Ein eleganter Bau der DDR-Moderne – Der Umbau des Kulturpalastes Dresden hat sich bewährt

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Kulturpalast Dresden, 1988.
Kulturpalast Dresden, 1988. © Bildstelle Stadtplanungsamt Dresden

Dresden, Deutschland (Weltexpress). Vor einem Jahr, am 28. April 2017, wurde der Kulturpalast Dresden nach einem gründlichen Umbau wiedereröffnet. Seine Lage im Herzen der Stadt ist ideal. Die Semperoper, der Zwinger, die Hofkirche, das Stadtschloss und die Frauenkirche umgeben ihn im Halbkreis. Dort, wo der Wanderer das Rathaus vermuten würde, steht am Altmarkt, schräg gegenüber der Kreuzkirche, der elegante Bau der DDR-Moderne – der Kulturpalast. Seit seiner Eröffnung im Jahre 1969 war er das kulturelle Herz der Stadt – und er ist es geblieben. Wurde er vor 2012 für Konzerte, Unterhaltungsveranstaltungen und Kongresse genutzt, beherbergt er nun die Dresdner Philharmonie, das Kabarett »Die Herkuleskeule» und die Zentralbibliothek der Städtischen Bibliotheken. Das Haus ist belebt von früh bis spät.

Magnet ist der neue Konzertsaal mit 1 754 Sitzplätzen und zehn Rollstuhlplätzen, der im ersten Jahr 200 000 Besucher verzeichnete. Die Dresdner Philharmonie konnte Bilanz ziehen: sie hatte 40 000 mehr Besucher als im Vorjahr (plus 30 Prozent) und 1 000 mehr Abonnenten als im alten Kulturpalast. Die Auslastung der Konzerte stieg seit 2015 von 83 auf 89 Prozent. Eine Neuheit ist die Konzertorgel, die neben den Konzerten großer Organisten wie Olivier Latry und Wayne Marshall auch zur Begleitung von Stummfilmen wie »Das Phantom der Oper» gespielt wird.

Die hohe Klasse des Orchesters ist das Verdienst des Chefdirigenten Michael Sanderling und seiner Musiker. Seit seinem Amtsantritt 2011 hat Sanderling das Orchester über jene Jahre geführt, in denen es nach der Schließung des Kulturpalastes 2012 in Dresden durchweg in Ausweichsälen spielen musste, die als Konzertsäle nicht geeignet waren, aber, wie Sanderling sagt, in fünf Jahren »unterwegs» an Flexibilität und Sicherheit gewonnen und seine hohe Klangbildung bewahrt hat. Die Spielzeit 2018/2019 wird seine letzte bei der Dresdner Philharmonie sein. Er werde mit dem Gefühl glücklicher Erinnerungen gehen, sagte Sanderling bei der Bekanntgabe des Programms der Dresdner Philharmonie für 2018/2019.

Programm Michael Sanderlings

Vor dem Abschied richtet sich die Aufmerksamkeit auf das Programm des Chefdirigenten, zumal er nicht müde wird, die Feinheiten der Akustik des neuen Konzertsaals weiter auszuschöpfen. Sanderling und das Orchester werden die Gesamtaufnahme sämtlicher Sinfonien Ludwig van Beethovens und Dmitri Schostakowitschs vollenden. Ein Glanzpunkt seines Programms wird die Uraufführung eines Auftragswerks des Composers in Residence, Fazil Say, der Sinfonie Nr. 4 »Umut» (Hoffnung), sein. Im gleichen Konzert wird Say Ludwig van Beethovens Klaviersonate d-Moll »Der Sturm» spielen. Besondere Anliegen Sanderlings werden ein Mozart gewidmetes Programm sowie ein Brahms-Konzert mit Martin Helmchen (Klavier) sein. Der Artist in Residence, Christian Tetzlaff, bietet an zwei Abenden das Violinkonzert D-Dur Ludwig van Beethovens. Mit seiner langjährigen künstlerischen Partnerin Julia Fischer wird Sanderling sein Abschiedskonzert geben. Julia Fischer spielt das Violinkonzert D-Dur von Johannes Brahms. Symbolisch sieht Sanderling seinen Abschied mit der Alpensinfonie von Richard Strauss. Nach beglückendem Aufstieg, nach Stolz und Zufriedenheit, nach erschöpfendem Abstieg wachse neuer Enthusiasmus.

Das Programm der Dresdner Philharmonie ist vielgestaltig und reizvoll. Dafür stehen wenige Zahlen: 58 Konzerte im Kulturpalast, acht Veranstaltungen mit Weltmusik und Filmen, acht Orgelkonzerte, zehn Familienkonzerte, sechs Konzerte für Schulklassen. 13 Schulkonzerte, sieben Programme »Musik und Literatur», Probenbesuche, Führungen, darüber hinaus Konzerte in der Frauenkirche, im Schloß Albrechtsburg, zwei Gastspiele in Deutschland und 16 Gastspiele in Europa, Asien und Lateinamerika.

Ein besonderes Ereignis wird ein Gedenkkonzert zum Jahrestag der Pogromnacht am 9. November 1938 sein, jener Nacht, in der auch die Dresdner Synagoge in Brand gesteckt wurde. Das Konzert hat den Titel »Violinen der Hoffnung». Der Geigenbauer Amnon Weinstein aus Tel Aviv wird 17 Geigen mitbringen, die zum Teil Opfern des Holocaust gehört hatten und in den Konzentrationslagern gespielt wurden, das heißt in den Lagerkapellen gespielt werden mussten. Neben diesen besitzt Weinstein auch Geigen, die ihm von Musikern des Palestine Symphony Orchestra überlassen wurden. Als sie von der Ermordung der Juden in den Vernichtungslagern erfuhren, wollten sie auf deutschen Geigen nicht mehr spielen und gaben sie weg. Weinsteins Violinen werden im Konzert gespielt werden. Leider sollen die Geigen nicht, wie im Jahre 2015 in der Berliner Philharmonie, auch ausgestellt werden.

Im Plan der Dresdner Philharmonie vermisse ich ein Gedenken an Szymon Goldberg, dessen 110. Geburtstag auf den 1. Juni 2019 fällt. Goldberg, Schüler von Carl Flesch, war bereits mit 16 Jahren Konzertmeister der Dresdner Philharmonie, später unter Wilhelm Furtwängler beim Berliner Philharmonischen Orchester, bis er von den Nazis vertrieben wurde. Die Lücke ist desto verwunderlicher, als die Dresdner Philharmonie eine enge Freundschaft mit der Familie Goldbergs in Japan verbindet. Die Biographie Goldbergs, verfasst von seiner Witwe Miyoko Yamane, hat in Deutschland noch keinen Herausgeber gefunden.

Überraschung

Überraschung! Ganz am Rande werden drei Konzerte der Sächsischen Staatskapelle Dresden im Kulturpalast erwähnt. Jahrelang hatte sich die »Kapelle» geziert, im neuen Konzertsaal spielen zu wollen. Trotz wiederholter Einladung der Kulturbürgermeister Ralf Lunau und Annekatrin Klepsch sowie Michael Sanderlings sagte sie nichts zu und zog sich auf Abwarten auf die Eignung der Akustik zurück. Der wahre Grund war der Plan der Kapelle und ihres Generalmusikdirektors Christian Thielemann, am anderen Elbufer ein neues Konzerthaus zu bauen. Das hätte den Umbau, ja den Bestand des Kulturpalastes gefährdet. Der Stadtrat aber beschloss den Umbau. Die Orchestervorstände der Dresdner Philharmonie freuen sich, dass sich die Musiker der Kapelle inzwischen von der guten Akustik überzeugt haben und gern im Kulturpalast spielen wollen. Allerdings wird Christian Thielemann kein einziges der drei Konzerte leiten, auch nicht das Sonderkonzert zum 470. Jahrestag der Staatskapelle. Dennoch: Statt der trockenen Ankündigung in der Jahrespressekonferenz der Dresdner Philharmonie wäre ein Willkommen an die ältere Schwester ein schöner Zug gewesen.

Intimität und Würde

Hauptthema beim neuen Konzertsaal war naturgemäß die Akustik. Ursache war die grundlegende Unzufriedenheit der Orchester, die bis zur Weigerung der Staatskapelle führte, im Kulturpalast noch zu spielen. Das Ziel des Umbaus musste eine exzellente Akustik sein, für die sich die Firma Peutz aus den Niederlanden verbürgte. Das wurde mit einer Nachhallzeit von 2,2 Sekunden erreicht. Tatsächlich hat der Konzertbesucher das Gefühl, inmitten des Orchesters zu sitzen. Dazu verhelfen technische Finessen wie zum Beispiel bewegliche Metallplatten in den Wandelementen.

Worüber weniger gesprochen wird, ist der Raum selbst oder das Raumgefühl. Im Gegensatz zur Berliner Philharmonie ist der Saal bei ähnlichem Grundaufbau schmaler. Die Ränge haben mehr Steigung. Infolge dessen sitzen die Zuhörer näher beisammen. Trotz 1754 Plätzen empfindet man den Raum mehr als Kammermusiksaal denn als Halle. Nimmt man die komfortable Ausstattung hinzu, bequeme Sitze, helle Hölzer, helles, warmes Licht, trifft es den Eindruck Michael Sanderlings – Intimität und Würde. Warum ist der Saal so hoch und hell? Weil sein »Firmament» ungetrübt von Lautsprechern, Scheinwerfern, Trägern, Kronleuchtern ist. Das war Sanderlings Bedingung: keine schwebenden Gegenstände im Saal, ausgenommen Mikrofone, die kaum auffallen. Im Gegensatz dazu wirkt die Berliner Philharmonie wie ein Lampenladen. Gelungen, der Konzertsaal, darf man sagen. Ein Zugeständnis an die vorhandene Gebäudehülle sind verhältnismäßig steile Treppen zum Eingang der Ränge, weil der Saal eben höher ist. Ein notwendiges Übel.

Arbeitsbedingungen mit Für und Wider

Eine große Rolle bei der Planung spielten die Arbeitsbedingungen des Orchesters. In langen Diskussionen des leitenden Architekten Christian Hellmund mit allen Musikern wurden die Grundrisse der Stimmzimmer, der Garderoben, der Depots ausführlich besprochen und gutgeheißen. Nikolaus von Tippelskirch, seinerzeit als Orchestervorstand intensiv beteiligt, zeigt sich hochzufrieden. Das Entscheidende ist die gute Akustik, doch zudem bieten die Stimmzimmer und Garderoben reichlich Platz. Zum Beispiel bestehen im Untergeschoss getrennte Stimmzimmer für Trompeten, Posaunen, Hörner, Tuba, Harfe und Pauken. Auch für Gastorchester ist genügend Platz vorhanden. Nach von Tippelskirchs Wahrnehmung hat der Kulturpalast die besten Bedingungen im Vergleich zu vielen anderen Konzertsälen. Zu den guten Bedingungen zählen auch die dreidimensional verstellbaren Orchesterstühle der Firma Wilde und Spieth. Verwunderlich bei solch intensiver Planung ist das Fehlen einer Betriebskantine. Etwas abseits im Gebäude liegt ein Musikerfoyer mit kleinem Imbissangebot. Aber es fehlt ein Betriebsessen wie in der neu erbauten Staatsoperette und vor allem ein zentraler Treffpunkt wie in der Berliner Philharmonie. Ein bedauerlicher Schwachpunkt. Das Problem wird von der Intendantin Frauke Roth und vom Orchestervorstand Robert-Christian Schuster kleingeredet. Die Mitarbeiter bekämen im Restaurant »Palastecke» 20 Prozent Rabatt. Jedoch, bei Preisen von 9 bis 19 Euro für ein Hauptgericht ist das zu teuer für ein »Betriebsessen», das etwa vier bis fünf Euro kosten darf. Es werde mit dem Personalrat ein Weg gesucht, heißt es. Gut wäre ein Treffpunkt für alle, der auch mit den Kollegen von der Herkuleskeule und der Zentralbibliothek gemeinsam genutzt werden könnte.

Kunst am Bau

Dank des Denkmalschutzes wurden Decken, Treppengeländer, Türen, der Wandfries »Unser sozialistisches Leben» und das Mosaik »Der Weg der roten Fahne» restauriert und erhalten. Ein Schmuckstück fehlt noch, der handgewebte Gobelin »Heitere Reminiszenzen aus Dresden» von Christa Engler-Feldmann (1969. 9,25 x 1,58 Meter), der einst im Restaurant des Kulturpalastes hing und vor einem Jahr im Stadtmuseum ausgestellt wurde. Auf Nachfrage versicherte Axel Walther, Geschäftsführer der »Hausherrin» Kommunale Immobilien Dresden GmbH, seine Rückkehr sei geplant. Er müsse noch einen geeigneten Platz suchen.

Der Palast lebt und wird von den Dresdnern gern und respektvoll genutzt. Er ist ein Aktivposten bei der Bewerbung der Stadt um die Kulturhauptstadt Europas 2025. Solange jedoch Pegida auf der Straße ist, wird das kulturelle Antlitz Dresdens getrübt sein.

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