Ein Fingerzeig in die Zukunft – Das Stadtmuseum Dresden zeigt die Ausstellung »Der Kulturpalast Dresden. Architektur als Auftrag«

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Kulturpalast Dresden, 1988. © Bildstelle Stadtplanungsamt Dresden

Dresden, Deutschland (Weltexpress). Der Umbau und die Wiedereröffnung des Kulturpalasts Dresden am 28. April war nicht nur der Abschluss eines großen Bauvorhabens. Er ist auch ein interessantes Beispiel der Aneignung eines materiellen und geistigen Erbes.

Oberbürgermeister Dirk Hilbert (FDP) sagte zur Eröffnung: »Wir eröffnen heute viel mehr als einen Konzertsaal. Wir schreiben ein Stück Geschichte der Stadt Dresden. Mitten im Herzen der Stadt ist dieser Kulturpalast ein Bekenntnis zur eigenen Vergangenheit – ein Bekenntnis, das die komplexe Geschichte der Stadt in der DDR einschließt, statt einfach in die vermeintlich unbeschwerte Zeit des Barock und der Renaissance zu verweisen. Wir erhalten dieses Gebäude nicht nur wegen seiner besonderen Architektur, vielmehr erhalten wir ein Erzeugnis der Epoche, die viele hier im Saal und die große Teile Deutschlands und der Deutschen geprägt hat. Dieses Haus war 1969 ein Fingerzeig in die Zukunft – und ist es auch 2017.«

Die Kulturbürgermeisterin Anne-Katrin Klepsch (Die Linke) fügte hinzu: »Der Kulturpalast ist ein Solitär des Neuaufbaus einer kriegszerstörten Innenstadt und ein architektonisches Postulat der Moderne und bedeutete für die Architekturgeschichte der DDR in den 60er Jahren Zäsur und Emanzipation. Frauenkirche, Residenzschloß und Kulturpalast bilden die Zeitgeschichte dieser Jahrhunderte ab und stiften damit Identität. Ich wünsche mir, dass wir die verschiedenen Identitäten auch nicht nebeneinander aushalten, sondern als Bereicherung empfinden.«

Das Ergebnis einer Selbstvergewisserung einer Stadt sei hier vorangestellt, denn hier ging es um die Klärung einiger Grundfragen, die sich nicht auf die Kosten beschränken: Was machen wir mit einer »Errungenschaft« eines untergegangenen Staates? Was ist sie uns wert? Ist sie notwendiges Übel oder Bereicherung?

Planung und Infragestellung

Der lange Prozess der Planung von 1994 bis zu dem im Jahre 2008 gefassten Beschluss für den Umbau des Kulturpalasts und der Realisierung vom Baubeginn 2013 bis zur Fertigstellung 2017 stieß auf viele Widerstände, zum Beispie auf die Forderung nach Abriss oder die Forderung einer Initiative der Landesärztekammer, unterstützt vom Generalmusikdirektor der Semperoper, Christian Thielemann, am Neustädter Ufer ein neues Konzerthaus zu bauen, und auch um eine Urheberschaftsklage des Architekten Wolfgang Hänsch, den Mehrzwecksaal zu erhalten. Verschiedene Bürgerinitiativen verfochten Positionen pro und kontra des Umbaus. In mehreren Bürgerversammlungen mussten Oberbürgermeister, Beigeordnete und Stadträte ihre Pläne verteidigen. Das intensivierte das Nachdenken: Was wollen wir und was bedeutet das für die Gestaltung der Stadt in Zukunft? Bald zeigte sich: Je mehr zu sehen war, wie schön das Haus wird, desto mehr stellten sich Stolz und Gewissheit ein, richtig entschieden zu haben.

Das Erbe und das Museum

Auch das Stadtmuseum fühlte sich dafür verantwortlich, Antworten auf die mit dem Bau verbundenen Fragen zu finden. Die politisch hoch aufgeladene Geschichte hinsichtlich der Architektur und der Nutzungsvarianten heischte Antwort auf die Frage nach Sinn oder Unsinn des Bauwerks, denn der Palast war der umstrittenste Bau der Dresdner Nachkriegsmoderne. Nach 1989 spitzte sich die Frage nach dem Wert des architektonischen Erbes zu. Mit der Ausstellung steuerten die Wissenschaftler um die Kuratorin Claudia Quiring ihr Wissen und ihre Sammlung zur Versachlichung der Diskussion bei. Sie verstanden es, die Geschichte des Palastes in die Geschichte des Wiederaufbaus Dresdens und des Plans der SED einzubetten, die sozialistische Gesellschaftsordnung aufzubauen. Dazu gehörte die Gestaltung sozialistischer Großstädte mit der konzentrierten Ansiedlung von Industrie, Wissenschaft und Kultur. Das Nationale Aufbauprogramm 1952 hatte 53 »Aufbaustädte« geplant. Für Dresden bedeutete das den Wiederaufbau der schwer zerstörten Innenstadt zu einem »kompakten politischen Zentrum« mit einer zentralen Stadtdominante.

Planung für Dresdens Zentrum – Zuckerbäckerstil oder Moderne?

Dieser Aufgabe widmete sich der Chefarchitekt Herbert Schneider. Nach dem Vorbild der Lomonossow-Universität in Moskau und des Warschauer Kulturpalasts entwickelte er das Projekt eines »Hauses der Partei« mit einem 76 Meter hohen Turm. Dieses Projekt machte interessante Metamorphosen durch – bis zu seinem völligen Ersatz durch einen Flachbau. Zum einen wollte Walter Ulbricht, der 1. Sekretär des Zentralkomitees der SED, lieber ein Haus der sozialistischen Kultur als ein Haus der Partei. Zum anderen ging in der Sowjetunion nach Stalins Tod ein Wandel sowohl hinsichtlich der Abkehr von der sogenannten Zuckerbäckerarchitektur als auch hinsichtlich des Übergangs zur industriellen Bauweise vor sich. Auch in der DDR hatte sich eine ideologische Kehrtwende zum industrialisierten und zu einem der Moderne verpflichteten Bauen vollzogen. Als schließlich der Kongresspalast im Kreml 1961 als Flachbau ausgeführt wurde, wurde in Dresden die Hochhausvariante aufgegeben und der Kulturpalast auf der Grundlage eines Entwurfs des Architekturprofessors Leopold Wiel als flacher Bau mit Kuppel in Auftrag gegeben. Wie der Architekt Stephan Schütz berichtet, sprachen sich gerade Moskauer Gutachter, denen Wiels Entwurf als abschreckendes Beispiel gezeigt worden war, energisch für dieses Konzept aus. Auch dieses durchlief mehrere Wandlungen durch Meinungsstreit, Variantenvergleich und durchaus nützliche Sparmaßnahmen. Dass zum Beispiel eine Ehrentribüne weggekürzt wurde, hat der zeitlosen Schönheit des Gebäudes genutzt. Das letztlich realisierte Projekt war die Idee Leopold Wiels. Die komplette Projektierung übernahmen 1962 die Architekten Wolfgang Hänsch und Herbert Löschau vom VEB Hochbauprojektierung Dresden. Gebaut wurde der Kulturpalast schließlich 1966 bis 1969 in der – dank des 2008 verliehenen Denkmalschutzes – heute erhaltenen Form.

Was im Rückblick wie eine Kette von Irrtümern und Halbheiten erscheint, war letztlich doch der Weg des Heranarbeitens an einen ästhetisch schönen, praktischen und finanzierbaren Bau. Die SED als herrschende Partei mit all ihren dogmatischen Eigenschaften hatte sich als lernfähig erwiesen.

Der Kulturpalast wurde mit einem Mehrzwecksaal mit 2400 Plätzen, einer Studiobühne, Zirkelräumen, Restaurants und so weiter ausgestattet. An der künstlerischen Ausgestaltung waren viele Künstler beteiligt. Das bekannteste Werk ist das Wandbild »Der Weg der roten Fahne« von Gerhard Bondzin an der Westfassade, das nach der »Wende« zunächst als Reaktion auf antikommunistische Vorbehalte schamhaft verhüllt, aber 2001 unter Denkmalschutz gestellt wurde und nach seiner Restaurierung wieder ungehindert sichtbar ist.

Ein Problem war von Anfang an die mangelhafte Akustik im Festsaal. Mit dem zunehmenden technischen Verschleiß nach 30 Jahren Nutzung waren Entscheidungen über bloße Sanierung oder Umgestaltung zu treffen. Dank des Ratschlags kluger Leute im Stadtrat (2008) wurde den Architekten aufgegeben, durch einen Umbau einen neuen Konzertsaal, das Kabarett Herkuleskeule und die Städtische Bibliothek unterzubringen, was auch geschah.

Dass das Gebäude nicht nur erhalten geblieben ist, sondern weiterentwickelt wurde, ist und bleibt unbestreitbares Verdienst des Dresdner Stadtrats, der Oberbürgermeister, der Fachleute der Stadtverwaltung sowie der Architekten des Büros von Gerkan, Marg und Partner und der Bauleute. Nicht zu unterschätzen ist – darauf weist Stephan Schütz hin – dass der Palast in seiner zentralen Lage nicht erst mit der Stadt zusammenwachsen muss. Er ist seit Jahrzehnten organischer Bestandteil des Zentrums der Stadt.

Die Ausstellung des Stadtmuseums würdigt den Kulturpalast als »markanten Bau der internationalen Architekturmoderne, repräsentativ und schlicht zugleich, der in manchem zum Vorbild des Palastes der Republik in Berlin wurde«.

Nachbarn und Brüder und Schwestern

Ein überraschender Vorzug der Ausstellung ist der Vergleich mit den »Nachbarn« in Dresden und mit den »Brüdern und Schwestern« in der DDR. Gemeint sind im ersteren Falle andere Bauten der Ostmoderne, die in Dresden gebaut wurden, zum Beispiel der Komplex Prager Straße, der Neustädter Markt oder das Einkaufszentrum Webergasse, die aber nach 1989 zum Teil ohne Rücksicht auf ihren architektonischen Wert abgerissen wurden, wie das Centrum Warenhaus, die beliebte HO-Gaststätte »Am Zwinger« und die Webergasse. Rund 20 Objekte der Ostmoderne wurden in Dresden gebaut, zum Teil nach Vorbildern aus dem Westen wie der Rotterdamer Fußgängerzone Lijibaan (1952-1954). Das Hochhaus am Pirnaischen Platz folgte Ideen des Stararchitekten Le Corbusier. Interessant wäre eine Untersuchung, wie diese Bauten für ein modernes Stadtbild produktiv gemacht werden können statt sie hinter Neubauten zu »verstecken«. Auch Vergleiche mit anderen DDR-Großstädten könnten anregend sein für die Dialektik von Erbe und neuen Ideen, für das Verhältnis von profitorientierten Funktionsbauten und der Verantwortung der Kommunen für ein gestaltetes – nicht zusammengewürfeltes – Stadtbild.

Die Ausstellungsmacher diskutieren auch den gesellschaftlichen, kulturpolitischen und architektonischen Wert anderer Kulturhäuser der DDR – der Brüder und Schwestern des Dresdner Kulturpalasts. Nicht weniger als 1 838 Kulturhäuser waren in der DDR entstanden, oft in Betriebseigentum wie in den Leunawerken und in der Maxhütte Unterwellenborn, meist polyfunktionale Einrichtungen zur Unterhaltung, Bildung und künstlerischen Selbstbetätigung der Werktätigen, der Kinder und Jugendlichen. Ihre Rolle als Erfordernis und Mittel der Gestaltung der sozialistischen Gesellschaft wird in der Ausstellung gut analysiert, jedoch wird die Motivation sehr verkannt. Ihr Sinn war die Herausbildung der sozialistischen Persönlichkeit und nicht ihre »Einbindung in ein staatliches Kontrollsystem«, wie die Autoren meinen. Die Kulturhäuser unterschieden sich und mussten sich unterscheiden vom Typ der Stadthallen in der alten Bundesrepublik, die der Unterhaltung und der Durchführung von Kongressen dienten.

Dieser Exkurs ist ein Alarmsignal für das Schicksal der Kulturhäuser. Sie wurden und werden massenhaft stillgelegt, umgenutzt oder abgerissen. Wo sie Volkseigentum waren, tat die Treuhand ihr Vernichtungswerk wie bei den Produktionsstätten selbst. Zahlen sind nicht bekannt. Wo aber ihre Erhaltung betrieben wird, ist es das Werk verantwortungsbewusster Kommunalpolitiker wie in Neubrandenburg und Schwedt oder der Initiative von Kulturvereinen wie in Unterwellenborn oder in Plena im Lausitzer Kohlerevier. Sie konnten den Abriss verhindern, aber die notwendige Sanierung schafft kaum lösbare Probleme. Damit befasst sich keine Bundesbeauftragte für die Ost-Bundesländer.

Erwägungen zum öffentlichen Diskurs

Das Team der Ausstellung gelangt zu grundlegenden Überlegungen für die Bauten der »Ostmoderne«. Diese hätten einen schweren Stand, weil es eine verbreitete Wahrnehmung als Altlasten ohne historische Bedeutung und kulturellen Wert gibt. Die vom Geldmangel der Kommunen in den Vordergrund gerückten wirtschaftlichen Erwägungen haben durch Umnutzung, Vernachlässigung und Abriss zu unwiederbringlichen Verlusten und zu verringerter Wertschätzung geführt. »Zwar findet aktuell ein Neubewertungsprozess statt. Ein breit getragener gesellschaftlicher Konsens über den architektonischen Wert oder gar die Schutzbedürftigkeit der Bauten als bewahrenswerte Zeugnisse dieser Bauepoche besteht (noch) nicht. Ein möglichst neutraler Blick auf die baukünstlerischen Qualitäten der Bauten der Nachkriegszeit tut daher not«, heißt es im Begleittext.

Diese Feststellung liest sich wie ein Aufruf zur öffentlichen wissenschaftlichen Diskussion. Was wäre, wenn politische und wissenschaftliche Institutionen Dresdens einen Anlauf nähmen, um sich zum Beispiel in einem Symposium eben jenem gesellschaftlichen Konsens anzunähern? Der Stadt, die für 2025 den Titel Kulturhauptstadt Europas anstrebt, stände das gut zu Gesicht. Über diesen Vorschlag denken die Fachleute der Kulturbürgermeisterin Anne-Katrin Klepsch (Die Linke) nach. Da der Umbau des Kulturpalastes bereits auf der Architekturbiennale in Venedig (2014) Aufmerksamkeit erregte, dürfte das Thema internationales Interesse wecken. Mit der Ausstellung im Stadtmuseum Dresden leisteten die Dresdner Wissenschaftler einen hochqualifizierten Beitrag zu einer breiten wissenschaftlichen Diskussion über die architektonische Moderne und über die Aneignung des architektonischen Erbes der DDR. Freilich: die »Ostmoderne« loben hieße auch die DDR loben. Im CDU-geführten Sachsen vielleicht ein Tabubruch.

In ihrem wissenschaftlichen Wert geht die Ausstellung weit über eine Erzählung des Aufbaus und des Umbaus des Kulturpalasts hinaus. Sie bietet viel wissenschaftlichen Text, gerade weil sie sich intensiv mit dem Auf und Ab in der Geschichte des Kulturpalastes auseinandersetzt. Weil diese Fülle schwer zu erfassen ist, hatte das Museum die ausgezeichnete Idee, Text und Bilder der einzelnen Abteilungen in je einem Plakat im DIN A 2-Format zu dokumentieren, faktisch anstelle eines Katalogs. Die kann der Besucher mitnehmen.

Die größte Überraschung ist ein wunderschöner handgewebter Gobelin Im Format 9,25 x 1,58 Meter: »Heitere Reminiszenzen aus Dresden« von Christa Engler–Feldmann (1969). Einst im Restaurant des Palastes angebracht, wollte ihn nach der Wende niemand mehr haben, und er verschwand im Depot des Museums. Dabei kommen in ihm weder Uniformen noch Fahnen vor. Oder er wurde auf diese Weise in Sicherheit gebracht, denn andere Kunstwerke gingen in dieser Zeit zu Zehntausenden verloren. Wem gehört nun der Gobelin – der Dresdner Philharmonie oder dem Museum? Der Direktor der Städtischen Bibliotheken, Arend Flemming, machte sogleich große Augen. So könnte dafür gesorgt sein, dass der Gobelin in keinem Depot verstaubt.

Alles in allem: Sowohl der Auftrag zur Neugestaltung des Kulturpalasts als auch die Ausführung waren genial. Und während andernorts die geplanten Etats bis zum zehnfachen überzogen werden, hat die Stadt Dresden von 2013 bis 2017 für rund 200 Millionen Euro gebaut: Ein Operettentheater, drei Theatersäle des theaters junge generation (im Kraftwerk Mitte), einen Konzertsaal mit einer Konzertorgel, eine Kabarettbühne und eine Riesenbibliothek, dies alles mit der nötigen Infrastruktur.

Doch freuen wir uns nicht zu früh. Ein Gespenst geht um im Kulturpalast – die Stasi. Cornelia Herold von der Stasi-Unterlagen-Behörde wird am 17. August in einem Vortrag enthüllen, wie der Kulturpalast im Visier der Stasi lag. Wenn dann im Kulturpalast die Wände wackeln, hat Dresden vielleicht wieder einen Sanierungsfall.

Der Kulturpalast Dresden. Architektur als Auftrag. Ausstellung im Stadtmuseum Dresden, Eingang Landhausstraße, bis 17.9.2017.

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