiß, wie häufig Streit ist. Familienmitglieder streiten sich, Gruppen und Nationen, teilweise in Kriegen tödlich.

Manche Depressive und Angstneurotiker haben deswegen Angst vor Entscheidungen. Entscheidungen werden zu einer Herkulesaufgabe. Herkules steht am Scheidewege. Und wenn sie sich doch einmal entschieden haben, zackern sie hinterher mit sich selber herum, war das richtig oder falsch, bzw. ein anderer hat mit ihnen ein leichtes Spiel, sodass ihr Leben in ihrem Zukunftsentwurf zu einem einzigen Jammertal wird. Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit machen sich breit. Oder dem Ängstlichen wird das Leben furchtbar eng, etwas falsches zu tun und das Richtige tun zu müssen, was er zur Entlastung auf symbolisch enge Situationen verschiebt, und dann Platzangst hat, eine Sozialphobie, vor dem, was ihm die anderen einreden, oder ähnliche Ängste entwickelt. Der Hintergrund von Depressionen und Ängsten sind immer Familienstreitigkeiten, meist unter dem Mantel der Pseudoharmonie.

Dabei ist das Ganze doch recht einfach. Der Mensch entscheidet sich immer, das läuft ganz von selber ab. Wie er sich entscheidet, da laufen bewusste und völlig unbewusste Hintergründe und Zusammenhänge ab. Viele Hintergründe wurden schon in der Kindheit gesetzt. Davon kann sich kein Mensch frei machen. Zum Zeitpunkt der Entscheidung entscheidet er immer richtig. Er kann es ja nicht besser wissen, wenn er auch daran dachte.

Das Tragische ist, meist wird ein späterer Zeitpunkt zur Entscheidung über richtig oder falsch genommen – wenn man mehr weiß. Dann sagt er, oder es wird ihm vermittelt, hättest du noch dieses oder jenes bedacht. Aber er kann nicht wissen, ob es bei einer anderen Entscheidung besser verlaufen wäre. Im Nachhinein haben die Besserwisser Hochkonjunktur.

Mir wurde zum 1. Mal dieser Zusammenhang deutlich, als Eintracht Frankfurt vom Abstieg bedroht war, diesen oder jenen Spieler dazu kaufte, den Trainer wechselte und trotzdem abstieg. Dann hieß es, was sie alles falsch gemacht hat. Aber zum Zeitpunkt der Entscheidungen war alles richtig, wenn man auch daran dachte, dies oder jenes könne falsch sein. Aber Gedanken sind noch keine Handlungen, wenn sie auch häufig gleichgesetzt werden. Die Gleichsetzung von Denken gleich Handeln, von Phantasie gleich Realität ist dann das Problem, unter dem viele Menschen über Generationen hinweg leiden.

Wenn ich all meine Gedanken, auch die unbewussten, die ich ja gar nicht kenne, jeweils in Handlungen umsetzten würde, das wäre dann viel zu viel, reinster Stress. Aber den fügen sich viele zu. Dann bekommen sie zum Beispiel einen Burnout oder Rückenschmerzen. Ein Chirurg sagte mir einmal „die Kreuzschmerzen sind das Kreuz, das der Kranke sich selbst auferlegt hat, aber nicht bereit ist, es zu tragen“. Ich erinnere an den Trotz, er glaubt, etwas tun zu müssen, und wehrt sich dagegen, das Ganze auf die körperliche Ebene verschoben. Ich spreche aus eigener Erfahrung. Als ich das einmal feststellte, seitdem habe ich keine Rückenbeschwerden mehr, dafür andere Altersgebrechen.

Ein Lob für Florian Schröder, das er einmal die Entscheidungsfreudigkeit und den -stress aufs Korn genommen hat.

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